Benedikt XVI. Der altersmilde Großinquisitor

Drei Tage nach seinem 78. Geburtstag wurde aus Kardinal Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. Ein erzkonservativer Bayer auf dem Stuhl Petri? Die schnelle Wahl und das Alter des neuen Pontifex deuten eher darauf hin, dass der vatikanische Chefdenker das Erbe Wojtylas verwalten soll, bis der eigentliche Nachfolger übernimmt.

Von Dominik Baur


Als Benedikt XVI. noch Kardinal war: Ratzinger im Jahr 1990 bei einer Predigt im Dom zu Speyer
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Als Benedikt XVI. noch Kardinal war: Ratzinger im Jahr 1990 bei einer Predigt im Dom zu Speyer

Hamburg - Wer als Favorit ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus, lautet eine der alten Regeln zur Papstwahl. Doch diese kann nun getrost für immer im Geheimarchiv des Vatikans weggeschlossen werden. Kein Name wurde bei den Spekulationen über den Nachfolger von Johannes Paul II. so häufig genannt wie der Joseph Ratzingers. Und doch verließ der bayerische Kardinaldekan die Sixtinische Kapelle nicht als einer von 114 Kardinälen, sondern als Papst Benedikt XVI.

Auch Ratzingers Bruder Georg, ebenfalls Priester und lange Jahre der Chef der Regensburger Domspatzen, wurde Lügen gestraft, als der erste deutsche Papst seit Hadrian VI. (1522-1523) am Abend auf die Loggia des Petersdoms trat. "Mein Bruder wird ganz bestimmt nicht Papst", sagte er noch vor wenigen Tagen der Münchner "Abendzeitung". Es gebe so viele Kandidaten, dass jemand in seiner Alterstufe normalerweise nicht gewählt werde, erklärte Georg Ratzinger. "Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass man einen Deutschen zum Papst wählt." Weit gefehlt.

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Ratzinger, mehr Theologe als Seelsorger, gilt - besonders in Deutschland - als erzkonservativ. Doch ist kaum anzunehmen, dass er seinen Vorgänger darin weit übertrifft. Schließlich prägte er die katholische Kirche an der Seite von Johannes Paul II. über 20 Jahre lang wie kaum ein anderer. Ob Schwangerenberatung, Empfängnisverhütung, Zölibat oder das Verbot weiblicher Priester - Ratzinger und Wojtyla waren stets auf einer Wellenlänge.

Die beiden trafen sich mindestens einmal pro Woche, keiner in der Kurie stand dem Papst näher. Doch so einig sich die beiden kirchenpolitisch waren, so augenfällig war der Unterschied der Persönlichkeiten. Galt Karol Wojtyla als "Papst der Herzen", der die Menschen mitreißen konnte, war seine rechte Hand mehr der kühle Denker.

1981 berief der Papst ihn nach nur wenigen Amtsjahren als Erzbischof von München und Freising nach Rom. Als Chef der Glaubenskongregation, dem Nachfolgeramt des berüchtigten Großinquisitors, verfocht er den strengen Kurs des Vatikan. "Der Großinquisitor aus Marktl am Inn", lautete somit der Spott bei vielen seiner Landsleute. In der übrigen katholischen Welt fiel das Urteil weit weniger harsch aus. Dort sieht man in dem neuen Papst eher den Bewahrer im positiven Sinne, jemanden, der nicht Mainstream und Zeitgeist hinterherhechelt. Besonders die lateinamerikanischen Kardinäle sollen sich schon vor dem Konklave für seine Wahl stark gemacht haben.

Papst Benedikt XVI.: Eine Wellenlänge mit Wojtyla
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Papst Benedikt XVI.: Eine Wellenlänge mit Wojtyla

Bei seiner Predigt zum Auftakt des Konklave positionierte sich der Kardinal noch einmal als strenger Glaubenswächter. Ein klarer religiöser Glaube werde heute oftmals als Fundamentalismus abgetan, schimpfte Ratzinger und geißelte in einem Rundumschlag Marxismus, Atheismus, Libertinismus, Individualismus und eine "Diktatur des Relativismus", die nichts fest anerkenne.

Den Kritikern bleibt nun nur die Hoffnung, dass sich bei Ratzinger nun eine gewisse Altersmilde zeigt. Er selbst will bereits festgestellt haben, dass er "milder und langsamer" geworden sei. Früher sei ihm dagegen öfter das "bayerische Temperament" durchgegangen. Die Kritik aus Deutschland lässt ihn dabei nicht völlig kalt. Er leide darunter, zum Buhmann gemacht zu werden. "Aber man kann nicht große Dinge betreiben, ohne dafür Prügel zu beziehen."

Große Dinge? Ein Theologe im Vatikan sagte tatsächlich einmal, seit Martin Luther habe kein Deutscher die Kirche so sehr geprägt wie Ratzinger. Sollte das auf den Präfekten der Glaubenskongregation noch nicht zugetroffen haben, auf Papst Benedikt XVI. wird es wohl in jedem Fall zutreffen.

In Marktl am Inn, wo die Leute heute Abend außer Rand und Band waren und die Wahl des berühmtesten Sohnes der Gemeinde mit Böllerschüssen und Freibier feierten, wurde Joseph Ratzinger 1927 geboren. Sein Vater war Gendarmeriemeister. Schon als Bub soll er dem damaligen Münchner Kardinal Faulhaber bei einem Gemeindebesuch erklärt haben: "Ich werde mal Kardinal."

Den Weg dorthin verfolgte er zielstrebig: Nach dem Abitur studierte der Einserschüler Theologie und Philosophie. Es folgen Priesterweihe, Promotion und - im Alter von nur 30 Jahren - die Habilitation. Als Dogmatikprofessor lehrte er in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 berief ihn Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising und machte ihn noch im selben Jahr zum Kardinal.

Martin Bialas, ein Schüler und Freund Ratzingers, hat die letzten Tage besonders viel gebetet. Der Regensburger Pater war davon überzeugt, dass Ratzinger nicht gern den Papst machen würde. "Ich glaube zwar fest, dass er im ersten Wahlgang die meisten Stimmen bekommen hat. Aber ich hoffe für ihn, dass er nicht Papst wird." Die Gebete wurden nicht erhört. Doch in der Tat dürfte sich der 78-Jährige nicht aufgedrängt haben. Aber einer wie Ratzinger entzieht sich der Pflicht nicht. Und die dürfte es in seinen Augen jetzt sein, den Kurs der Kirche in diesen stürmischen Zeiten zu halten.

In seinem Alter dürfte Benedikt XVI. den Stuhl Petri kaum so lange besetzt halten wie Johannes Paul II. Damit dürfte Ratzinger der von vielen Vatikan-Experten erwartete "Übergangspapst" sein. Nach dem 26-jährigen Pontifikat des "Jahrtausendpapstes", so das Argument, sei die Kirche noch nicht bereit für den nächsten großen Papst. Dazu kommt, dass Ratzinger schon als Präfekt der Glaubenskongregation bereits mehrfach aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten wollte. "Dieses Leben ist sehr hart", klagte er. Er warte ungeduldig auf die Zeit, da er sich in seine bayerische Heimat zurückziehen und noch einige Bücher schreiben könne. Dazu wird es jetzt nicht mehr kommen.



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