Benedikt XVI. in Auschwitz Das doppelte Schweigen

In Auschwitz hat Papst Benedikt XVI. seine Pilgerreise durch Polen beendet - und zu sich selbst gefunden: "Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes." Das Wort "Schuld" dagegen taucht in der Ansprache nicht auf.


Oswiecim - Hinter dem Mahnmal stehen ein Wäldchen von Schwarzbirken und einige Pappeln. Daneben Reste von gesprengten Ziegelmauern, ein Wachturm, ein dunkler Tümpel, in dem Asche liegt. Der Papst ist von Krakau gekommen, im Konvoi über eine den ganzen Tag gesperrte Autobahn. Alle hundert Meter stand ein Polizist, den Rücken zur Straße gekehrt, und in den Dörfern warteten die Menschen mit gelbweißen Wimpeln und hielten ihre Kinder hoch. Als Benedikt XVI. dann um 18.20 Uhr vor den Gedenkplatten steht, mit Inschriften in den 22 Sprachen der Toten, treibt ihm der Wind Regenschnüre entgegen.

"An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen - Schweigen, das ein notwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen?" So wird er gleich seine Ansprache beginnen. Am Stein in deutscher Sprache denkt er an die von Johannes Paul II. selig gesprochene Edith Stein, "Jüdin und Deutsche, die zusammen mit ihrer Schwester im Grauen der Nacht des nazideutschen Konzentrationslagers verschwunden ist", und die zu den "Zeugen der Wahrheit und des Guten, das auch in unserem Volk nicht untergegangen war" gehöre. Das wird er gleich sagen.

Das jüdische Kaddisch wird gesungen, die Anrufung der Toten. Der Regen hat aufgehört, man hört es rauschen in den Birken, und wenn der Papst sich jetzt umdrehen würde, könnte er einen Regenbogen sehen, der sich vom Lagertor bis in eine graue, oben aufgerissene Wolke spannt. Das Schauspiel würde ihn vermutlich nicht verwundern.

Es ist Joseph Ratzingers Wunsch gewesen, hierher zu kommen. Im Stammlager hat er Henryk Mandelbaum schweigend umarmt, einen der wenigen Überlebenden der Häftlingskommandos, die in den Gaskammern arbeiten mussten. Er hat lange mit gesenktem Kopf vor der Todesmauer gestanden, und einen Moment lang schien es, als würde er niederknien. Aber Benedikt ist nicht Johannes Paul.

"Grüß Gott, Heiliger Vater"

Er ist nicht auf große Gesten aus. Dennoch hat er in den letzten Tagen über drei Millionen Menschen auf die Beine gebracht. Die Polen haben ihn angenommen, auf dieser doppelt schwierigen Pilgerreise. Er folgte den Fußstapfen seines Vorgängers, ohne ihm gleichen zu können. Und er sprach als Oberhaupt einer Weltreligion, musste aber damit rechnen, von vielen als Deutscher, als Mitglied der Flakhelfergeneration gehört zu werden.

Es waren dann die Polen, die Benedikt XVI. am Wallfahrtsort Jasna Gora entgegenkamen und im Massenchor, in deutscher Sprache, gerufen haben: "Grüß Gott, Heiliger Vater!" Den meisten Gläubigen in Polen ist es gleich, welche Behörde den Geburtsschein des Papstes ausgestellt hat. Sie lieben ihn. Weil er so sorgfältig ihre schwere Sprache eingeübt hat. Weil er sich klaglos und milde den Mühen des Protokolls unterwirft. Weil er eine Botschaft hat, auch wenn sie streng ist. Weil er in jeder Ansprache ihren geliebten Jan Pawel II. zitiert. Aber vor allem: weil er der Papst ist.

Auch die leicht misszuverstehende Äußerung auf dem Hinflug, er komme "vor allem als Katholik" und nicht als Deutscher, hat in Polen, anders als in Frankreich oder der Bundesrepublik, keinerlei Irritationen ausgelöst.

Auf dem verregneten Pilsudskiplatz in Warschau, wo Johannes Paul II. 1979 den Verhältnissen "auf dieser Erde" den Kampf ansagte, hatten beide noch gefremdelt. In Jasna Gora, der Stadt der Schwarzen Madonna, war es schon fast wie früher, und in Krakau konnte der Papst dann, gestern Morgen, vor einer Million Pilgern, sagen: "Krakau ist auch meine Stadt." Und auch Auschwitz ist sein Ort: "Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes, und gerade deshalb", sagt er, stehend, neben sich das Häuflein Überlebender, weißhaarig, mit Halstüchern in Häftlingsfarben, "gerade deshalb muss ich, darf ich sagen: Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen." Doch dann schweigt auch er.

Metaphysik statt Mea Culpa

Das Wort "Schuld" fällt nicht. Es gibt kein "Mea Culpa", weder zum Antisemitismus der Kirche, noch zur Rolle seines Vaterlands. Die Deutschen, sagt er in einer Wendung, die ihm wohl noch lange anhängen wird, die Deutschen seien ein Volk, "über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte". Er steht hier als Benedikt XVI., nicht als Joseph Ratzinger, geboren in Marktl am Inn. Er muss die Vergangenheit nennen, und zugleich über sie hinausgehen.

Statt von Schuld spricht Benedikt XVI. von Metaphysik. Die Zerstörung des Volkes Israel, sei im Kern der Wille zur Zerstörung Gottes: "Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat." Und weiter: "Mit dem Zerstören Israels sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht und endgültig durch den neuen, selbstgemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden."

Aber kein Wort zum Antisemitismus, gestern und heute. "Der Ort, an dem wir stehen, ist ein Ort des Gedächtnisses und ein Ort der Shoah." Im ursprünglichen Redetext, der am Morgen bereits verteilt worden war, hatte das hebräische Wort Shoah noch gefehlt. Papst Ratzinger hatte lange an diesem Text gearbeitet, es aber abgelehnt, das Manuskript etwa von Kardinal Walter Kasper gegenlesen zu lassen. So ist "Shoah", neben Holocaust der zentrale Begriff für den nationalsozialistischen Völkermord, erst in letzter Minute in die Auschwitz-Rede des deutschen Papstes hineingerutscht.

Ratzinger vermeidet es in seiner Rede, Auschwitz mit anderen Totalitarismen auf eine Stufe zu stellen. Gleich im ersten Satz spricht er von "diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte". Er erwähnt jedoch "neue Verhängnisse" die drohten: der "Missbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige", offensichtlich ein Verweis auf den islamistischen Terror, und "auf der anderen Seite der Zynismus, der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt" - ein Seitenhieb auf Säkularismus und Karikaturisten.

Überlebende loben Rede

Am Mahnmal spricht ein Kantor das Gebet. Es werden Sätze gelesen, in Polnisch, Russisch, Hebräisch, Englisch. Zuallerletzt spricht Benedikt XVI. Der Papst hat bislang jedes deutsche Wort in seinen Ansprachen vermieden. Die deutsche Sprache soll auf dieser Pilgerreise einem Ort vorbehalten sein, wo sie ihre Unschuld verloren hat: "Herr, du bist der Gott des Friedens, du bist der Friede selbst. Gib, dass alle, die in Eintracht leben, im Frieden verharren und alle, die entzweit sind, sich wieder versöhnen."

Von den Überlebenden ist Ratzingers Rede ausdrücklich gelobt worden: "Was hätte er noch sagen sollen? Die oberste Stimme der Katholiken sagt, dass Gott nicht in Auschwitz war. Das ist mehr als genug", wird der letzte Anführer der Ghettoaufstandes Marek Edelmann am Morgen in der Zeitung "Repubblica" zitiert. Weniger duldsam hatte sich auf dem Lagergelände ein Nachgeborener geäußert, der Warschauer Oberrabbiner Michael Schudrich. Er hätte sich ein klareres Wort zum Antisemitismus im katholischen Polen gewünscht.

Erst am Tag zuvor ist der Rabbi in Warschau von einem Unbekannten angegriffen worden, mit einer Gaswaffe. Der römische Vatikanist Marco Politi kritisiert das "Schweigen von Ratzinger" zum Antisemitismus in der Geschichte der Kirche und Deutschlands und schreibt über die Polenreise: "Am Ende wächst das Gefühl, dass die mutige Zeit der tätigen Reue eines Woityla endgültig vorüber ist."



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