Benedikts erste Enzyklika Love, love, love!

Mit Spannung war sie erwartet worden, jetzt hat Benedikt XVI. seine erste Enzyklika vorgelegt. Es ist ein Hohelied der Liebe, wie es einfacher und radikaler nicht geht. Dogmatisch, aber nicht körperfeindlich.

Von , Rom


Rom - Es sind 59 Seiten in alter Rechtschreibung, aufgebaut wie eine Tübinger Vorlesung, mit Verweisen auf Nietzsche und Marx, doch formuliert in klaren, allgemeinverständlichen und kräftigen Sätzen: "Deus caritas est", Gott ist Liebe, so ist die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. betitelt, die thematische Regierungserklärung des deutschen Kirchenoberhaupts. "In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität", schreibt Joseph Ratzinger. Es ist die einzige Anspielung auf die Herausforderung durch Islamismus und Terrorismus.

Benedikt bei der ersten Generalaudienz nach Veröffentlichung der Enzyklika: "Das meist missbrauchte Wort"
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Benedikt bei der ersten Generalaudienz nach Veröffentlichung der Enzyklika: "Das meist missbrauchte Wort"

Die erste Enzyklika eines Papstes gilt als Grundsatzerklärung eines Pontifikats, gibt Leitthema und Regierungsprogramm an für die kommenden Jahre. Karol Wojtyla hatte 1979 mit seinem "Redemptor Hominis" ein Plädoyer für die universalen Menschenrechte vorgelegt und damit dem Imperium Moskaus die Grenzen aufgezeigt. Von Ratzinger hätte man sich eher ein "Deus veritas est" erwartet, eine Streitschrift gegen die "Diktatur des Relativismus", die er schon in seiner Eröffnungsansprache zum Konklave gegeißelt hatte.

Benedikt XVI. hat sich jedoch entschieden, direkt an seinen Vorgänger anzuknüpfen. Bis kurz vor seinem Tod hatte Johannes Paul II. an einer Enzyklika über die christliche Liebe gearbeitet. Benedikts Lehrschreiben "an alle Christgläubigen" beginnt mit einer Bestimmung eines "der meist gebrauchten und auch missbrauchten Wörter".

Der Eros, jene "Liebe zwischen Mann und Frau, die nicht aus Denken und Wollen kommt, sondern den Menschen gleichsam übermächtigt", ist ein Gottesgeschenk - für die Menschen "das Schönste im Leben". Liebe sei die Verheißung von Unendlichkeit und Ewigkeit und könne "nicht einfach in der Übermächtigung durch den Trieb gefunden werden". Zwar dürfe der Leib nicht "als bloß animalisches Erbe" abgetan werden, doch benötige der Eros auch "Reinigungen und Reifungen, die auch über die Straße des Verzichts führen". "Der zum 'Sex' degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen 'Sache'; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja der Mensch selbst wird dabei zur Ware." Ein Erich Fromm hätte es nicht anders formuliert.

Die sinnlichsten Sätze der Bibel

Ratzinger ist ein Radikaler, er geht an die Wurzeln. Er hätte über die Heuschreckenschwärme der Globalisierung schreiben können, über Gentechnik, den Darwinismus und eben die "Diktatur des Relativismus". Doch dieser Papst ist ein Verkünder, kein Verkäufer. Er ist mehr an der Bestimmung der Wahrheit interessiert, als daran, die Lehre mit Spektakel zu verbreiten. Benedikt XVI. schreibt über die Liebe.

"Deus caritas est", einfacher und radikaler geht es nicht. Radikal räumt der Papst in dem Text mit der körperfeindlichen Interpretation des Evangeliums auf. Eros, die begehrende, und Agape, die schenkende Liebe, seien nicht zu trennen. Liebe dient nicht allein der Fortpflanzung, sondern "wird Sorge um den anderen und für den anderen". An dieser Stelle bezieht der Papst sich ausdrücklich auf das "Hohelied" im Alten Testament, auf die wohl sinnlichsten Sätze, die in der Bibel zu finden sind.

Das Aber folgt auf dem Fuße. Eros als gemischtgeschlechtliche Liebe bestimmt, Liebe zwischen Mann und Frau im Bett der Ehe: "Der Eros verweist von der Schöpfung her den Menschen auf die Ehe, auf eine Bindung, zu der Einzigkeit und Endgültigkeit gehören." Ein Gott, ein Gatte/eine Gattin. Das mag nicht dem letzten Stand der Gender-Forschung entsprechen - geschweige denn den Vorgängen in diversen Priesterseminaren -, hat aber gewiss den Vorteil dogmatischer Präzision.

Eine Meditation über das Lukas-Evangelium, die Aufgabe der Nächstenliebe als "praktischer Einsatz hier und jetzt", führt zum zweiten Teil der Enzyklika: Liebe "ist göttlich", weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einigungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet."

Der Auftrag der Kirche sei "Liebestun". Das ist die Caritas. Nicht nur Wohltätigkeit im weltlichen Sinne, sondern institutioneller Wesensausdruck der Schöpferliebe Gottes: "Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen darf es keine Armut derart geben, dass jemandem die für ein menschenwürdiges Leben nötigen Güter versagt bleiben." Weltlich gesagt: Die Diakonie ist Kerngeschäft der Kirche. "In der schwierigen Situation", schreibt Benedikt XVI., "in der wir heute gerade auch durch die Globalisierung der Wirtschaft stehen, ist die Soziallehre der Kirche zu einer grundlegenden Wegweisung geworden."

"Die Kirche darf nicht die Politik an sich reißen"

Ratzinger nimmt ein Motiv auf, das er in seiner Debatte mit dem Philosophen Jürgen Habermas entwickelt hatte: die Hilfestellung des Glaubens für die Vernunft. Der Glaube "ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das ihr Eigene besser zu sehen", schreibt er. Die Kirche dürfe "nicht den politischen Kampf an sich reißen", müsse aber den Staat stets an die Gerechtigkeit erinnern, das "Ziel und daher auch inneres Maß aller Politik". Und in einer Verbeugung zur neokonservativen Denkschule fügt er hinzu: "Nicht den alles regelnden und beherrschenden Staat brauchen wir, sondern den Staat, der entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip großzügig die Initiativen anerkennt und unterstützt, die aus den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften aufsteigen." Auch in der Kirche seien Regeln nie Zwecke für sich, sondern müssten vom Geist der selbstlosen Liebe getragen sein.

Schon vor 2000 Jahren beschäftigte sich ein jüdischer Zeltmacher mit dem Thema Liebe: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf" Der Zeltmacher hieß Paulus, die Sätze finden sich in seinem Brief an die Korinther.

Sein Schädel wird heute in der Lateransbasilika in Rom aufbewahrt, seine Knochen wurden erst kürzlich wiederentdeckt, einige Metrostationen entfernt, in einem Sarkophag in San Paolo fuori le Mure. Benedikt XVI. hat sich entschieden, hier seine wegweisende Enzyklika mit einer Vesper zu zelebrieren - wenige Schritte von den Knochen jenes Mannes entfernt, dem die Welt die weisesten Sätze über die Liebe verdankt.

Der Ort ist gut gewählt. Denn heute wurde nicht geeifert.

Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI.: Das Dokument im Volltext bei "Radio Vatikan"

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