Bergung vor Montevideo Neonazis greifen nach dem Hakenkreuz-Adler der "Graf Spee"

Uruguay befürchtet, dass Neonazis Teile des im Zweiten Weltkrieg vor der Küste versenkten deutschen Panzerschiffs "Graf Spee" ersteigern könnten. Unter den geborgenen Teilen ist ein 400 Kilogramm schwerer Bronzeadler auf einem Hakenkreuz.


Montevideo - Uruguays Behörden könnten die Bergung der "Graf Spee" selbst übernehmen, um die Versteigerung von Wrackteilen an Neonazis zu verhindern, berichtet die Zeitung "New York Times". Ein privates Konsortium, das seit dem Jahr 2004 versucht, das Schiff zu heben, will die bisher geborgenen Teile versteigern. Anfang Februar dieses Jahres brachte die Firma einen 400 Kilogramm schweren, auf einem Hakenkreuz stehenden Bronzeadler ans Tageslicht - das Nazi-Emblem hatte rund 66 Jahre lang im Schlamm der Bucht von Montevideo geruht.

Im Dezember 1939 hatte ein britisch-neuseeländischer Schiffsverband die 1936 in Dienst genommene "Graf Spee" vor Uruguay zum Seegefecht gestellt, nachdem das Panzerschiff der Kriegsmarine im Südatlantik zuvor zahlreiche Handelsschiffe versenkt hatte. Der Kapitän Hans Langsdorff brach das Gefecht ab und steuerte den neutralen Hafen von Montevideo an. Als klar wurde, dass er diesen schnell wieder verlassen musste, versenkte er das Schiff mit Sprengladungen in der Bucht vor dem Hafen. Mehr als tausend Marinesoldaten überlebten so und gerieten in Kriegsgefangenschaft. Langsdorff erschoss sich drei Tage später.

Jetzt befürchtet die uruguayische Regierung, Neonazis könnten geborgene Teile des Schiffes ersteigern wollen. "Es gibt ethische Grenzen bei der Ausstellung von Nazi-Symbolen in Museen - wer sollen also die potentiellen Käufer dieser Embleme sein, wenn nicht Neonazis?", sagte Miguel Esmoris, Direktor der Nationalerbe-Kommission der Regierung, der "New York Times". "Wir sind nicht dagegen, dass die Bergungsfirma einen Profit macht, aber formal ist das eine archäologische Stätte, und wir können keinen illegalen Handel mit kulturellen oder geschichtlichen Gütern erlauben."

Streit um den Hakenkreuz-Adler

Die ersten 2004 geborgenen Stücke - eine Kanone und ein Entfernungsmesser - hatten wenig Aufregung verursacht. Doch der Fund des Adlers und die Ankündigung, ihn verkaufen zu wollen, löste eine heftige Debatte aus.

Alfredo Etchegaray ist PR-Experte, Hochzeitsplaner und Amateurhistoriker - und der Chef des Konsortiums, das die "Graf Spee" bergen will. Bis jetzt, sagte Etchegaray der "New York Times", habe seine Firma schon 100.000 US-Dollar in dem Unternehmen versenkt. Laut dem Bericht zitiert er gerne Meldungen, nach denen Sammler in Asien und den USA bis zu 15 Millionen Dollar zahlen wollten, falls es ihm gelänge, die Stücke aus der "Graf Spee" in einer Auktion anzubieten.

Die "Frankfurter Rundschau" hatte kurz nach Bergung des Hakenkreuz-Adlers berichtet, ein Unbekannter sei bereit, dafür 3 Millionen Dollar zu zahlen. In Montevideo sagte der ebenfalls in der Region tätige Marine-Archäologe Roberto Branco der "New York Times", er habe "E-Mails von Kollegen in Europa bekommen, die sagten, Neonazi-Gruppen seien sehr daran interessiert, den Adler zu kaufen".

Alfredo Etchegaray dagegen erklärte, alle potentiellen Bieter würden sorgfältig überprüft und der Adler sei, aus Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung Uruguays, in einem Lagerhaus so verhüllt worden, dass das Hakenkreuz nicht zu sehen sei.

"Wir sind nicht gegen die Bergung selbst", sagte Ernesto Kreimermann, Präsident des Uruguayisch-Jüdischen Komitees. "Dieses Schiff ist ein historisches Artefakt, das von einer der dunkelsten Zeiten der modernen Geschichte zeugt. Aber wenn begonnen wird, die Embleme zu kommerzialisieren, sind wir der Überzeugung, dass sie in ein Museum gehören, nicht in private Hände."

Wem das Schiff gehört, ist unklar

Die Bergung weiterer Teile wird für Etchegaray auch dadurch erschwert, dass Deutschland Eigentümeranspruche auf das Wrack erheben könnte. Etchegaray sagte der "New York Times", er hätte davon gehört, und selbst die Gerüchte darum hätten seine Bemühungen erschwert, Geld für die Bergung und die Auktion zu sammeln.

Ein Beamter der deutschen Botschaft in Montevideo, Theodor Proffe, sagte laut dem Bericht, die Bundesregierung habe ihre Sicht der Dinge vor einigen Wochen dem uruguayischen Außenministerium in einer offiziellen Note dargelegt. Proffe habe es aber abgelehnt, die Position der Bundesregierung bekanntzugeben. "Wir wissen, dass dies ein sehr sensibles Thema ist, und wir wollen es auf einem niedrigen und ruhigen Level halten." Die rot-grüne Bundesregierung hatte noch gegen die Hebung des Panzerschiffs protestiert und sich als Eigentümerin erklärt.

Dagegen behauptet Etchegaray, jede solche deutsche Erklärung sei ungültig, da die Nazi-Regierung schon im Frühjahr 1940 die Bergungsrechte an Julio Vega, einen uruguayischen Geschäftsmann, verkauft habe. Offizielle Dokumente zeigten, so Etchegaray, dass Vega auf Geheiß der britischen Regierung gehandelt habe. Aber auch diese Rechte seien unter dem Gesetz Uruguays längst verjährt.

"Wir sind an dieser Bergung rein geschichtlich interessiert, und stellen uns nicht auf die eine oder andere Seite", so Etchegaray in dem Zeitungsbericht. "Die Geschichte ist voller schrecklicher Verbrechen, die ernsthaft und respektvoll behandelt werden müssen."

sön



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