Berlin Selbstmörder stürzt sich mit Flugzeug vor den Reichstag

Auf der Wiese vor dem Berliner Reichstagsgebäude ist gestern Abend ein Doppeldecker-Flugzeug abgestürzt. Der Pilot kam ums Leben. Es handelt sich offenbar um einen Selbstmord mit familiärem Hintergrund.


Flugzeugwrack vor dem Reichstag: Augenzeugen berichten, der Pilot habe beinahe die Fahne auf dem Reichstag gerammt
DDP

Flugzeugwrack vor dem Reichstag: Augenzeugen berichten, der Pilot habe beinahe die Fahne auf dem Reichstag gerammt

Berlin - Der Absturz ereignete sich gestern abend gegen 20.29 Uhr, der Pilot kam dabei sofort ums Leben. Es deute nichts auf einen terroristischen Hintergrund hin, bekräftigte Berlins Innensenator Ehrhart Körting am Samstag. Eine Obduktion der Leiche soll ergeben, ob der Pilot unter Alkoholeinfluss stand oder einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Die Polizei geht aber davon aus, dass es sich wohl um einen Selbstmord handelt. Der Pilot war ein 39-jähriger Brandenburger Familienvaters, dessen Frau am Montag als vermisst gemeldet wurde. Kurz vor dem Absturz hatten Kriminalbeamte den Mann zum Verschwinden seiner Frau befragt. Die Polizei vermutet, dass der Mann das Ermittlungsverfahren gegen ihn durch den Selbstmord beenden wollte. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus.

Wenige Stunden nach der Vernehmung startete der Mann auf dem Flugplatz Eggersdorf in Brandenburg mit einem Doppeldecker vom Typ "Roter Kiebitz". Sein 14-jähriger Sohn war an Bord. Der Junge stieg am Flugplatz Strausberg aus, der Vater flog weiter Richtung Berlin. Die Maschine schlug etwa 200 Meter vom Parlamentsgebäude entfernt auf der Wiese auf und brannte völlig aus. Der Sohn sagte später, sein Vater habe ihm persönliche Gegenstände übergeben und einen Selbstmord angedeutet.

Absturz: Nach wenigen Minuten ist die Feuerwehr vor Ort
REUTERS

Absturz: Nach wenigen Minuten ist die Feuerwehr vor Ort

Bereits am Donnerstag soll sich der Mann bei einer Vernehmung in Widersprüche verwickelt haben. Am selben Tag wurden auch seine beiden Autos beschlagnahmt.

Polizei und Feuerwehr durchsuchten gestern Nacht das Haus der Familie im brandenburgischen Erkner. Auch Sprengstoffexperten waren vor Ort. Laut Polizei bestand der Verdacht, dass der Mann Vorkehrungen für eine Explosion im Haus getroffen haben könnte. Die Strom- und Gaszufuhr sei daher abgesperrt worden. Die angrenzenden Wohnhäuser wurden vorübergehend evakuiert.

"Fast die Fahne gerammt"

Bei dem Flugzeug handelte es sich um eine Ultraleichtmaschine. Sie stürzte nahezu senkrecht vom Himmel und schlug mit einem enormen Tempo auf der Wiese zwischen Reichstagsgebäude und Bundeskanzleramt auf. Laut Augenzeugen war das Flugzeug zuvor nur 10 bis 15 Meter über die Reichstagskuppel hinweg getaumelt. Nach dem Absturz sei sofort dichter Qualm aufgestiegen. Mehrere Passanten versuchten an der Absturzstelle, das Feuer mit ihren Pullovern zu ersticken und den Piloten aus der Maschine zu zerren. Sanitäter versuchten, den Mann wiederzubeleben.

Ausgebranntes Flugzeug: Kaum noch etwas übrig
AP

Ausgebranntes Flugzeug: Kaum noch etwas übrig

Der 18-jährige Mitja Thomas aus Magdeburg und sein Freund Eric Schemm wollten gerade die Reichstagskuppel besuchen, als das Kleinflugzeug vom Himmel fiel. Als sie aus dem Aufzug stiegen, kamen ihnen schon andere Besucher entgegen gerannt. "Wir dachten zuerst, es gebe einen Feueralarm", sagte Thomas, "aber dann haben wir gesehen, dass die anderen Besucher alle runter auf die Wiese gucken".

Ein Mann berichtete den Jungs aufgeregt, ein Flugzeug sei gerade mal zehn Meter tief über den Reichstag hinweg geflogen und habe dabei fast die Fahne gerammt. "Es roch nach Gummi und wir sahen eine Rauchsäule", berichtete Schemm. Leute, die auf der Wiese saßen, seien zu dem Flugzeug und dem Piloten geeilt, der etwa zehn Meter von seiner Maschine entfernt lag. "Sie haben versucht die Flammen mit ihren Pullovern auszuschlagen", sagte Thomas.

Nach Angaben der Polizei besteht über dem Reichstag kein generelles Flugverbot. Dies werde nur bei besonderen Anlässen verhängt. Kleine Flugzeuge flögen zudem so tief, dass sie auf den Radarschirmen der Flugsicherung nicht zu sehen seien. Innensenator Körting sagte zu der Frage, ob man die Sicherheitsvorkehrungen im Regierungsviertel verstärken wolle: "Das müssen wir prüfen".



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