Berliner Entspannungspolitik Wie Gregor Gysi Georg Gafron eine Friedenspfeife reichte

Stimmungsumschwung in Berlin. Selbst konservative Zeitungen plädieren plötzlich für eine "rot-dunkelrote" Koalition. Darunter auch die des eifrigsten publizistischen Wahlkämpfers der CDU, Georg Gafron, der das Boulevardblatt "BZ" im Axel-Springer-Verlag leitet. Dem verbissenen PDS-Feind hatte Gregor Gysi in der Wahlnacht ein Versöhnungsangebot gemacht.

Von Holger Kulick


Gafron-Kolumne in der "BZ" vom Montag

Gafron-Kolumne in der "BZ" vom Montag

Berlin - Er war Eberhard Diepgen treu als Journalist verbunden und dessen Nachfolger Frank Steffel ebenso. Mit einer bislang einmaligen Medienkampagne stand ihm Georg Gafron in diesem Wahlkampf zur Seite. Andere Blätter mokierten sich über die Pannen des CDU-Spitzenkandidaten, bei "BZ"-Chefredakteur Gafron feierte er nur Erfolge und wurde als "funkelnder Diamant" gelobt. Nahezu täglich ließ Gafron als Geschäftsführer des populären Berliner Radiosenders "Hundert,6" Anti-PDS-Anzeigen in Zeitungen schalten, die er zugleich stadtweit plakatieren ließ: "Keine Macht den Tätern!" wetterte er ohne Unterlass über die Reformsozialisten, auch im privaten Fernsehkanal "tvb", dessen Geschäftsführer Gafron seit 1999 ist.

Journalismus verwechselt Gafron schon mal mit Stimmungsmache und ist für manche zum Karl-Eduard von Schnitzler für ewige Westberliner geworden. Zur Erinnerung: Schnitzler war der Chefpropagandist der SED im Ostfernsehen. "Wo unser Haus steht, ist hinlänglich bekannt. Etwaige Unklarheiten beseitigt gerne die Chefredaktion", lautete sogar eine Dienstanweisung bei Radio "Hundert,6", das Gafron seit 1991 zum Sprachrohr der Berliner CDU-Fraktion ausbaute. Über Kritiker sah der ehemalige Buchdrucker und Ex-Küster, der 1977 aus der DDR geflüchtet war, stets hinweg. Das sei "Gekläffe des Rudels".

Einladung von Gysi um den Kalten Krieg zu beenden

Alle Werbung gegen Rot-Rot half ihm nichts - Frank Steffel (CDU) neben den Berliner Wahlgewinnern Klaus Wowereit (SPD) und Gregor Gysi (PDS)
AP

Alle Werbung gegen Rot-Rot half ihm nichts - Frank Steffel (CDU) neben den Berliner Wahlgewinnern Klaus Wowereit (SPD) und Gregor Gysi (PDS)

Seit diesem Dienstag gibt es aber überraschend einen anderen Gafron. Wetterte er noch gestern in der "BZ", dass ein rot-rotes Bündnis dem Ansehen der Stadt und dem Kanzler schaden würde, vollzieht er heute eine Kehrtwende um 180 Grad und spricht sich konsequent für "die ehrlichere Variante" von SPD und PDS aus: "Wenn nahezu jeder zweite Wähler in den östlichen Bezirken die PDS gewählt hat, dann kann man dieses Votum nicht beiseite schieben". Eine Ampel betrachtet er dagegen als "vom ersten Tage an eine Totgeburt". Doch wie ist dieser Sinneswandel möglich?

Zur Erklärung gehört eine Anekdote, die sich am späten Berliner Wahlabend zugetragen hat. Gregor Gysi war gerade dabei seine Interviews zu beenden, um nach Hause zu gehen, da kam es nun zu einer ungewöhnlichen Friedensofferte. Ein Reporter aus Gafrons Fernsehsender "tvb" fragte Gysi plötzlich, was er denn von Georg Gafrons "Medienpolitik" halte, und ob dessen Anti-PDS-Wahlkampf nicht sogar nützlich für Gysi gewesen sei. "Das kann sogar sein", wurde der PDS-Spitzenkandidat plötzlich überfreundlich und lud Gafron via Kamera zum Essen ein. SPIEGEL ONLINE stand zufällig daneben und dokumentiert den einmaligen Entspannungsprozess im Wortlaut - so wie ihn Gregor Gysi für Georg Gafron in die "tvb"-Kamera sprach. Ob Gysis Reflektion dort auch gesendet wurde, ist jedoch nicht bekannt.

Gysi: "Das war die letzte Schlacht des Kalten Krieges"

Hat plötzlich auch über seine Feinde gut Lachen: PDS-Gründer Gregor Gysi
DPA

Hat plötzlich auch über seine Feinde gut Lachen: PDS-Gründer Gregor Gysi

Gysi: "Ich habe von Hetze nie gesprochen, das ist nicht meine Begriffswahl. Ich habe ja sogar eine einstündiges Gespräch im Rundfunk mit ihm (Gafron) gehabt, und das war ja ganz spannend. Ich kann noch nicht einmal behaupten, dass wir uns schlecht verstanden hätten. Ich glaube er hängt an etwas, was ja historisch erklärbar ist bei seiner Herkunft, bei seiner Entwicklung, bei seiner Art Flucht aus der DDR und auch bei dem was er danach im Westteil der Stadt erlebt hat. Ich bin ja nicht verständnislos dafür. Sondern ich sage nur: Die Zeit ist vorbei.

Und ich bin davon überzeugt, heute Abend ist er wahrscheinlich wahnsinnig traurig auf seine Art. Aber er wird es verstehen und begreifen. Er wird ab morgen eine andere Politik machen müssen. Er wird auch wissen, es war die letzte Schlacht des Kalten Krieges.

Und auf so eine komische Art glaube ich, bei aller Gegnerschaft mag der mich sogar, weil er einfach so einen Typ auch wieder mag. Und bei aller Gegnerschaft mag ich ihn ja auch, weil er so leidenschaftlich ist. Wissen Sie, er macht das ja alles mit Überzeugung. Ich mag die aufgesetzten Typen nicht, ich mag niemanden, der Kalten Krieg spielt. Aber in ihm steckt das alles wirklich drin. Deshalb weiß ich, wie schwer es auch für ihn sein muss, dieses Denken und auch Fühlen zu überwinden. Und ich bin überzeugt, er schafft das. Auch wenn er das heute selber noch nicht glaubt. Er muss das überwinden. Und er ist hiermit offiziell von mir zum Essen eingeladen. Dann unterhalte ich mich gerne mit ihm darüber."

Gafrons Antwort: "Dann regiert mal schön!"

Gafron-Kolumne in der "BZ" vom Dienstag

Gafron-Kolumne in der "BZ" vom Dienstag

Gafrons Antwort zierte am Dienstag das "BZ"-Titelblatt. Ein seitengroßes Foto auf dem sich Gysi und Wowereit freundlich die Hände reichen. Überschrift: "Stabile Mehrheit für Rot-Dunkelrot - Dann regiert mal schön! Frei nach Theodor Heuss (Bundespräsident von 1949 bis 1959)".

P.S.: Nur noch in einem ganz klein gedruckten Kästchen in der gleichen BZ-Ausgabe machte Gafron dagegen deutlich, dass sich sein Blatt in Zukunft möglicherweise eher inhaltlich mit dunkelroten Bündnissen auseinandersetzen will, die er dort alle aufgelistetbb wurden. Stilprobe: "Die echte Koalition in Schwerin trägt den Spitznamen 'Prima-Klima-Club', regiert auf Pump und konnte bisher nicht beweisen, dass sie die gravierenden Probleme im Nordosten erfolgreich bekämpfen kann". Künftig also kleine Spitzen, statt große Emotionen?

P.P.S.: Zumindest in der Mittwoch-Ausgabe seiner "BZ" setzte Gafron seine Wende fort - auf zweierlei Weise. Auf dem Titel durften drei ausgewählte Westbürger über die PDS meckern ("Wessis geschockt"), seine Kolumne überschrieb er dagegen mit "Seid unbesorgt Ihr Wessis!" und kommentierte: "Die Rückkehr der Kommunisten an die Macht in der Hauptstadt kann im Westen niemand verstehen. Und dennoch spiegelt nur eine rot-dunkelrote Koalition den Willen einer Mehrheit der Berliner exakt wider. Alles andere wäre Augenwischerei und undemokratisch".

So wandelt sich offenbar jetzt auch Berlins politische "BZ"-Kultur. Zumindest bis zum jeweils nächsten Tag.

BZ-Titel am Freitag nach der Wahl. Der (k)alte Krieg ist wieder da.
BZ

BZ-Titel am Freitag nach der Wahl. Der (k)alte Krieg ist wieder da.

Prompt setzte sich fünf Tage nach der Wahl die altbekannte Stimmungsmache wieder fort. Am Freitag durfte CDU-Fraktionschef Merz "exklusiv" und überdimensional auf dem "BZ"-Titelblatt androhen: "Mit PDS-Senat Berlin im Abseits". Das (k)alte (Kriegs-)Spiel geht weiter.



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