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Berliner Papaladen: Die väterliche Hemmschwelle

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Väter und Kinder im Papaladen: "Ein Labor guter Väterlichkeit" Zur Großansicht
Väterzentrum Berlin

Väter und Kinder im Papaladen: "Ein Labor guter Väterlichkeit"

Der Berliner Papaladen hilft Vätern beim Umgang mit Kindern. Jetzt hat der Berliner Senat die Einrichtung begutachten lassen. Ergebnis: Mann braucht Hilfe - möchte aber nicht, dass sie so heißt.

Marc Schulte erinnert sich noch gut an die zwei Männer: Beide Handwerker, sie kamen an einem Wochenende in den Papaladen, und sie waren mürrisch. Sie wollten an einer Vater-Kind-Reise teilnehmen. Doch die Herren gaben sich misstrauisch. Sie nahmen eine Abwehrhaltung ein, als wollten sie sagen: "Was ist das für eine Veranstaltung - Vater-Kind-Wochenende? Müssen wir jetzt etwa von unseren Gefühlen erzählen?"

Der Papaladen ist Teil des Berliner Väterzentrums, eine Anlaufstelle für Männer mit Kindern. Er bietet Beratung etwa zum Sorgerecht, aber eben auch Freitzeitaktionen wie die Vater-Kind-Ausflüge. Er befindet sich im Prenzlauer Berg, dort, wo Leiter von Grundschulen berichten, dass die deutliche Mehrheit ihrer Schüler Kinder von getrennt lebenden Eltern sind.

Und wenn diese Schüler nach Hause kommen, werden sie meist von ihrer Mutter erwartet: Wenn Eltern sich trennen, ist es meist der Vater, der auszieht. Und seine Kinder seltener sieht.

Marc Schulte ist der Geschäftsführer der Einrichtung. Über die beiden Handwerker sagt er: "Sie waren später die Stars der Kinder auf der Fahrt." Sie nahmen sich Zeit, hatten ein großes Herz - und wussten spontan, wie man ein Zelt aufbaut. Auch ohne Hammer und mit verbogenen Heringen. Freiwillig allerdings hätten sie nie einen Fuß in den Papaladen gesetzt. "Ihre Frauen hatten sie für die Väterfreizeit angemeldet", berichtet Schulte. Die Männer sollten mit ihren Kindern mal etwas unternehmen, hätten sich die Mütter gedacht. Also schickten sie die Väter zum Papaladen.

Hemmschwelle im Kopf

Was Schulte und sein Kollege Eberhard Schäfer die ganze Zeit ahnten, hat er jetzt sozusagen amtlich: Mann braucht Hilfe bei Erziehung und Trennung - aber sie soll, bitteschön, am besten nicht so heißen. Das hat eine neue Studie ergeben. Demnach kommen 14 Prozent der Männer, weil ihre Frauen sie geschickt haben.

Der Senat von Berlin, der die Einrichtung fördert, hat den Papaladen evaluieren lassen. Solche Gutachten riechen immer nach einer bestellten Rechtfertigung eigener Investitionen, doch die Studie des Soziologen Stefan Reuyß sagt mehr über die Männer aus als über den Laden.

"Vielen Vätern fällt nach wie vor der Schritt nicht leicht, bewusst in eine solche Einrichtung zu gehen", schreibt Reuyß vom privaten Forschungsinstitut SowiTra. Es gebe eine regelrechte Hemmschwelle.

Sie kommt von den Vorurteilen der Männer, was und wer sie in einem Papaladen erwarten könnte. "Zu esoterisch" sei die Stimmung da, denken viele. Sie misstrauen dem "Softie-Betroffenen-Laden". Das haben Teilnehmer in qualitativen Interviews berichtet. Das Vorurteil löste sich bei den Befragten auf. Die Männer "fühlten sich dort aufgehobener und weniger von Frauen 'belauscht und beobachtet'", gaben sie zu Protokoll. Der Papaladen sei für sie eine Begegnungsstätte, wo "alle gleich sind, wo es keinen Status mehr gibt".

"Wir reden mit den Männern nicht über ihre Krisen"

Das Väterzentrum wurde 2008 gegründet. Im vergangenen Jahr nahmen knapp 4000 Erwachsene die Angebote wahr, eine Steigerung um 40 Prozent seit 2011. 6000 Kinder und Jugendliche besuchten seitdem den Papaladen oder seine Freizeiten. Dazu gehören die Vater-Kind-Reisen ("Leben wie die Indianer", "Abschied von der Kindheit" speziell für Pubertierende und ihre Väter) genauso wie ein Kicker-Turnier oder "Die Lange Nacht der Familie".

Der Blockbuster aber ist "Der Große Preis vom Prenzlauer Berg", ein Rennen auf einer 27-Meter-Carrera-Bahn. Marc Schulte deutet auf das Plakat. "Wir reden da mit den Männern nicht über ihre Krisen. Aber es kann passieren, dass sich jemand an uns erinnert, wenn er in die Krise kommt."

Beim Großen Preis gibt es auch einen Abend, an dem nur Männer an die Carreras dürfen, eines der wenigen Exklusivangebote - und Teil des Geheimnisses. "Angenehm finden die Väter es", berichten die Forscher aus ihren Interviews, "dass nicht wie bei anderen Krabbelgruppen nur die Kinder das Hauptthema sind".

Das zweite, oft intensive Betätigungsfeld des Väterzentrums sind Beratungen. Fast die Hälfte der Männer suchen laut Studie Hilfe bei den Gesprächsangeboten "für Väter in und nach einer Trennung bzw. Krisensituation". Erstes Ziel der Einrichtung ist es, konkret zu helfen - etwa mit "alltagstauglichen Lebens- und Wohnmodellen" für Männer, die in Trennung leben, aber ihre Kinder noch sehen dürfen.

Ein Viertel der Männer aber nahm auch an dieser Beratung teil: "Getrennt vom Kind - stark und verantwortlich." Trennungen sind Alltag, auch im Papaladen, bei dem Männer aus ganz Berlin anfragen. Offenbar ist es den Vätern wichtig, dass dabei kein Schwarz-Weiß herrscht. Der Papaladen fahre "zum Glück keinen antifeministischen Kurs, bei denen die Frauen die Bösen und die Männer die Opfer sind", sagte ein Vater den Forschern im Interview.

Marc Schulte ärgern solche Klischees inzwischen. "Wir sind hier keine Heulsusen, die Vätern zu Hungerstreiks raten, und wir sind auch keine Männerbündler", sagt er. "Wir wollen ein Labor guter Väterlichkeit sein."

Es gehe um gute Beratung - und das Aufbrechen von Mustern. "Im Streit um Kind und Unterhalt haben wir es mit erstaunlich tief verankerten Selbstverständnissen zu tun. Mütter sind gefangen in einer Symbiose mit dem Kind und der daraus resultierenden Versorgungsmentalität, Väter in ihrer Rolle als Ernährer." Im Grunde geht es im Papaladen nicht um Männerberatung, sondern um Familienbildung. Die ist aber eben sonst nur in Verbindung mit Frauen zu haben.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Endlich!
indy555 02.04.2014
...sind auch mal die Väter dran. Ich bin selbst Vater und Hausmann und finde es mehr als mittelalterlich und herablassend mich mit Begriffen wie Mütterzentrum, Mutter-Kind-veranstaltung, Mutter-Kind-Parkplatz, Mutter-Kind-Kur, beleidigen zu lassen. Ich bekomme regelrecht Hassanfälle, wenn man dann auch noch im 3jährigen Tonfall mit mir spricht, als wäre ich schon durch mein Geschlecht zu blöde mit meinem Kind umzugehen... Ich kann andere Väter nur dazu auffordern, sich gern mit den Kindern in der Öffentlichkeit zum Clown zu machen, zu Veranstaltungen zu gehen, das Kind bei der Ausübung des Hobbies zu begleiten/besuchen. Meine Tochter und ich haben eine ganz tolle Bindung.
2. Genau!
feuercaro1 02.04.2014
Zitat von sysopVäterzentrum BerlinDer Berliner Papaladen hilft Vätern beim Umgang mit Kindern. Jetzt hat der Berliner Senat die Einrichtung begutachten lassen. Ergebnis: Mann braucht Hilfe - möchte aber nicht, dass sie so heißt. http://www.spiegel.de/panorama/berliner-papaladen-hilfe-fuer-vaeter-im-umgang-mit-kindern-a-962012.html
Das wurde ja auch Zeit. Endlich mal ein Laden für Männer. Als ehemals Alleinerziehende hätte ich mir so etwas dringend gewünscht, für meinen Ex und die Kinder. ENDLICH mal ein Raum, in dem ein Mann unbelastet vom Trennungsgehampel mit seinem Kindern angenommen wird und die Bindung zwischen ihnen eine Chance bekommt. Alle Daumen hoch!
3. Das Väterzentrum macht es richtig
speigatt 02.04.2014
Die Hemmschwelle ist für viele Männer schon immens hoch, wenn sie Beratung oder Hilfe benötigen. Freizeitangebote mit oder ohne Kinder sind genau das richtige für einen lockeren Erstkontakt. "...es kann passieren, dass sich jemand an uns erinnert, wenn er in die Krise kommt." Das deckt sich ziemlich genau mit meinen eigenen Erfahrungen.
4. Woanders geht es auch...
Hochbeet 02.04.2014
Auch in Köln gibt es ähnliches: www.Kölner Vater.de
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