Bewerbungsrede von Franziskus: Schonungslose Analyse zum Zustand der Kirche

Jorge Bergoglio im Februar: Schonungslose Analyse der katholischen Kirche Zur Großansicht
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Jorge Bergoglio im Februar: Schonungslose Analyse der katholischen Kirche

Papst Franziskus hat mit seinem Verzicht auf Prunk Zeichen gesetzt - nun dokumentiert er erneut seinen Willen zum Wandel: Er ließ die Rede veröffentlichen, die er kurz vor dem Konklave vor Kardinalen hielt. Es waren deutliche Worte zur Lage der Kirche.

Hamburg - Es muss ein faszinierender Moment gewesen sein in der Kardinalsversammlung vor dem Konklave, als Kardinal Bergoglio sprach. Der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Lucas Ortega, war derart beeindruckt, dass er den Redner um einen ungewöhnlichen Gefallen bat: ob er ihm ein Manuskript seiner Rede geben könne.

So berichtet es Radio Vatikan. Das tat Franziskus. Und noch mehr: Er sagte zu, seine Worte öffentlich zu machen. Am Mittwoch war es soweit. Nicht nur der gewollte Bruch mit der sonst strengen Geheimhaltung, auch die Rede selbst ist höchst bemerkenswert - Bergoglio lieferte seinen Kollegen eine schonungslose Analyse zum Zustand der katholischen Kirche.

"Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen, an die Ränder zu gehen, nicht nur geografisch, auch an die Ränder der menschlichen Existenz", sagte Bergoglio - und machte gleich deutlich, was er damit meinte: "Das Mysterium der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz und Indifferenz gegenüber Religion, der intellektuellen Strömungen und allen Leides."

Wenn die Kirche sich nicht nach außen kehre und das Evangelium verbreite, werde sie "selbstreferentiell und krank". Und nach Ansicht von Bergoglio ist es soweit längst gekommen: Die Übel, die in kirchlichen Institutionen geschehen seien, hätten ihre Wurzeln in genau dieser Selbstbezogenheit und in "theologischem Narzissmus". Das sind deutliche Worte zum Finanzskandal der Vatikanbank, zum Geheimnisverrat der Vatileaks-Affäre, zum Missbrauchsskandal.

Liest man Bergoglios Rede, erscheint seine Wahl umso mehr als die Entscheidung der Kardinäle, Wandel in der Kirche zuzulassen. Fünf Minuten war sie lang, eine authentische Bewerbung für das höchste Amt der Kirche.

Sie untermauert die Haltung Bergoglios, die sich später dann bei seiner Amtseinführung und in den ersten Tagen seines Pontifikats offenbarte: Er verzichtet auf Prunk, er versucht, die Kirche auf ihr Wesentliches zu reduzieren, so dass sie die Menschen wieder erreichen kann.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass bei einigen der Mut zum Wandel wächst. So kritisierte der Münchner Kardinal Reinhard Marx am Mittwoch die Verhältnisse im Vatikan: "Ich möchte sehr unterstreichen, dass wir die Zentrale in Rom brauchen. Aber sie darf sich nicht überheben." Er teile ein bisschen die Meinung, dass der Vatikan sich zu sehr wie ein Hofstaat verhalte.

Franziskus verfolgt derweil konsequent seinen Weg: Am Gründonnerstag hat er sich in einem Jugendgefängnis angekündigt, um die Messe zu halten.

bim

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insgesamt 277 Beiträge
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1. ...
janne2109 27.03.2013
wunderbar- das trifft es auf den Punkt: Theologischem Narzissmus. Aber wo ist denn nun die Rede??? Ist übrigens ein Schlag gegen den zurückgetretenen Papst.
2. Das wär schön
Izmi 27.03.2013
Zitat von sysopPapst Franziskus hat schon zu Beginn seines Pontifikats mit seinem Verzicht auf Prunk Zeichen gesetzt - nun dokumentiert ein weiterer Zug seinen Willen zum Wandel: Er ließ die Veröffentlichung seiner Rede zu, die er kurz vor dem Konklave vor Kardinalen hielt. Es waren deutliche Worte zur Lage der Kirche. Bewerbungsrede von Franziskus vor Konklave veröffentlicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/bewerbungsrede-von-franziskus-vor-konklave-veroeffentlicht-a-891363.html)
Als Nichtkatholik, selbst als gewesener reformierter Protestant habe ich dem Papst wohl keine Ratschläge zu erteilen. Und ob er auf mich hört, auf den "Linken", der ich bin, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Aber trotzdem: Es sollte mich sehr freuen, wenn dieser Mann als Oberhaupt einer immer noch mächtigen Institution endlich auch die Menschen am Rande sieht, jene armen Teufel, die ums Überleben kämpfen müssen oder die von ihren Mitmenschen (und Mitchristen) an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Wäre schön...
3. Ja
abominog 27.03.2013
seine lieben (und wahrhaftig liebgemeinten) Worte werden allerdings höchstwahrscheinlich mal wieder an den Klippen der wirklich Omnipotenten zerschellen. Demut, Bescheidenheit und Selbstkritik sind heutzutage kostbare Werte. Das kann sicher nicht jeder nachvollziehen, aber das ist immer schon so gewesen, es ist so und das wird immer so sein. Und zwar bis zum globalen Exitus.
4. sieh an, sieh an...
fettebeute 27.03.2013
bemerkenswert ist es ja schon, was der neue papst da so von sich gibt. allein ich bin noch nicht überzeugt, dass er es auch wirklich so meint, wie er es sagt. löblich finde ich es dennoch, dass franziskus sich offen gegen prunksucht positioniert und immerhin ankündigt, an theologischen Dogmen rütteln zu wollen. Ich hoffe, der Papst lässt Taten folgen und stellt sich tatsächlich der Kritik, die der Kirche (in Europa) entgegenschlägt. Auch wenn sich die Position der Kirche nicht ändern sollte, allein die Dialogbereitschaft wäre schon ein Gewinn.
5.
andrews45 27.03.2013
Zitat von sysopPapst Franziskus hat schon zu Beginn seines Pontifikats mit seinem Verzicht auf Prunk Zeichen gesetzt - nun dokumentiert ein weiterer Zug seinen Willen zum Wandel: Er ließ die Veröffentlichung seiner Rede zu, die er kurz vor dem Konklave vor Kardinalen hielt. Es waren deutliche Worte zur Lage der Kirche. Bewerbungsrede von Franziskus vor Konklave veröffentlicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/bewerbungsrede-von-franziskus-vor-konklave-veroeffentlicht-a-891363.html)
Nach dem, was man bisher lesen durfte über Fransziskus wünsche ich ihm als Nichtgläubiger ein langes Leben und einen langen Atem im Kampf gegen verkrustete Strukturen. Allerdings befürchte ich, meine Wünsche werden sich nicht erfüllen. Zu groß die Unbeweglichkeit und zu beliebt die alten Gewohnheiten. Arme Kirche bedeutet für Kardinäle höchstens Selbstmitleid.
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