Neue Biene Maja: Macht den Abgang, Flipper und Fury

Von Daniel Haas

Schlanke Maja: Mach dich dünne, Biene Fotos
ZDF/ Studio100 Media

Die Biene Maja kommt wieder - im Digitalformat und vor allem schlanker als das Original. Ist das schlimm? Nein, denn so ist der Zeitgeist. Eine Abrechnung mit den unsäglichen Tierhelden der siebziger Jahre.

Ende März kommt die Biene Maja zurück, allerdings in einer neuen Version: Sie wird deutlich schlanker sein und aussehen wie die Figuren aus den neuen Animationsfilmen von Disney. 3-D-Look heißt das, man könnte auch Marketing-Ästhetik dazu sagen, weil die Figuren jetzt wirken wie ihre eigenen Merchandise-Produkte. Was du auf der Leinwand oder im Fernsehen siehst, unterscheidet sich kaum noch vom Ramsch der Spielzeugabteilungen.

Warum ist die Biene Maja jetzt sehr viel dünner? Ich bin mit der alten Biene aufgewachsen und habe sie nie als dick empfunden. Also habe ich mir noch mal den Trailer des Originals angeschaut. Und es stimmt, Maja hat Übergewicht, der Body-Mass-Index ist eine Katastrophe. Man kann Kindern, die "Germany's Next Topmodel" schauen und Selena Gomez anhimmeln, keine dickleibige Comic-Biene mehr zumuten.

In besagtem Trailer sieht man Maja in einen Kelch mit Blütenstaub springen, das hat man jahrelang einfach so hingenommen: die Heldin einer Kinderserie, die sich in Lebensmittel stürzt. Dabei ist das quasi die Grundphantasie aller Esssüchtigen: im Suchtmittel abtauchen, sich im Stoff suhlen.

Den Biene-Maja-Song werden sie ebenfalls auswechseln, den singt ab jetzt Helene Fischer und nicht mehr Karel Gott. Auch das ist vollkommen stimmig. Ein Schlageronkel mit rollendem R ist am Tiefpunkt deutschen Pisa-Elends das ganz falsche Signal. Dann denken Migranten, und damit sind jetzt nicht nur Tschechen gemeint, sie kommen mit diesem sprachlichen Schlendrian durch. In einem Land, in dem bald niemand mehr sitzenbleibt, muss jedes bildungsbürgerliche Distinktionsmerkmal verteidigt werden - und wenn das die ordentliche Aussprache in einem Kindersong ist.

Womöglich hat das ZDF ein schlechtes Gewissen, weil es Cindy aus Marzahn zur Nachfolgerin von Michelle Hunziker bei "Wetten, dass..?" bestellt hat. Die Frau kokettiert ja dermaßen mit ihrem Übergewicht, dass einem der Rucola von letzter Woche hochkommt. Aber grundsätzlich stimmt die Richtung, man muss jedoch weiterdenken.

Wau, das ist Opportunismus!

Tiere im Kinderfernsehen: Wenn man es genauer betrachtet, ist das eine total dysfunktionale Bagage. Lassie zum Beispiel. Ein unglaublich angepasster, affirmativer Hund. Immer da fürs Herrchen; immer die blöden Menschen, die alles vermasseln und es mit der Utopie und dem besseren Leben nicht hinkriegen, aus der Misere ziehen! In kapitalismuskritischen Zeiten ist das pädagogisch gesehen eine vollkommen kontraproduktive Figur. Kinder, die Lassie in der Wiederholung schauen, werden zu Parteigängern der Reaktion. Das sind die, die dann später jene Regierungen wählen, die korrupte Banker davonkommen lassen und dafür den sprichwörtlichen kleinen Mann noch härter besteuern.

Oder Flipper, dieser aufdringliche Schlauberger. Es gibt, glaube ich, keine schlimmere Art, Kulturleistung und Triebverzicht zu beschönigen, als dieses Tier. Haben wir unsere Kinder in Bio-Kitas geschickt und zu Achtsamkeitskursen und Yoga-Retreats, damit sie sich die Geschichten so eines abgespaltenen Tiers reinziehen? Ein Säuger, der sich derart von seinem wahren Naturell entfernt hat wie die FDP von einem Wert über null auf der Beliebtheitsskala? Flipper ist das Pendant zum Nerd, der stolz darauf ist, für alles eine Lösung zu haben, ungeachtet der gesellschaftlichen Folgen. Ich wette, im Silicon Valley, wo sie die Algorithmen aushecken, mit denen Google unser Leben steuert, hängen Flipper-Poster an den Bürowänden.

Und je weiter man hinabsteigt in die Mediengeschichte, umso schlimmer wird es: Ed, das sprechende Pferd, Charly, der Affe, oder Black Beauty - alles grauenhafte Opportunisten. Tiere, die morgens aufstehen und sagen: Klar ist es schön, dressiert zu werden. So wie die meisten von uns morgens aufstehen und sagen: Prima, danke, wo ist der Like-Button?

Es gibt zum Glück auch kritische Helden. Der Weiße Hai zum Beispiel. Der Weiße Hai biedert sich nicht an, legt keinen Wert darauf, "geliked" zu werden. Der stellt keine öligen Freundschaftsanfragen und bläht auch nicht banalen Alltagsmist per Twitter zu Neuigkeiten auf. "Oh, ich hab grad einen Katamaran verspeist!" So was wird man vom Weißen Hai nie hören.

Der Weiße Hai beißt sich durch, auch wenn das anderen manchmal wehtut. Nur ein bisschen schlanker könnte er sein.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
citizengun 01.03.2013
Zitat von sysopZDF/ Studio100 MediaDie Biene Maja kommt wieder - im Digitalformat und vor allem schlanker als das Original. Ist das schlimm? Nein, denn so ist der Zeitgeist. Eine Abrechnung mit den unsäglichen Tierhelden der Siebziger Jahre. http://www.spiegel.de/panorama/biene-majas-rueckkehr-in-der-germany-s-next-topmodel-version-a-886070.html
Rofl, sehr schön geschrieben der Artikel.
2.
flachatmer 01.03.2013
Der einzige Artikel des heutigen Tages mit Tiefgang, Informationsgehalt und einem Anflug von Recherche.
3.
deus-Lo-vult 01.03.2013
Zitat von sysopZDF/ Studio100 MediaDie Biene Maja kommt wieder - im Digitalformat und vor allem schlanker als das Original. Ist das schlimm? Nein, denn so ist der Zeitgeist. Eine Abrechnung mit den unsäglichen Tierhelden der Siebziger Jahre. http://www.spiegel.de/panorama/biene-majas-rueckkehr-in-der-germany-s-next-topmodel-version-a-886070.html
"mit den unsäglichen Tierhelden der Siebziger Jahre." ??? Wann ist der usägliche Autor dieses Artikels denn geboren? Gestern abend in der ARD waren sie noch Helden unserer Kindheit.
4.
troy_mcclure 01.03.2013
Zitat von sysopZDF/ Studio100 MediaDie Biene Maja kommt wieder - im Digitalformat und vor allem schlanker als das Original. Ist das schlimm? Nein, denn so ist der Zeitgeist. Eine Abrechnung mit den unsäglichen Tierhelden der Siebziger Jahre. http://www.spiegel.de/panorama/biene-majas-rueckkehr-in-der-germany-s-next-topmodel-version-a-886070.html
Sehr guter Artikel, aber trotzdem sieht die neue Maja häßlich aus Der Artikel ist nicht ernst gemeint, falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten...
5.
Hizle 01.03.2013
Heutzutage wird auch alles in Frage gestellt, was früher keinerlei Probleme darstellte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema ZDF
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 17 Kommentare