Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Banknoten-Bildband: Wer schaut schon so genau aufs Geld?

Von

Bildband "Money": Mehr Sein als Schein Fotos
Prill Vieceli Cremers

Heute schon über Geld nachgedacht? Wir tauschen es ständig gegen Dinge des täglichen Bedarfs und doch ist sein Wert vor allem eines: Glaubensfrage. Daran erinnert uns nun ein ebenso kluger wie unbequemer Bildband.

Auf dem Buchdeckel steht kein Titel, kein Autorenname, es gibt kein Vorwort, das in vielen Veröffentlichungen das Gezeigte thematisch einordnet und Coffeetable-kompatibel bändigt. So viel Komfort gönnen die Macher des Bildbands "Money" ihren Lesern nicht.

Wer das Buch in der Hand hält, ist eigentlich schon mittendrin. Denn es beginnt auf dem Titel, überrennt ohne Unterbrechung das Vorsatzpapier und führt übergangslos von Motiv zu Motiv immer tiefer ins Buch: der Kopf eines Löwen, eine Palme, von Fäusten erhobene Werkzeuge, eine Blüte, das Gesicht eines jungen Mädchens, ein Wochenmarkt am Hafen, Äpfel.

Nur eines hält diese irritierende Reihung zusammen: Der Look, der entsteht, wenn Druckmaschinen anlaufen, wenn stählerne Platten und Farbe wertloses Papier in Geld verwandeln. "Money" zeigt Bildausschnitte von Banknoten aus aller Welt; ungeordnet, ohne Hinweise zu Währung oder Wert und bis zur Obszönität vergrößert.

Meditation über Geld

Nein, "Money" ist ganz bestimmt kein Band für Geldscheinsammler oder ein Buch, das die Banknotengrafiker der Welt würdigen will. "Money" zeigt keine Kunst, es ist Kunst.

Auf dem Buchrücken finden sich neben dem Titel der Verlagsname (Edition Patrick Frey) und die Namen der Macher, ein geheimnisvoll wirkender Dreiklang: Prill Vieceli Cremers. Dahinter steckt ein Züricher Designstudio, das etliche Kataloge für Künstler und Bildbände für Verlage gestaltet hat. Dieser Band ist etwas vollkommen anderes: eine Einladung zur Meditation über Geld.

Der Wert eines Geldscheins basiert auf einer weltumspannenden Übereinkunft, wonach bedrucktes Papier gegen Dinge oder Arbeit getauscht werden darf. Und dass Zahlen, die auf den Scheinen stehen, uns verraten, wie viel wir dafür kaufen können. Der unausgesprochene Deal ist also: Geld ist wertvoll und muss also gegen Dinge von Wert getauscht werden. Aber da ist noch mehr. Das erfahren all jene, die mit dieser Abmachung brechen: Als das Musikprojekt KLF 1994 auf einer schottischen Insel in einer Kunstaktion eine Million Pfund verbrannte, berichtete die britische "Times", "die Bewohner hätten ungläubig, verwirrt und wütend" reagiert. Der Wert von Geld ist nämlich auch eine Glaubensfrage.

Symbole, die unseren Glauben festigen sollen

Die Bilder auf den Scheinen sind die Wächter des Werts, Symbole, die unseren Glauben festigen sollen. In "Money" finden sich also fast selbstverständlich Tiere wie der Adler, der Bär, das Nashorn. Mächtige Felsen, die über spiegelglatter See aufragen. Bienen, lernende Schulkinder, dynamische Sportler, ein Seemann mit einem Anker in der Hand. Bilder, die für jeden nachvollziehbare Tugenden wie Stärke, Dauerhaftigkeit, Fleiß und Zukunftsgläubigkeit verkörpern.

Andere Motive wiederum lassen die Gedanken des Betrachters in ganz andere Richtungen schweifen: Etwa der riesige Drache, der drohend über den Bürotürmen einer Großstadt schwebt, das Atomkraftwerk oder der bedrohlich wirkende Wasserfall. Eine Windmühle erinnert an "Don Quijote". Und die Flut der Motive reißt nicht ab: Bischof, Snowboardfahrer, Tablet-Computer, Teleskop, immer wieder Porträts von Kindern, Ureinwohnern und Kriegshelden - und eine nackte Frau, die mit beiden Händen eine Kokosnuss hält, während sie einen Hai reitet. Dabei lassen es sich die Macher nicht nehmen, dem Betrachter, durch das Inszenieren spannungsreicher Doppelseiten, Lesemöglichkeiten über das einzelne Bild hinaus nahezulegen. Wie etwa bei dem gewunden fließenden Bach auf der einen Seite und der dicht gedrängten Darstellung menschlicher Errungenschaften wie einem PC, einem Satelliten und einer Maschine zur Herstellung von Stahl auf der anderen.

Dann ist das Buch vorbei. Der hintere Buchdeckel zeigt Saddam Hussein. Mit festem Blick schaut der Diktator in die Ferne. Ein Porträt voller Zuversicht, ein Banknotenmotiv, das ein Jahr nach dem Sturz des Despoten 2003 eingestampft wurde, ein Bild der Vergänglichkeit.

Anzeige

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
muttisbester 06.01.2016
Laufwege der Fliegen...unter einer Bildunterschrift, niedlich. Ich dachte, das wäre bei Bienen beobachtet worden, Gabs sogar einen Nobelpreis dafür. Kleiner Tip: man sieht sogar die Pollen an den Beinen der unteren biene. Einfach Google und wikipedia zu Rate ziehen, oder in Biologie 8. klasse besser aufpassen.
2. Ausmachen
hektor2 06.01.2016
Interessante Bilder allemal. Wo jedoch der Autor in Bild 5 ein iPad ausgemacht hat, bleibt wohl sein Geheimnis.
3.
Cotti 06.01.2016
http://www.spiegel.de/fotostrecke/wie-weltweit-geldscheine-bedruckt-werden-fotos-fotostrecke-133296.html Nochmal ganz genau hingeguckt: Auf der linken Seite geht im Hintergrund sie Sonne auf oder unter - aber die Schatten der Dreibeinkonstruktionen zeigen eigensinnig in völlig andere Richtungen. Ansonsten wird auf dem Geldschein mehr Nacktheit zugelassen, als bei Facebook. :D
4. Geldverbrennen, KLF
derblauebarbar 06.01.2016
Das Interessante daran ist, dass Geldverbrennen eine Kunstaktion darstellt, während eine Vervielfältigung eine Straftat ist. Obwohl beides den Kreislauf beeinflusst.
5. Bilder sagen zu diesem Sujet mehr als die vielen Worte.
Frua 06.01.2016
Warum keine Beispielbilder? Banknoten sind Kunstwerke.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: