Bizarre Blockade Havarierte Boeing verstopft Straße in Bombay

Mitten in der indischen Millionenmetropole Bombay herrscht ein groteskes Verkehrschaos: Eine Boeing 737-200 steht auf einer Straße nahe des Eastern Express Highways. Der Koloss blieb auf dem Weg ins Museum an einer Brücke stecken, es gibt kaum ein Vorbeikommen.

Von Joachim Hoelzgen


Wer den Chattrapathi Shivaji Airport der indischen Mega-Metropole Bombay anfliegt, landet auf dem verkehrsreichsten Flughafen Südasiens. Die Jets stehen hier dicht geparkt und wirken wie eine Parallele zu den Blechhütten-Slums, die sich vor den beiden Start- und Landebahnen des Flughafens ausdehnen.

Jede Störung des Flugverkehrs bewirkt auf den Rollbahnen ein Chaos - wie letztes Jahr, als dort eine Boeing 737-200 der Inlandfluggesellschaft Air Sahara havariert war. Doch eben diese Boeing steht nun wieder im Weg - und zwar auf einer Straße inmitten des dicht besiedelten Stadtteils Chembur im Osten Bombays.

Schulklassen pilgern inzwischen zu dem Flugzeug, Neugierigen-Heere und natürlich Schrotthändler, die auf dem Verkehrsweg nahe des sogenannten Eastern Express Highway das Geschäft ihres Lebens wittern. An all dem ist aber am Erstaunlichsten, dass die Boeing bereits seit vorigem Sonntag den Verkehr von Chembur blockiert.

Das Flugzeug liegt auf einem Tieflader, den der Fahrer der Zugmaschine im Stich ließ, weil seine Fracht nicht unter einer Straßenüberführung durchpasste. Und Rückwärtsfahren war wegen einer Kurve ebenfalls nicht möglich. Der Chauffeur geriet in Panik und floh morgens um drei Uhr in die Dunkelheit der Nacht.

"Plötzlich stand das Flugzeug vor mir"

Auf dem Anhänger befindet sich allerdings nur der Rumpf der Maschine. Die Air Sahara hat die Tragflächen samt der Düsen abmontiert und an eine Servicegesellschaft namens Aeroturbine Inc. verkauft - und ebenso das Höhenleitwerk, so dass das vormals stolze Passagierflugzeug nun aussieht wie ein gestrandeter Wal, an dem sich Autos, Rikschas und Ochsenkarren vorbeizwängen müssen.

Das Ziel des gescheiterten Transports war ursprünglich die Luftfahrtakademie der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, wo der Aluminiumrumpf Übungszwecken dienen sollte. So aber landete er direkt vor dem Restaurant des verblüfften Curry-Kochs Ramji Thapar, bei dem vorigen Sonntag noch alles in Ordnung war, nachdem er das Restaurant geschlossen hatte. "Doch als ich mir den Schlaf aus den Augen rieb, stand plötzlich das Flugzeug vor mir", erinnert sich Thapar, dem das alles unheimlich ist.

Weil der Sattelzug samt Boeing aber seit nunmehr sechs Tagen nicht vom Fleck kommt, wachsen dementsprechend auch das Chaos und mit ihm der berechtigte Verdruss der Anwohner. "Die Gaffer gehen einfach nicht weg", klagt zum Beispiel Pradeep Malhotra, der Besitzer einer Schnellküche. Er kann die Behälter mit den Essensportionen nicht mehr umladen und in die Büros befördern, weil die Ausfahrt seiner Lieferwagen durch die Boeing versperrt wird.

Die Straßen bleiben zunächst verstopft

Und die Behörden, so hat es den Anschein, lassen Leute wie ihn einfach im Stich. Nicht ein einziger Polizeioffizier sei bisher erschienen, klagen die Boeing-Betroffenen von Chembur, während sich andererseits Flugzeugfans wie der Elektrotechnikstudent Vamsi Shastri an der Misere erfreuen. "Jets haben mich schon immer fasziniert, aber ich habe noch nie eine Maschine so nah gesehen", sagt Shastri. "Sie ist größer, als ich dachte." Indirekt ist an der bizarren Blockade ein Machtkampf indischer Milliardäre schuld, den der im fernen London residierende Mogul Naresh Goyal für sich entschieden hat.

Goyal hat die Fluglinie Air Sahara gerade erst für 14,5 Milliarden Rupien (252,9 Millionen Euro) gekauft - von dem noch größeren Krösus Subroto Roy, von dessen Air Sahara sich offenkundig niemand mehr für den Rumpf der Boeing in der urbanen Wüste Bombays interessiert.

Derweil bleiben die Straßen verstopft und werden die Pendler auf dem Weg ins Zentrum zu langen Umwegen gezwungen - das aber aller Voraussicht nach nur noch bis zum Wochenende, wie Harish Baijlal, Vizechef der Verkehrspolizei, versprochen hat. Dann soll ein Kran die Boeing umladen und Chembur von der merkwürdigen Sensation befreien.



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