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Bizarrer Streit: Hindus wehren sich gegen Hakenkreuz-Verbot

In Großbritannien machen Hindus gegen Pläne des Europa-Parlaments mobil, das Hakenkreuz in der ganzen EU zu verbieten. Das Kreuz, unter dem die Nazis Europa in Schutt und Asche legten, hat für die Religionsgemeinschaft eine viel ältere Tradition: Es gilt ihren Gläubigen seit Jahrtausenden als Symbol für Glück und Frieden.

Kinder in der nordindischen Stadt Chandigarh zünden anlässlich eines Hindu-Festes Kerzen an, die in der Form eines Hakenkreuzes aufgestellt sind
REUTERS

Kinder in der nordindischen Stadt Chandigarh zünden anlässlich eines Hindu-Festes Kerzen an, die in der Form eines Hakenkreuzes aufgestellt sind

London - "Wir haben uns entschieden, das Hakenkreuz zurückzufordern", sagte Ramesh Kallidai, Generalsekretär des Hindu-Forums, das etwa 700.000 Hindus in Großbritannien vertritt. Adolf Hitler habe das religiöse Symbol bloß gestohlen und für seine Partei zweckentfremdet, sagte Kallidai: "Seit 5000 Jahren wirbt es für das Leben. Es bringt Glück und bewahrt vor Unheil." So male man in seiner Heimat beispielsweise Babys nach dem ersten Schneiden der Haare ein Hakenkreuz auf den Kopf, um sie vor Unglück zu beschützen. "Sie finden das Symbol auf Haustüren, Hochzeitskarten und Heiligenbildern", sagte Kallidai gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Anlass der Hindu-Sympathie-Kampagne für das Hakenkreuz ist eine Initiative von Europa-Abgeordneten, die ein europaweites Verbot des als Nazi-Insignie bekannt gewordenen Zeichens gefordert haben. Die Debatte war durch einen misslangen Scherz des britischen Prinzen Harry ausgelöst worden, der in einem Nazi-Kostüm auf einer Party aufgetreten war. Auch bei der Europäischen Kommission ist die Verbotsidee der EU-Parlamentarier auf Wohlwollen gestoßen. Die Initiative sei es wert, dass man sich darüber Gedanken mache, hieß es aus Brüssel.

Adolf Hitler mit Hakenkreuz-Armbinde: Religiöses Symbol gestohlen und zweckentfremdet
DPA

Adolf Hitler mit Hakenkreuz-Armbinde: Religiöses Symbol gestohlen und zweckentfremdet

Wie Kallidai versicherte, dass er nicht das Andenken an die Juden verletzen wolle, die dem Holocaust zum Opfer gefallen seien: "Für einen Hindu ist der Missbrauch des Hakenkreuzes genauso abstoßend wie für jeden anderen Menschen." Dennoch wehrt sich der Glaubensvertreter gegen die Gleichsetzung des Hakenkreuzes mit einer rassistischen Gesinnung: "Es ist, als würde man sagen 'Der Ku Klux Klan verbrennt Kreuze, also lasst uns weltweit die Verwendung von Kreuzen verbieten.'"

Das Hindu-Forum sei nach dem Bekanntwerden des Verbotsvorhabens mit Anrufen zu dem geplanten Verbot geradezu überschwemmt worden, berichtete Kallidai. "Falls es in Kraft träte, würde es bedeuten, dass Hindus einen Gesetzesverstoß riskieren, wenn sie wie seit 5000 Jahren das Hakenkreuz zu religiösen Zwecken verwenden."

Jüdische Gemeinde bleibt skeptisch

Das Hindu-Forum startete daher eine Medien-Kampagne, um auf seine Sorgen aufmerksam zu machen. Inzwischen haben die Glaubenslobbyisten die Unterstützung von Abgeordneten des britischen und des europäischen Parlaments gewonnen. Nun stehen eine große Konferenz in London und zahlreiche landeweite Workshops auf dem Programm, um die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. "Wir haben bereits mit dem Rat der britischen Juden gesprochen und wollen einen Dialog mit ihnen", heißt es von Seiten der Hindus. "Jeder muss verstehen, dass das Hakenkreuz nichts mit Hass zu tun hat, sondern allein der Anbetung dient."

Die jüdische Gemeinde jedoch zeigte sich der Kampagne gegenüber skeptisch. "Wir respektieren den Wunsch des Hindu-Forums nach dem Hakenkreuz", betonte ein Sprecher des Jüdischen Rats, "aber wir warnen davor, dass Neo-Nazis und Rassisten das Kreuz weiterhin als wirksames Symbol des Hasses verwenden."

Generalsekretär Kallidai weiß, dass er für sein Anliegen noch lange wird kämpfen müssen: "Es ist ein steiler Weg, denn ein 5000 Jahre altes Zeichen ist vor 65 Jahren mit Hass, Zerstörung und Fremdenfeindlichkeit verbunden worden." Bis diese Assoziationen abgebaut seien, würde es wohl noch viele Jahre dauern.

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