Blasphemievorwurf in Pakistan Hassprediger in Ketten

Es ist eine Kehrtwende im Blasphemie-Fall, der Pakistan seit Wochen in Atem hält: Ein radikaler Mullah, der gegen eine junge Christin hetzte, ist festgenommen worden. Er soll Beweise manipuliert haben, um dem Mädchen ein Verfahren wegen Koran-Verbrennung anzuhängen.

Von , Islamabad


Mohammed Khalid Chishti, 30, rief seine Gemeinde auf, sie solle sich wehren, "wenn unsere Religion mit Füßen getreten wird". Chishti ist ein islamischer Geistlicher in Mehrabadi, einem Armenviertel in Pakistans Hauptstadt Islamabad. In den vergangenen Tagen sind viele Christen aus dem Viertel geflohen, sie fühlen sich nicht mehr sicher, Chishti hat seinen Teil dazu beigetragen.

Die Stimmung in Mehrabadi ist angespannt, seit am 17. August ein Mädchen verhaftet wurde. Rimsha Masih wird vorgeworfen, Seiten eines Koran-Lehrbuchs verbrannt zu haben. Sie und ihre Familie sind Christen. Ihre Version: Rimsha habe Müll verbrannt und keinesfalls den Koran schänden wollen. Laut den Angaben von Nachbarn hat Rimsha das Down-Syndrom.

Nach Überzeugung von Mullah Chishti ist das Mädchen keineswegs geistig behindert, sie habe auch nicht einfach nur Müll verbrannt, sondern sei Teil einer "christlichen Verschwörung gegen Muslime", und man hätte schon "viel früher gegen ihre antiislamischen Taten vorgehen sollen".

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Blasphemievorwurf in Pakistan: Polizei nimmt Mullah fest
Chishti verlangte in seinen Reden die Verurteilung von Rimsha, der Vorwurf lautet auf Gotteslästerung. Blasphemie ist in Pakistan eine Straftat. Das Gesetz, Anfang der achtziger Jahre in der heutigen Form eingeführt, sieht eine lebenslange Haftstrafe bei Schändung von heiligen Texten und sogar die Todesstrafe bei Beleidigung des Propheten Mohammed vor. Kritiker bemängeln, dass dieses Gesetz dazu missbraucht wird, Streitigkeiten auszufechten und missliebigen Personen zu schaden.

Rimsha ist nach Angaben ihrer Familie erst elf Jahre alt. Ein Gutachten, das der Anwalt der Familie Masih in Auftrag gab, kommt zu dem Ergebnis, das Mädchen sei 14 Jahre alt und "unterdurchschnittlich intelligent". In den Polizeiakten ist ihr Alter dagegen mit 16 Jahren angegeben, sie sei außerdem "mental hundertprozentig fit". Allerdings scheinen sich die Sicherheitskräfte selbst nicht so sicher zu sein, wie stichhaltig ihre Angaben sind. "Es gab großen öffentlichen Druck", sagt ein Polizist und macht dafür unter anderem Chishti verantwortlich.

Der Geistliche wird nun allerdings vorerst keine Hetzparolen mehr rufen: Er wurde am Wochenende festgenommen. Polizisten kamen, verbanden ihm die Augen mit einem Tuch und führten ihn ab.

"Wenn es sein muss, sterbe ich für den Islam!"

Mitarbeiter von Chishti hatten ausgesagt, der Geistliche habe dem Feuer, dass das Mädchen entzündet hatte, zwei Koranseiten hinzugefügt, um den Vorwurf gegen Rimsha noch zu verschärfen. Dies sei "der einzige Weg, die Christen aus dem Viertel zu vertreiben", soll Chishti demnach gesagt haben. Ein Mitarbeiter betonte der Polizei zufolge, er habe versucht, ihn zu stoppen, Chishti aber habe sich nicht abhalten lassen.

Kurz vor seiner Verhaftung hatte der Mullah noch seine Anhänger um sich geschart. Hunderte von Gläubigen versammelten sich in dem Viertel, um ihn zu unterstützen. Chishti hielt glühende Reden, mal rief er ihnen zu, für die Durchsetzung des islamischen Rechts zu kämpfen, dann wieder versprach er ihnen, "niemals von seiner Position abzuweichen".

"Sie können mich ins Gefängnis werfen, foltern, in Stücke hacken, aber niemals lasse ich zu, dass jemand den Koran schändet! Ich lebe für den Islam, und wenn es sein muss, sterbe ich für den Islam!", schrie er.

Viele hier sehen Chishti als Opfer einer christlichen Verschwörung, so auch Rechtsanwalt Rao Abdur Raheem. Er vertritt den Nachbarn, der mit eigenen Augen gesehen haben will, wie das Mädchen die Seiten mit den Koranversen verbrannte. Die Aussage des Nachbarn führte zur Verhaftung von Rimsha. Raheem, 32, trägt einen zu großen schwarzen Anzug, schwarze Krawatte, weißes Hemd. Es ist die Uniform der Anwälte in Pakistan. Sein Büro ist etwa so groß wie eine Garage, an der Wand steht ein Regal mit Gesetzestexten. In der Ecke liegt ein zusammengefalteter Gebetsteppich.

Am Eingang hängt das Porträt eines früheren Mandanten: Zu sehen ist Mumtaz Qadri, jener Mann, der Anfang 2011 Salman Taseer, den Gouverneur der Provinz Punjab, erschoss. Taseer hatte sich für eine Reform des Blasphemiegesetzes und für eine zum Tode verurteilte Christin eingesetzt. Jetzt kämpft Raheem dafür, dass das Todesurteil gegen Qadri fallengelassen wird.

Für Rimsha fordert er dagegen eine Bestrafung. "Es gibt viele Qadris in Pakistan", sagt er, und es klingt wie eine Drohung: Sollte das Mädchen nicht verurteilt werden, würden möglicherweise Muslime die Sache selbst in die Hand nehmen. Um das zu untermauern, bemüht er ein Bild: "Wenn man einen Fluss stoppt, sucht sich das Wasser einen anderen Weg." Raheem macht keinen Hehl daraus, dass er Masih für schuldig hält. Er hat dafür gesorgt, dass das Mädchen vorerst nicht auf Bewährung freikommt.

Als Extremist sieht Raheem sich nicht. Er sei vielmehr "ein Vertreter des Rechts". Dass das Blasphemiegesetz in den meisten Fällen als Waffe in Streitereien missbraucht werde, lässt er nicht gelten. Wieder sucht er ein Bild: "Wenn ein Mensch Krebs hat, tötet man doch nicht den ganzen Menschen." Es sei nicht das Problem des Gesetzes, dass Menschen es missbrauchten.

Der stille Sieg der Extremisten

Dann holt er aus, zur großen Rede darüber, wie ungerecht die Welt sei gegenüber dem Islam. Er kritisiert die "illegalen Drohnenangriffe der USA auf unschuldige Menschen", schimpft über die "ständigen Schändungen von islamischen Schriften", spricht vom "Krieg des Westens gegen die islamische Welt" und erwähnt die 2005 in einer dänischen Zeitung veröffentlichten Mohammed-Karikaturen.

Aus diesem Gefühl der Unterdrückung und Missachtung ist kein intelligenter Protest erwachsen, sondern eine Radikalisierung der Gesellschaft: brennende Autos, der Mob auf der Straße, Anschläge auf westliche Einrichtungen. Erschreckend viele Menschen in Pakistan heißen Meinungen wie die Raheems gut. Die Zustimmung, die beispielsweise der Mörder Qadri für seine Tat erhielt, war beängstigend groß. Hunderte Anwälte bewarfen ihn bei seinem Gang vor Gericht mit Rosenblättern und boten seine kostenlose Verteidigung an. Bis heute äußern selbst Menschen, die man für gebildet hält, Qadri habe richtig gehandelt, Taseer habe den Tod verdient.

Erstaunlich ist, dass Präsident Asif Ali Zardari versprochen hat, sich den Fall Rimsha Masih anzuschauen. Selbst islamische Geistliche haben gemeinsam mit Christen und Hindus gegen die Festnahme protestiert. Denn ansonsten schweigen Politiker in Pakistan, wenn es um das Blasphemiegesetz geht. Spätestens seit der Ermordung Taseers und, wenige Woche später, des Minderheitenministers Shahbaz Bhatti, traut sich niemand, öffentlich eine Reform oder gar eine Abschaffung zu fordern. Es ist ein stiller Sieg der Extremisten über die aufgeklärten Kräfte.

Das Mädchen Rimsha Masih sitzt derzeit in einem Gefängnis in Rawalpindi, wo üblicherweise Schwerverbrecher ihre Strafe verbüßen. "Sie hat eine Einzelzelle, zu ihrem eigenen Schutz", sagt ein Gefängnismitarbeiter. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass andere Insassen sie umbringen.

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