Fußballer Mulgheta Russom: Blindes Selbstvertrauen

Von Stefanie Unsleber

Er spielt Fußball in der deutschen Nationalmannschaft, macht eine Ausbildung zum Fitnesstrainer und er ist blind. Seit Mulgheta Russom vor 14 Jahren sein Augenlicht verlor, scheint er immer stärker geworden zu sein. Heute ist er ein Vorbild für viele - auch für Sehende.

Blinder Fußballer: Mulgheta Russom, blind und selbstbewusst Fotos
Getty Images

Wer mit Mulgheta Russom einen Kaffee trinken gehen will, steht zuerst einmal vor logistischen Problemen: U-Bahn oder Fußweg? Kann man einen Blinden durch die Stuttgarter Innenstadt schleusen? Wird ihm das zu viel? "Ach was." Mulgheta, 33, verzieht den rechten Mundwinkel zu einem Grinsen. Er legt die Hand auf die Schulter seiner Begleitung und es geht los.

"Du hast eine schlechte Haltung", stellt er fest. Er selbst hält sich sehr gerade. "Das unterscheidet mich von anderen Blinden. Viele sinken in sich zusammen, wollen sich verstecken." Russoms Selbstbewusstsein könnte irritieren, wäre da nicht seine Geschichte.

Russom hatte einen schweren Autounfall, als er 20 war. Dreimal musste er wiederbelebt werden, die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Aber er schaffte es. Kurz darauf bekam er Fieber, eine Infektion. Seitdem ist Russom blind. Das war 1998. Heute spielt er in der Blindenfußball-Nationalmannschaft und wurde mit seiner Mannschaft vom MTV Stuttgart dreimal Deutscher Meister. Außerdem macht er gerade eine Ausbildung zum ersten blinden Fitnesstrainer Deutschlands, spezialisiert auf Nacken- und Schulterverspannung.

Russom braucht kein Mitleid. Er ist ein Vorbild, auch für Sehende. Das weiß er. Und das hilft ihm auch.

Russom wohnt am Rande von Stuttgart - in Botnang, fast vollständig von Wald umgeben. Wenn er aus der U-Bahn tritt, atmet er tief und genießt die klare Luft. Dann klappt er den Blindenstock aus. Wie viele Schritte er bis zur Treppe gehen muss, an welcher Stelle sein Briefkasten hängt, alles weiß er auswendig. In der Wohnung knipst er für Gäste das Licht an. Dann lässt er die Rollläden runter. Warum lässt er sie nicht einfach immer unten? "Ich bin doch nicht Graf Dracula." Wieder dieses Grinsen.

"Ich habe Stress gemacht"

Er geht lässig mit seiner Blindheit um, wahrscheinlich war das die schwierigste Aufgabe nach seinem Unfall. In den ersten Wochen danach durfte ihn nur seine Familie auf der Intensivstation besuchen, Freunde mussten draußen bleiben. Russom war froh darüber, so hatte er Zeit, seinen Unfall zu verarbeiten. Natürlich sind Tränen geflossen, erzählt er. Aber in ihm war auch diese Energie. Er war aggressiv, wollte nach Hause. "Ich habe Stress gemacht." Als er auf die normale Station verlegt wurde, hatte er sich wieder in der Gewalt.

Einen Psychologen wollte er nicht, stattdessen Krankenschwestern, die mit ihm das Gehen üben. Einen Physiotherapeuten. Und Hanteln. Russom hat sich zurück ins Leben gekämpft. Mit viel Sport. Mit Humor. Und mit einem unerschütterlichen Optimismus, der einem manchmal unheimlich wird.

"Was ich heute nicht mehr machen kann?" Russom überlegt lange. "Auto fahren. Aber ich will nicht ausschließen, dass ich auch das irgendwann wieder tue. Vielleicht auf einem Parkplatz."

Man fragt sich, welcher Mensch er wäre, wenn er vor 14 Jahren keinen Unfall gehabt hätte. Vermutlich nicht so reif. Vermutlich würde er immer noch in dem Tübinger Modehaus arbeiten, in dem er damals seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht hat.

Er denkt darüber nicht nach. Er strengt sich an, ein möglichst normales Leben zu führen. Er kocht selbst und achtet immer noch sehr darauf, was er anhat. "Ich sehe die Farben vor meinem inneren Auge - also lasse ich sie mir beschreiben. Grasgrün mag ich und Lila." Und er geht mit seiner Clique feiern, bis morgens um sieben. Inzwischen trinkt er auch Alkohol. "Vor meinem Unfall habe ich das nicht gebraucht, um gut drauf zu sein." Ein Bruch, den er mühsam verbirgt? Er korrigiert sich schnell. "Aber heute brauche ich das eigentlich auch nicht."

Auf dem Fußballplatz tänzelt Russom auf und ab. Er spielt mit dem rasselnden Ball, springt und kickt ihn ins Tor. Hier fällt noch weniger auf, dass er nichts sieht. Seine Bewegungen haben nichts Vorsichtiges, nichts Tastendes. Manchmal knallt er gegen seine Mitspieler. Aber das lässt sich im Blindenfußball nicht immer vermeiden, trotz gewisser Vorkehrungen.

"Seine Behinderung hat ihn zu etwas Besonderem gemacht"

Später, nach dem Training, in einem Dönerrestaurant. Russoms Eltern stammen aus Eritrea, sie sind vor dem Bürgerkrieg geflohen, als Russom drei Jahre alt war. Sie haben ihm etwas mitgegeben von ihrer Heimat, die Kultur, Bräuche. Russom erklärt, wie das mit der eritreischen Kaffeezeremonie funktioniert. "Du schlürfst den Kaffee." Er spitzt seine Lippen und setzt sie an die Tasse. "Und wenn der Kaffee kalt ist, tauche ich meinen kleinen Finger hinein. Dann wird er wieder heiß!" Er lacht derb.

Dann, an der U-Bahn-Haltestelle, die Frage, ob er allein nach Hause kommt. Er macht ein missbilligendes Geräusch. "Na klar." Er hat schon den Blindenstock ausgeklappt und steht breitbeinig da, den Stock genau in der Mitte. Sein Kopf ist erhoben.

"Mulles Selbstbewusstsein ist nicht gespielt", sagt Ulrich Pfisterer, Trainer der Nationalmannschaft. "Er weiß, dass er gut aussieht und dass er was drauf hat. Und seine Behinderung hat ihn zu etwas Besonderem gemacht."

Früher war Russom einer von vielen guten Fußballspielern in der Landesliga. Einer von vielen Verkäufern. Nun traf er den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und den Rapper Jan Delay. Journalisten aus ganz Deutschland interessieren sich für ihn. Er tritt im Fernsehen auf. Die Menschen haben mehr Respekt, und keiner sagt mehr "Neger", was früher durchaus vorgekommen ist - wer beleidigt schon einen Blinden?

Trotzdem. "Wenn ich die Chance hätte, wieder zu sehen, würde ich nicht nein sagen." Es klingt, als musste er tatsächlich kurz überlegen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. ein blinder Torwart?
Emil Peisker 23.04.2012
Zitat von sysopEr spielt Fußball in der deutschen Nationalmannschaft, macht eine Ausbildung zum Fitnesstrainer und er ist blind. Seit Mulgheta Russom vor 14 Jahren sein Augenlicht verlor, scheint er immer stärker geworden zu sein. Heute ist er ein Vorbild für viele - auch für Sehende. Fußballer Mulgheta Russom: Blindes Selbstvertrauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,825494,00.html)
Fußball in der Blinden-Nationalmannschaft? Bei einem Stürmer kann ich das gerade noch nachvollziehen, wenn er per Funk- und Ohrhörer Richtungshinweise bekommt, aber bei einem blinden Torwart? So schnell kann doch niemand auf den Hinweis - rechts unten reagieren.
2.
jules123 23.04.2012
der Torwart kann sehen, ansonsten hören die Fußballer den Ball, er hat innen Rasseln. Hier weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Blindenfußball
3. Dokumentarfilm
Lena Neef 24.04.2012
Mulghetas Geschicht ist herausragend! Für besonders Interessierte: Es gibt auch einen Film über Mulgheta, der "zufällig" den selben Namen trägt wie die Überschrift dieses Artikels "Mulgheta - Blindes Selbstvertrauen". Nicht zufällig habe ich den Film gemacht und wundere mich daher nicht wenig über diesen Artikel bzw. dessen Überschrift..
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Wie funktioniert Blindenfußball?
Das wichtigste Wort im Blindenfußball ist Voy, das ist spanisch und bedeutet: Ich komme. Das rufen die Angreifer, wenn sie sich dem Ball nähern. Lassen sie es weg, gilt es als Foul. Auch andere Regeln sollen Zusammenstöße vermeiden: Der Torhüter kann sehen und dirigiert die Abwehr, der Trainer das Mittelfeld und ein weiterer Zurufer steht hinter dem gegnerischen Tor. Der Ball ist kleiner und schwerer als im normalen Fußball, damit er beim Schießen nicht so hoch fliegt. Beim Dribbeln verlieren die Spieler nie den Kontakt zum Ball. Sie schieben ihn abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß nach vorne. Es wirkt, als würde er an ihren Füßen kleben.