Unwetter beim "With Full Force"-Festival Der Himmel hat gebrannt

Es war ein gespenstisches Spektakel: Als die Metal-Band Heaven Shall Burn die Bass-Salven durch die Boxen jagte, entlud sich ein Unwetter über dem größten Festival Ostdeutschlands. Ein Blitz verletzte 51 "With Full Force"-Besucher. Den Fans wurde offenbar ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis.

Blitze am Himmel über Sachsen: 51 Verletzte bei Festival in Roitzschjora
dapd

Blitze am Himmel über Sachsen: 51 Verletzte bei Festival in Roitzschjora

Von , Roitzschjora


Roitzschjora - Wer am Montagmorgen über das Campinggelände geht, sieht Hunderte Zeltruinen, neben denen kein Auto mehr steht, Grills, randvoll mit Regenwasser, aufgeschwemmte Nahrungsmittel. Auf dem größten Festival Ostdeutschlands liegt ein Schatten. Was war geschehen?

Wie eine dunkle Wand schiebt sich die schwarze Wolkenfront in der Nacht zum Sonntag auf die Bühne zu, die Zuschauer drehen sich immer wieder um. Sie wollen sehen, was auf sie zukommt: Blitze, die vom Himmel auf die Erde züngeln. Sie hören ein Donnern, das selbst die lautesten Blastbeats aus den Boxen übertont. Auf der Bühne beginnen die Headliner des Abends ihren Auftritt, die Band Heaven Shall Burn, der Himmel soll brennen.

Kaum hat die Metalcore-Band die ersten Bass-Salven durch die Boxen gejagt, entladen sich die Himmelsgewalten. Dicke Regentropfen prasseln herunter. Schon nach wenigen Sekunden peitscht ein orkanartiger Sturm die Wassermassen über die Köpfe der gut 30.000 Hardcore- und Metal-Fans, die in diesem Moment vor der Hauptbühne des "With Full Force"-Festivals im nordsächsischen Roitzschjora ausharren.

Tausende fliehen jetzt in Panik vor dem Regen, sie suchen Unterschlupf bei den Verpflegungsständen oder hasten zum Zeltplatz. Heaven Shall Burn spielen einen ihrer größten Hits: "Endzeit". Der Refrain wird von den Abertausenden, die immer noch klitschnass vor der Bühne ausharren, trotzig mitgegrölt: "We are, we are the final resistance!"

Doch an Widerstand ist kaum zu denken. Der Sturm treibt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, über das Festivalgelände, er reißt auf den Campingplätzen Zelte und Pavillons aus ihren Verankerungen und peitscht sie wie Geschosse an den parkenden Autos vorbei.

Nach knapp einer halben Stunde ist das Gewitter vorbei, das Festivalgelände gleicht einer finnischen Seenlandschaft. Im leichten Nieselregen eilen erneut Tausende zu ihren Zelten, ziehen sich um. Das Programm soll schließlich bis 3.40 Uhr morgens weitergehen. Und das Schlimmste scheint vorbei - ein Trugschluss.

Verhängnisvolle Hilfsbereitschaft

Denn um kurz vor 2 Uhr morgens erreicht die nächste Gewitterfront, diesmal mit der Windstärke elf, Nordsachsen. Das Festivalgelände ist zu dieser Zeit wieder gut besucht. Die Blitze entladen sich direkt über dem Festivalgelände. Wieder versuchen die Fans, Unterschlupf zu finden. Auch am vorderen Teil des Campinggeländes, wo aus den Boxen der Verpflegungsstände Metal dröhnt, ist noch viel los. Fans haben sich unter das schmale Dach eines zur Cocktailbar umfunktionierten Wohnwagens geflüchtet.

Doch fatalerweise steht der direkt neben einem Mast - und der zieht offenbar einen Blitz an: Kurz vor zwei Uhr morgens werden Dutzende Fans verletzt. "Die wollten bei dem Unwetter nur meinen Stand retten", zitiert die "Leipziger Volkszeitung" Bertram Clauss, den Inhaber des Standes, der gerade den Strom abdrehen wollte. "Die Leute haben derweil das Zelt gesichert." Gegen 2 Uhr wird das Programm abgebrochen.

Die 51 Verletzten sind offenbar über metallene Pfähle, Bänke und Befestigungsschnüre vom Blitz getroffen worden. Einige seien von dem starken Stromschlag durch die Luft geschleudert worden, drei Menschen mussten reanimiert werden, berichtet die Notärztin. Am Sonntagnachmittag flimmert die Botschaft über die Videoleinwand: Drei Schwerverletzte liegen zwar noch auf der Intensivstation, doch niemand schwebt mehr in Lebensgefahr.

Noch in der Nacht auf Sonntag beschließen Tausende Hardcore- und Metal-Fans, den Festival-Sonntag sausen zu lassen. Jan, Mitte 20 aus Leipzig, zuckt im strömenden Regen die Schultern, die sich unter dem klatschnassen "Hatebreed"-Shirt abzeichnen: "Ein paar Stunden im Auto pennen und dann auf die Autobahn."

Von seinen Sachen könne er eh nichts mehr verwenden. Das Zelt zerfetzt, sämtliche Klamotten zum Wechseln klatschnass. So wie ihm geht es Tausenden. Die Fans, die bleiben, helfen sich bis zum Ende des Festivals am frühen Montagmorgen, wo sie können. Fans, deren Essensvorräte im Wasser treiben, werden vom Camping-Nachbar beschenkt. Trockene T-Shirts und Schuhe wechseln die Besitzer. Wer kein Zelt mehr hat, schläft im Auto des Nachbarn.

Am Montag zog der Deutsche Wetterdienst Bilanz: Fast 365.000-mal hat es während der Gewitter am Wochenende über Deutschland geblitzt. Allein am Samstag seien 205.999 Blitze gezählt worden. "Das ist schon sehr viel", sagt die Sprecherin.

Schuld an den heftigen Gewittern war eine Luftmassengrenze, die diagonal über Deutschland lag und schwüle Hitze von frischer Meeresluft trennte. Der Westen und Nordwesten blieben von Gewittern verschont. Über die anderen Regionen Deutschlands zogen die Unwetter mit Regengüssen und Orkanböen mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
itoy 02.07.2012
1.
Das Fusion Festival (MV) und Sonne Mond & Sterne (Thüringen) sind zum Beispiel viel größer, sowol vom Platz, als auch von der Zuschauermenge, um nur einige zu nennen...
eskommt 02.07.2012
2. zum Fürchten!
Zitat von sysopdapdEs war ein gespenstisches Spektakel: Als die Metal-Band Heaven Shall Burn die Bass-Salven durch die Boxen jagte, entlud sich ein Unwetter über dem größten Festival Ostdeutschlands. Ein Blitz verletzte 51 "Full Force"-Besucher. Den Fans wurde offenbar ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis. Blitz verletzt 51 Menschen auf "With Full Force"-Festival - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,842074,00.html)
Vielleicht sollte man den Mund gegen Gott doch nicht so voll nehmen, wird man doch von einem Sommergewitterchen weggefegt. Wenn der Himmel brennt, muss man sich das alles wohl noch ganz anders vorstellen.
Kurt Limdäpl 02.07.2012
3. Darwin lässt grüßen
Dass man sich bei einem Gewitter nicht in der Nähe von Masten aufhalten sollte, müsste sich doch herumgesprochen haben...
spreesprotte 02.07.2012
4. ja aaaber
...da hat der Himmel nicht gebrannt, als es für Heaven Shall Burn und 51 Leuts fast Endzeit gespielt hat…
spiegelwelt 02.07.2012
5.
Zitat von eskommtVielleicht sollte man den Mund gegen Gott doch nicht so voll nehmen, wird man doch von einem Sommergewitterchen weggefegt. Wenn der Himmel brennt, muss man sich das alles wohl noch ganz anders vorstellen.
Ja, klar! Gotteswiderspruch ist schuld. Und warum wurde dann Christchurch vom Erdbeben geplättet, dessen Nahme schon Gottespreisung verspricht? Aber Hauptsache mal die Wissenschaft ausgeklammert und durch Hokuspokus ersetzt. Ihr Gottesjünger seid echt schlimm.
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