Tödlicher Blitzschlag: Golfspielerin kämpft um ihr Leben

Nach dem dramatischen Blitzunglück auf einem Golfplatz in Nordhessen kämpft eine Frau weiter um ihr Leben. Drei ihrer Mitspielerinnen starben bei dem Einschlag. In der Nacht gab es weitere schwere Unwetter, vor allem im Norden und Osten Deutschlands.

Unwetter in Deutschland: Tödliche Blitze, gefährlicher Starkregen Fotos
DPA

Hamburg - Holzsplitter, herausgerissene Grasbüschel, eine Brandlinie auf dem Boden - das sind die Spuren, die auf dem Golfplatz im nordhessischen Waldeck von einem schweren Unglück zeugen: Vier Golferinnen wurden von einem Blitz getroffen. Drei Frauen im Alter von 41, 66 und 67 Jahren aus dem Landkreis Kassel waren sofort tot, eine 50-Jährige kämpft um ihr Leben.

Die lebensgefährlich verletzte Frau war mit einem Hubschrauber in eine Kasseler Spezialklinik geflogen worden. Am Samstag bestand jedoch nur wenig Hoffnung für sie. "Die Frau wurde eine halbe Stunde reanimiert", sagte ein Polizeisprecher in Korbach. "Sie war mehrere Minuten klinisch tot." Genaue Informationen über den Gesundheitszustand gebe es aber noch nicht.

Die Frauen seien gerade auf der Bahn sieben unterwegs gewesen, als das heftige Unwetter aufzog, sagte Polizeisprecher Jörg Virnich. Die vier hätten sich dann untergestellt - ausgerechnet in einer Holzhütte in exponierter Lage über dem Edersee. An dieser Stelle schlugen kurz nach 17 Uhr gleich zwei Blitze ein: einer in einen Baum, keine zwei Meter neben den Frauen, einer direkt ins Dach der Schutzhütte.

Auf dem Golfgelände, das etwa 40 Kilometer von Kassel entfernt liegt, gibt es mehrere Unterstände dieser Art. Sie haben eine Fläche von zwei mal drei Metern, sind an den Seiten mit Holz verkleidet und teilweise mit Bänken ausgestattet. Einen Blitzableiter haben sie jedoch nicht. Die 1992 gegründete Golfanlage verfügt über einen Neun-Loch-Kurzplatz und eine 27-Loch-Anlage, die sich über ein Gebiet von 98 Hektar erstreckt.

"Die Wucht muss enorm gewesen sein"

Der Blitz ließ bei dem Einschlag das Holz der Hütte splittern. "Daran kann man sehen, wie enorm die Wucht gewesen sein muss", sagt Virnich. Die Männer der Opfer hatten ebenfalls auf dem Platz Golf gespielt. Sie waren bereits ein Loch weiter und hatten sich dort bei einem Holzunterstand vor dem starken Regen geschützt. Die Männer werden nach dem Unglück psychologisch betreut, sagte der Polizeisprecher.

Dem Unglück ging offenbar eine tragische Fehlentscheidung voraus: Es sei wohl eine menschliche Reaktion, sich unterzustellen, sagte Virnich, aber die Frauen hätten nicht darauf geachtet, dass die Hütte fast am höchsten Punkt des Golfplatzes steht. Stattdessen wäre es ratsam gewesen, ins Tal zu laufen und die Handys auszuschalten. Diese könnten wegen der Strahlung anziehend auf die Blitze gewirkt haben, sagte der Polizist.

Auf dem Golfplatz ist an fast jedem Loch ein Holzunterstand. Nun werde überlegt, diese aus Sicherheitsgründen zu verändern oder abzureißen, so der Polizeisprecher.

34-Jähriger ertrank in Kanal in Augsburg

Auch in Westhessen war es am Freitagnachmittag zu Unwettern mit Blitzschlag gekommen. Dabei wurde in Rüdesheim ein Dachdecker verletzt. Der 32-Jährige wurde auf einem Gerüst vom Blitz getroffen, wie Augenzeugen berichteten. Verletzt wurde auch die 73-jährige Besitzerin eines Nachbarhauses. Die Frau hatte den Blitzeinschlag und das beginnende Feuer im Dachstuhl ihres Hauses noch selbst telefonisch der Polizei gemeldet. Die Feuerwehr brachte sie dann mit einer Rauchvergiftung zur Untersuchung ins Krankenhaus.

In Bayern endetet die Suche nach Abkühlung für zwei Menschen tragisch: Ein 34-Jähriger ertrank am Freitagabend in einem Kanal in Augsburg. Der Nichtschwimmer wurde abgetrieben, als er sich erfrischen wollte. Ein 13-jähriger Junge wurde bewusstlos aus einem Freibad in Bad Reichenhall gezogen und in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht.

In der Nacht tobten weiter heftige Sommergewitter über dem Norden und Osten Deutschlands. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes prasselten stellenweise innerhalb von 35 Minuten rund 20 Liter Wasser auf einen Quadratmeter Erde. Örtlich richteten die Unwetter erheblichen Schaden an.

In Berlin war besonders der Ortsteil Tegel betroffen. "Gewitterstürme und Starkregen haben hier einzelne Straßenzüge regelrecht verwüstet", sagte ein Feuerwehrsprecher. Der Sturm fegte drei Schornsteine vom Dach eines Wohnhauses, das 600 Quadratmeter große Dach eines Wohn- und Geschäftshauses wurde komplett abgedeckt. Das Gebäude sei vorerst nicht bewohnbar, für mehr als 20 Menschen hätten mitten in der Nacht Notunterkünfte gefunden werden müssen, hieß es. Die Gewitterböen knickten zudem zahlreiche Bäume um, die auf Autos stürzten und Balkone zerstörten. Die Rettungskräfte seien zu 125 wetterbedingten Einsätzen ausgerückt.

Land unter in Kiel

Umgestürzte Bäume blockierten die Bahnstrecke Hamburg-Berlin über Stunden. Seit der Nacht konnten die Züge aber wieder fahren.

In Hamburg und Schleswig-Holstein kam es am Freitagabend und in der Nacht zu Verkehrsbehinderungen und Überschwemmungen. In Kiel wurden Teile der Altstadt überflutet. "Einige Straßen in Kiel stehen so tief unter Wasser, dass die Fahrzeuge nicht mehr durchfahren können", sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Rund 300 Mal mussten Einsatzkräfte ausrücken, um vollgelaufene Keller und überspülte Straßen abzupumpen. Auch Teile des Universitätsklinikums waren betroffen.

Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach warnte vor weiteren Unwettern. Besonders im Nordwesten müsse abends mit Sturmböen, Hagel und Starkregen gerechnet werden. Am Montag könnte es erst einmal vorbei sein mit der drückenden Hitze: Die Temperaturen sinken deutschlandweit auf 20 bis 25 Grad.

In Bayern lockten am Samstag tropische Temperaturen die Menschen an Seen und in Biergärten. Am heißesten wurde es mit 34 Grad in Nürnberg, wie eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) mitteilte.

Auf dem Golfplatz im nordhessischen Waldeck hätte eigentlich am Wochenende ein großes Turnier stattfinden sollen. Das ist abgesagt worden. Und auch für andere Gäste bleibt die Anlage vorerst geschlossen.

siu/dpa/dapd

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Wetter
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite