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Block 1 in Fukushima: Arbeiter betreten erstmals Katastrophenreaktor

Sie sollen die Luftfilter reparieren und dann am Kühlsystem arbeiten: Erstmals nach der Havarie des japanischen Atomkraftwerks Fukushima haben Arbeiter ein Reaktorgebäude betreten. Die Radioaktivität in Block 1 ist zwar gesunken - doch jeder Einsatz darf nur zehn Minuten dauern.

AKW Fukushima: Erster Einsatz im Katastrophen-Reaktor Fotos
AP/ Air Photo Service

Tokio - Sie tragen Atemschutzmasken und Schutzanzüge: Insgesamt zwölf Arbeiter sollen im Reaktor 1 des Atomkraftwerks Fukushima das Belüftungssystem instandsetzen, damit die Radioaktivität in der Luft reduziert werden kann. Seit der Havarie hatte niemand dieses und die anderen zerstörten Reaktorgebäude betreten - die bisherigen Arbeiten beschränkten sich auf Kontrollräume, Keller und das Freigelände.

Die ersten beiden Männer betraten den Reaktor 1 am Donnerstag um 11.30 Uhr Ortszeit, wie die Betreibergesellschaft Tepco mitteilte. Aufgrund der hohen Radioaktivität sollen die Männer in kleinen Gruppen arbeiten. "Sie gehen in Vierer-Gruppen hinein, immer eine nach der anderen, und arbeiten in einem engen Bereich", sagte Tepco-Sprecher Junichi Matsumoto. Die Männer betreten und verlassen das Gebäude durch ein spezielles Zelt, um sicherzustellen, dass keine Radioaktivität austritt. Jede Gruppe solle nur zehn Minuten in dem Reaktor bleiben.

Ziel sei es, das Kühlsystem im Reaktor 1 wieder zu installieren, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den Kraftwerksbetreiber. Dazu müssen die Männer zunächst mehrere Kabelkanäle mit Ventilatoren verbinden, die die Radioaktivität aus der Luft filtern können.

Tepco versucht seit zwei Monaten, die Kühlkreisläufe der vier Reaktoren wieder in Gang zu bekommen, die bei dem schweren Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami am 11. März beschädigt worden waren. In Reaktor 1 hatte sich einen Tag nach den Naturkatastrophen eine Explosion ereignet. Die Havarie des Meilers war auf der internationalen Skala auf der höchsten Stufe 7 eingestuft worden - ebenso hoch wie Tschernobyl. Allerdings gelangte in Fukushima bislang deutlich weniger Radioaktivität in die Umgebung.

Bisher hatte die hohe Radioaktivität in den Reaktorgebäuden Einsätze unmöglich gemacht. Die Entscheidung für den aktuellen Einsatz fiel, nachdem Roboter am vergangenen Freitag neue Daten gesammelt hatten. Diese zeigten, dass die Radioaktivität in einigen Bereichen des Reaktors deutlich gefallen sei, sagte Tepco-Sprecher Matsumoto. In den zehn Minuten, die die Männer in dem Gebäude sind, werden sie laut Reuters einer Radioaktivität von rund drei Millisievert ausgesetzt.

Mitte April hatte Tepco einen Zeitplan für die Arbeiten veröffentlicht. Das Unternehmen hofft, innerhalb von drei Monaten die Reaktoren wieder zuverlässig kühlen zu können. Innerhalb von neun Monaten will das Unternehmen die volle Kontrolle über das Kraftwerk zurückerlangen. Tepco hatte am Mittwoch mitgeteilt, einen Filter zur Dekontaminierung von Meerwasser entwickeln zu wollen.

Japans Premierminister Naoto Kan plant derzeit, im Januar 2012 darüber zu entscheiden, ob Menschen in die Sperrzone rund um das havarierte AKW zurückkehren können - wenn es Tepco gelingen sollte, die Reaktoren zu stabilisieren. Das sagte Kan Medienberichten zufolge am Mittwoch beim Besuch einer Schule in Kazo nördlich von Tokio. Dort haben nach der Reaktorkatastrophe Mitte März 1200 Menschen aus dem Ort Futuba eine notdürftige Unterkunft gefunden.

Derzeit ist eine 20-Kilometer-Zone rings um das Kraftwerk Sperrgebiet. Sie darf nur mit Genehmigung betreten werden. Der Ort Futuba mit 6900 Einwohnern liegt in dieser Zone.

siu/AP/Reuters/dapd

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insgesamt 352 Beiträge
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1. Liquidatoren
Tachy 05.05.2011
Aha, jetzt sind also schon die Liquidatoren unterwegs.
2. Super-Luus-Gau
firem 05.05.2011
Jetzt bringen die Arbeiter also die Anlage wieder soweit in Ordnung, dass sie abgebrochen werden kann. Was wird denn nun aus dem Super-GAU der deutschen Apokalytiker und der gewöhnlich schlecht informierten Presse geworden? Um noch einnmal darauf hinzuweise: es gab eine ungewöhnlich verheerende Naturkatastrophe in Japan, die auch das Kernkraftwerk betraf und außer Betrieb setzte. Es ist offenkundig, dass selbst bei dieser schlimmen Ausgangslage noch ein Kontrolle vor Ort möglich war. Der GAU hat überhaupt nicht stattgefunden. Nur in den Köpfen der Apokalyptiker. Es gibt keinen einzigen Toten. Aber 20.000 Tote durch die Naturkatastrophe. Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Presse (ohne Alkohol) einen Tunnelblick bekommt und darüber hinaus nur noch sieht, was ihre eigenen Gedanken sind. Selbst bei Naturkatastrophen wird nur noch in Ideologie gemacht und nicht mehr berichtet. Den Luxus erlaubt sich dieses Land.
3. ........
Hannovergenuss, 05.05.2011
Zitat von TachyAha, jetzt sind also schon die Liquidatoren unterwegs.
Da wird repariert nicht liquidiert..... 18 mSv/h im Reaktorgebäude ist erstaunlich wenig, da könnte sogar nach deutschem Recht jemand 70 min. arbeiten...
4. .....
Hannovergenuss, 05.05.2011
"Japans Premierminister Naoto Kan plant derzeit, im Januar 2012 darüber zu entscheiden, ob Menschen in die Sperrzone rund um das havarierte AKW zurückkehren können" War das vor ein paar Tagen nicht noch die "Todeszone", für Jahrtausende unbewohnbar?
5. Was zeigt mir dieser Satz??
chaosclubwestend 05.05.2011
"Dazu müssen die Männer zunächst mehrere Kabelkanäle mit Ventilatoren verbinden, die die Radioaktivität aus der Luft filtern können." Wie verbindet man Kabelkanäle mit Ventilatoren?? Wie Filtern Ventilatoren Radioaktivität aus der Luft??
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.


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