Betroffener über Bluter-Film "Der Skandal bekommt ein menschliches Antlitz"

Das ZDF verarbeitet den Bluter-Skandal in einem Spielfilm. Wie kommt der Film bei einem Betroffenen an? Andreas Bemeleit hat sich den Film für SPIEGEL ONLINE angesehen.

Filmszene aus "Blutgeld": Treffen im kleinen Kreis der Pharmaindustrie
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Filmszene aus "Blutgeld": Treffen im kleinen Kreis der Pharmaindustrie


Andreas Bemeleit, 51, aus Wentorf bei Hamburg ist Bluter. Er ist an Aids und Hepatitis erkrankt. Bemeleit hat sich in den achtziger Jahren an verseuchten Blutpräparaten angesteckt.

Drei Brüder, die an der Bluter-Krankheit leiden und sich durch lebensnotwendige Medikamente mit HIV infizieren, stehen im Mittelpunkt des Fernsehfilms "Blutgeld". Michael Souvignier produziert mit "Blutgeld" den zweiten Spielfilm nach "Contergan - Eine einzige Tablette" über einen deutschen Medizinskandal. Es war eine Herausforderung für Regisseur René Heisig dieses komplexe Thema mit Auswirkungen in allen Lebensbereichen der Betroffenen umzusetzen. Es ist ihm gelungen.

Heisig lässt den Zuschauer mit den Brüdern leiden und die menschenverachtende Art der Verursacher spüren. In prägnanten Szenen wird erzählt, wie es die Pharmaindustrie geschafft hat, die Angst der Infizierten vor gesellschaftlicher Isolation mit der Angst vor einem drohenden Mangel an Faktor VIII zu verbinden und zu ihren Gunsten auszunutzen.

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Bluter-Skandal: "Mauern aus Arroganz und Ablehnung"
Der Film ist gelungen, auch wenn einige Szenen nicht der Realität entsprechen. So spritzt sich der Bluter Ralf Faktor VIII, das damals neue Verfahren zur Blutgerinnung, in der Küche. Hier wird die neu gewonnene Freiheit der Hämophilen in den achtziger Jahren deutlich. Eine Blutung war nun keine Katastrophe für Bluter mehr. Sie konnte durch den Patienten selbst behandelt werden.

Film hätte deutlicher werden können

Dennoch ist es unrealistisch, dass Ralf sich im Stehen spritzt. Es ist üblich, dabei am Tisch zu sitzen und es werden ausschließlich Kanülen mit Schläuchen verwendet. Die Verabreichung sollte langsam geschehen, Ralf spritzt sich viel zu schnell. In einer Szene kollidiert Ralf mit einem Radfahrer. Die Darstellung ist übertrieben dramatisch. Eine blutende Nase würde keinen erfahrenen Hämophilen, und einen so selbstsicheren wie Ralf erst recht nicht, aus der Ruhe bringen. Taschentuch in die Nase stopfen, in Ruhe Faktor VIII spritzen und die Gefahr ist gebannt.

In einigen Szenen hätte der Film dagegen deutlicher werden müssen. Er zeigt eine Sitzung im Bundesgesundheitsministerium, wo die HIV-Problematik besprochen wird. Wichtig zu wissen ist, dass eine Hitzesterilisation der Medikamente zu diesem Zeitpunkt schon möglich und auch von einem Hersteller praktiziert wurde. Die anderen Hersteller hatten noch kein eigenes Verfahren entwickelt und scheuten die Kosten für Lizenzen auf das Hitzesterilisationsverfahren. Sie wollten ein eigenes Verfahren entwickeln und bis dahin weiterhin nicht sterilisierte Medikamente verkaufen.

Eine Schlüsselszene des Filmes beschreibt eine Unterredung, in der der Pharma-Lobbyist Arndt Dobler betont, dass Professor Schubert, der Arzt vieler Bluter, im Vorstand des Bluterverbandes sitzt. Die Macht der Ärzte in den Bluterverbänden war hoch, und sie ist es auch heute noch. Darüber hinaus übt auch die pharmazeutische Industrie einen subtilen Einfluss mittels großzügiger Spenden und anderweitigen Zuwendungen aus.

Betroffene waren eingebunden

Gut ist deshalb, dass der Film die so genannte Hochdosistherapie erwähnt. Es gab Umsatzprovisionen für die Behandler von Blutern - je höher die Dosis, desto höher der Profit.

In einer Szene unterschreibt der HIV-infizierte Bluter Thomas die Abfindungserklärung - damit nahm er sich selbst die Chance, auf Schadensersatz zu klagen. Die Bluterverbände haben damals das Angebot der Versicherungen schmackhaft gemacht und keine Alternativen aufgezeigt. Viele Bluter glaubten deshalb, gar keine andere Möglichkeit zu haben, als diese Erklärung zu unterschreiben.

Regisseur Heisig hat die Betroffenen früh in die Arbeit an dem Film eingebunden. Dadurch sind die Reaktionen der Schauspieler authentisch und nachvollziehbar. Max Riemelt spielt Ralf in allen Höhen und Tiefen glaubhaft. Durch ihn bekommt der Skandal ein menschliches Antlitz, mit dem der Zuschauer bangt und hofft.

Noch heute leben mehrere Hundert Bluter mit dem HI-Virus. Ihnen ist dieser Film gewidmet. Es bleibt zu hoffen, dass nach nunmehr mehr als 30 Jahren die Zeit der Angst für alle Bluter beendet ist und sie gemeinsam einen Weg finden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Contergan-Film hat es vor einigen Jahren vorgemacht: Er hat eine große Welle der Solidarität ausgelöst.



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