Bodypaint-Künstlerin Marwedel: Die Tier-Werdung

Bis zu sechs Stunden und zehn Pinsel braucht Gesine Marwedel, um Menschen in Tiere zu verwandeln. Die 26-jährige Künstlerin hat so schon Flamingos geschaffen, Eulen, Leguane oder Tiger. Ein Gespräch über Nähe und den therapeutischen Effekt von Bodypainting.

SPIEGEL ONLINE: Frau Marwedel, was treibt die Menschen dazu, sich von Ihnen bemalen zu lassen?

Marwedel: Es gibt natürlich Kunden, die nur ein schönes Bild von sich mit nach Hause nehmen wollen. Aber es kommen auch Menschen zu mir, die Probleme haben: großflächige Narben, starkes Übergewicht, eine Brustkrebserkrankung. Für die Betroffenen ist es ein tolles Gefühl, sich zu verwandeln, in eine neue Rolle zu schlüpfen - und sich wieder gern im Spiegel anzusehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nach zehn Minuten schrubben ist die Farbe runter - und die Narben oder Fettpolster wieder sichtbar.

Marwedel: Aber der Effekt des positiven Spiegelbilds bleibt in vielen Fällen: Die Freude schön zu sein; sich gerne zu betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Was macht für Sie ein gutes Modell aus?

Marwedel: Es muss auf jeden Fall Geduld haben, manchmal brauche ich bis zu sechs Stunden für ein Motiv. Außerdem ist es von Vorteil, wenn jemand ein gutes Körpergefühl hat: Um zum Beispiel die Statur eines Tieres nachzubilden, müssen sich die Modelle teils extrem verrenken. Als ich vor etwa fünf Jahren mit dem Bodypainting angefangen habe, musste ich noch nach Freiwilligen suchen. Inzwischen stehen sie Schlange.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrer Arbeit kommen Sie den Menschen extrem nah, Sie malen ihnen mit bis zu zehn Pinseln und Schwämmen Farbe auf den Körper. Berührungsängste haben Sie nicht?

Marwedel: Zumindest nicht, solange meine Modelle einigermaßen gepflegt und sympathisch sind. Alles andere wäre für meine Arbeit auch extrem schwierig. In dem Moment, wo ich mit dem Malen anfange, habe ich eine Leinwand vor mir, keinen Menschen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist, wenn diese "Leinwand" extrem kitzelig ist?

Marwedel: Da müssen die Modelle die Zähne zusammenbeißen. Viele sind unter den Armen oder am Bauch empfindlich, ich beeile mich dann beim Malen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Menschen in Flamingos verwandelt, in Leguane, Tiger und Eulen. Gibt es Tiermotive, die gar nicht funktionieren?

Marwedel: Theoretisch ist alles denkbar, selbst ein Elefant wäre möglich. Es kommt aber natürlich stark darauf an, was die Modelle selbst wollen. Insekten oder Spinnen wären beispielsweise auch interessant. Aber kaum einer sieht sich selbst gern als Tarantel.

Die Fragen stellte Anna-Lena Roth

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Schöne Illusionen
eloise 09.04.2013
Das ist zwar nicht neu, aber sehr schön! :-)
2. Kunst, ...
noalk 09.04.2013
... die diese Bezeichnung verdient. Ich bin begeistert.
3. Schön.
posten 09.04.2013
Meist habe ich mit zeitgenössischer "Kunst" so meine Probleme, aber das hier ist originel und künstlerisch.
4. Grusel Grusel
angst+money 09.04.2013
Der 80er Airbrush-Kitsch ist wieder da. Nur diesmal mit lebenden Motorhauben. Gut für die Tanzstange in der Dorfdisco.
5. ästhetisch ausgeprägt
mischamai 09.04.2013
Zitat von angst+moneyDer 80er Airbrush-Kitsch ist wieder da. Nur diesmal mit lebenden Motorhauben. Gut für die Tanzstange in der Dorfdisco.
Es gibt sie immer noch,Menschen ohne Blick für das Wesentliche,kein Sachverstand aber geprägt von rücksichtsloser Dummheit um hier im Forum zu schreiben über Dinge von denen man nichts versteht. Dieses ästhetische Bild hat mich sofort angesprochen,bewegend in Farbe,Form und Sprache.Ein Bild das man sich lange anschauen kann und die lebende Formensprache bewundern kann,mehr davon,Danke.
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Zur Person
  • Thomas van de Wall
    Gesine Marwedel, Jahrgang 1987, studierte Rehabilitationspädagogik und arbeitet in Dortmund als Sprachtherapeutin. Parallel dazu ist sie als Künstlerin tätig. Seit zweieinhalb Jahren betreibt sie die Malerei ernsthaft, veröffentlicht Bilder und nimmt an internationalen Bodypainting-Wettbewerben teil. 2012 erschien ihr Buch "Bodypainting und Therapie. Hintergründe und Möglichkeiten von Körpermalerei im therapeutischen Kontext".