Bootsunglück mit 17 Toten in den USA "Lieber Gott, bitte, ich muss zu meinen Babys"

Auf einem See im US-Bundesstaat Missouri ist ein Ausflugsboot gesunken. Tia Coleman verlor ihre Kinder, ihren Mann - insgesamt neun Verwandte. "Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll", sagt sie.


Mit zehn Verwandten wollte Tia Coleman im US-Bundesstaat Missouri Urlaub machen. Am Donnerstag unternahm die Familie im Kleinbus einen Ausflug zum Table Rock Lake - eine Bootstour mit einem Amphibienfahrzeug, die beliebte "Ride the Ducks"-Tour, war geplant. Sie endete in einer Katastrophe.

Ein schweres Unwetter mit Windgeschwindigkeiten von 119 km/h zog auf, das Boot mit 31 Menschen an Bord kenterte. 17 Menschen starben - neun davon waren mit Tia Coleman verwandt.

"Ich habe all meine Kinder verloren. Ich habe meinen Mann verloren. Ich habe meine Schwiegermutter und meinen Schwiegervater verloren", sagte die Witwe nach dem Unglück dem Fernsehsender Fox59.

Während das Wasser ins Boot gedrungen sei, habe sie immer nur an ihre Kinder gedacht: "Lieber Gott, bitte, ich muss zu meinen Babys", sei ihr einziger Gedanke gewesen. Die Kinder hätten das Schwimmen geliebt, die Familie habe gern am Meer oder an Seen Urlaub gemacht. Der älteste Sohn sei Autist gewesen, deshalb habe man nur bestimmte Angebote in Anspruch nehmen können. Auf dem Amphibienfahrzeug, so hatte sie geglaubt, werde er sich wohl fühlen.

"Mein Herz ist sehr schwer. Von uns elf haben nur zwei überlebt, mein Neffe und ich", sagte Coleman, die derzeit im Cox Medical Center der Stadt Branson behandelt wird. Zwar seien die Passagiere vor der Abfahrt darüber informiert worden, dass ein Unwetter aufziehe. Der Kapitän habe aber erklärt, dass sie keine Rettungswesten benötigen würden. "Deshalb hat keiner von uns sie angezogen", so Coleman. Als der Sturm das Boot erwischt habe, sei es zu spät gewesen. Womöglich hätten sonst "viele Menschen gerettet werden können". Unter den Toten war auch einer der beiden Steuermänner.

Der Table Rock Lake ist ein künstlicher See, südlich der Stadt Springfield, nahe der Grenze zu Arkansas. Das Boot wurde in 25 Metern Tiefe von Tauchern aufgespürt. Die US-Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB) schickte ein Ermittlerteam an den See - es soll geprüft werden, ob alle Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden.

Bei dem Unglücksboot handelte es sich um ein Amphibienfahrzeug vom Typ Stretch Duck 07, das sowohl schwimmen als auch an Land fahren kann. Es ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, das 1944 gebaut wurde. 36 Passagiere haben darin Platz. Es gibt nur einen Ein- und Ausgang am Heck, die Rettungswesten befinden sich über den Sitzen. Die Fenster sind aus Plastik.

Zwar soll ein zweites Boot gleichen Typs bei dem Sturm sicher das Ufer erreicht haben. Dennoch stand das Amphibienfahrzeug wegen Sicherheitsbedenken in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik.

Ein privater Bootsinspektor sagte am Samstag, dass er die Ausrichter der Bootstouren im vergangenen Jahr vor baulichen Schwachstellen an den Amphibienfahrzeugen gewarnt habe. Sie seien sinkanfälliger als andere Boote.

Steve Paul, Inhaber der Inspektionsfirma Test Drive Technologies aus der Nähe von St. Louis in Missouri, erklärte, er habe im August 2017 einen entsprechenden schriftlichen Bericht an die Firma geschickt. Darin habe er dargelegt, wie sowohl Bootsmotoren als auch Pumpen, die Wasser aus dem Schiffskörper transportieren sollen, bei rauem Wetter versagen könnten.

Zudem erschwere das Dach auf den Touristenbooten im Falle des Sinkens eine Flucht der Passagiere. Dies sei schon bei einem ähnlichen Unglück mit 13 Toten im Jahr 1999 in Arkansas festgestellt worden. "Dieses Sonnendach wird im Ernstfall zu einer Art Menschenfänger - die Leute können sich nicht darunter hervorkämpfen."

Fotostrecke

7  Bilder
Bootsunglück in Missouri: Tragödie auf dem Table Rock Lake

"Das Duck Boat ist berüchtigt für seine Instabilität", sagt der New Yorker Anwalt Daniel Rose, der die Ansprüche von Unfallopfern vertritt. "Es versucht, sowohl Boot als auch Auto zu sein und ist keines von beidem, außer unter idealen Bedingungen."

Steve Paul stellte die naheliegende Frage: "Wenn du die Information hast, dass der See unruhig sein könnte oder ein Sturm heraufzieht, warum solltest du dann das Boot zu Wasser lassen?"

Der Veranstalter Ripley Entertainment äußerte sich bisher nicht zu möglichen Unglücksursachen. Der Webseite des Unternehmens war zu entnehmen, dass es 20 sogenannte Duck Boats in Betrieb hat. Alle entsprächen den Sicherheitsstandards.

Die Küstenwache erklärte laut "Kansas City Star", das gesunkene Boot stamme aus dem Jahr 1944 und sei im Februar zuletzt inspiziert worden.

US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania drückten den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus.

Tia Coleman steht nach dem Verlust ihrer Familie eine schreckliche Zeit bevor. "Ich weiß schon jetzt, wie absolut schwierig es sein wird, nach Hause zurückzukommen", sagte sie. "Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll."

ala/AFP/AP/Reuters



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.