Bordell-Tabu: Puffbesucher genießen - und schweigen

Von Brenda Strohmaier

Prostitution ist legal, Dildos gibt's bei Karstadt, überall sieht man Bilder von nackten Frauen. Deutsche sind total unverklemmt, könnte man meinen. Und doch bekennen sich Männer weiterhin nur ungern zum Puffbesuch - wie das verhaltene Geständnis von Ottfried Fischer zeigt.

Hamburg - Der Schauspieler hat gebeichtet. Der "Bild" erzählte Fischer, dass er öfter "zum Grappa trinken" im Münchner "Club Babylon" gewesen sei, einem Etablissement, das derzeit zur WM mit einer "sehenswerten Auswahl internationaler Mädchen" wirbt. Allerdings sei er nur einmal mit einem Mädchen "nach oben" gegangen, insistiert der Schauspieler. Zuvor hatte er bereits beteuert, nichts von der Rotlicht-Vergangenheit seiner Wiener Kurzzeitaffäre gewusst zu haben.

Prostituierte in der Hamburger Herbertstraße: "Die Männer erzählen ihren Frauen natürlich nichts"
DPA

Prostituierte in der Hamburger Herbertstraße: "Die Männer erzählen ihren Frauen natürlich nichts"

Offensichtlich ist da einem etwas peinlich. Schließlich ist der Puffbesuch immer noch etwas, was Männer lieber für sich behalten. Wie wichtig Diskretion ist, lässt sich gut im Internet nachlesen. Da versucht etwa ein Etablissement im niedersächsischen Elsdorf seine Kunden mit dem Verweis zu beruhigen: "Der geschützt hinter dem Haus liegende Parkplatz ist nur eine der Maßnahmen, die wir treffen, um die Anonymität unserer Gäste zu wahren."

Auch in Internetforen, in denen sich Männer über die Vorzüge spezieller Prostituierter austauschen, spielt Diskretion eine große Rolle. So klagt etwa ein gewisser "Meister" aus dem Hessischen in der Community einer einschlägigen Website, wie schwer es sei, in Ruhe einen Puff in seiner Nähe zu besuchen: "Es gibt viel bekannte Bordelle in dieser Ecke, aber wenn der Laden bekannt ist, bringt das die Gefahr, erwischt zu werden." Auch deshalb entstehen in Deutschland zunehmend mehr große Bordelle an Autobahnkreuzen, in die Männer aus großer Entfernung anreisen.

So viel Heimlichtuerei mag nicht so recht passen zu all der modernen Freizügigkeit in Deutschland. Seit dem 1. Januar 2002 gibt es immerhin das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse von Prostituierten", das es Frauen im Rotlichtgewerbe gestattet, sich bei Krankenversicherungen anzumelden, eine Steuernummer zu beantragen und der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di beizutreten. Ein Gesetz, das in der Praxis schon eine neue Bordelllandschaft hervorgebracht hat. Zu ihr gehört auch der viel beachtete Saunaclub Artemis in Berlin, dessen Bau sich ein Investor fünf Millionen Euro kosten ließ.

Mundpropaganda für einen Puff

"Früher hätte man einfach nicht so viel Geld investiert", sagt der Clubmanager Eike Wilmans. Im Gegensatz zu so genannten Wohnungspuffs, in denen oft peinlichst darauf geachtet wird, dass Freier sich nicht begegnen, kann man sich in dem Wellnessbordell nicht vor seinen Geschlechtsgenossen verstecken. "Die Männer erzählen ihren Frauen natürlich nichts. Aber ihren Freunden berichten sie schon, was hier passiert. Ohne Mundpropaganda wären wir nicht so erfolgreich", sagt er.

Also kommt da doch etwas in Bewegung? Wird der Puffbesuch für den Mann nun doch noch das, was der Friseurtermin für die Frau längst ist? "Schon möglich", sagt Wilmans - und erklärt, dass er eigentlich gar nicht Wilmans heißt. "Das ist mein Pseudonym. Ich habe noch Töchter, die studieren. Die wissen, was ich mache, aber das Umfeld ist ja noch nicht so, dass man so etwas erzählt."

Stephanie Klee weiß nur zu gut, wie weit Prostitution davon entfernt ist, als normale Dienstleistung wahrgenommen zu werden. Sie arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Prostituierte, zudem engagiert sie sich im Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen. Ihrer Ansicht nach macht es die Diskussion um Zwangsprostitution den Männern schwerer denn je, sich als Puffgänger zu outen. "Wenn sich einer öffentlich als Freier bekennt, gilt er heute doch gleich als Gewalttäter", sagt Klee.

Die Ehefrauen und Freundinnen ihrer Freier seien wiederum gar nicht unbedingt wild auf ein Puff-Bekenntnis ihrer Partner: "Viele registrieren nicht, dass er dahin geht. Und wenn, dann wollen sie es lieber nicht wissen." Für Klee gehört das Puff-Tabu zu dem generellen Unvermögen der Deutschen, über Sex zu reden. "Ich habe Kunden, die sagen, sie wollen einfach 'normal'. Aber was heißt das? Die können noch nicht mal ihre Wünsche formulieren." Sagt's und lamentiert über fehlende Sexualerziehung in den Schulen.

Die sexuelle Freizügigkeit ist dann doch nicht ganz so weit fortgeschritten, wie es scheint, wenn im Fernsehen Privat-Pornodrehs oder Swingerclubtests gezeigt werden. Ganz erfunden ist diese Welt allerdings nicht. Thomas Meyer, Betreiber einer Berliner Erotik-Website und Chronist der hauptstädtischen Rotlicht- und Sexpartywelt, glaubt, dass zumindest in Großstädten der Umgang mit Sexualität sich bereits enorm verändert hat: "Nach der Swingerclubwelle finden in Berlin gerade Gangbang-Partys einen immer größeren Freundeskreis", berichtet er. Für diese Gruppensexfreunde sei ja wohl ein Puffbesuch nichts Beschämendes mehr: "Eine Frau, die gerne zu solchen Partys geht, kann man damit nicht erschrecken."

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