Bombenanschlag in Boston: "Das sieht aus wie Krieg"

Aus Boston berichten Sebastian Fischer und  

AFP

Boston befindet sich im Ausnahmezustand, Teile der Boylston Street sind verwüstet. Am Ort des Anschlags herrscht surreale Stille. Immer wieder kehren Marathonläufer hierher zurück. Sie wollen sich nicht abfinden mit dem Terror.

Es ist ganz still an jenem Ort, an dem gestern die Bomben hochgingen. Eine surreale Szene. Denn rings um Bostons abgesperrte Boylston Street tönen ja Polizeisirenen, sichern Soldaten die U-Bahn-Stationen, rollt schon der Berufsverkehr an diesem Morgen mit sehr blauem Himmel. Aber hier, im Zentrum der Katastrophe: Stille.

Unzählige silbrig schimmernde Rettungsdecken liegen verstreut auf dem Asphalt, Fahnen und Wimpel, halbleere Wasserflaschen. Nichts bewegt sich, kaum ein Laut. An der Ecke St. James und Berkeley Street stehen vierzig, fünfzig Rollstühle, wie rasch zusammengeschoben.

"Etwas traf mich an der Schulter"

"Eingefroren", sagt Susie Eisenberg, "das sieht alles aus, als wäre es eingefroren." Auf der Sportjacke der 51-Jährigen steht: "Zehnter Boston-Marathon in Folge." Gestern, das war ihr Jubiläum, seit 2004 war sie jedes Jahr dabei. Sie wollte feiern, jetzt ist da nur noch Trauer. Und irgendwie Dankbarkeit, dass sie es mit Glück überlebt hat. Denn Eisenberg ist eine ziemlich durchschnittliche Läuferin, sie gehörte damit zu genau jener großen Gruppe, die der Anschlag treffen sollte. Die Bomben gingen hoch, als die Stoppuhr an der Ziellinie gut vier Stunden und zehn Minuten anzeigte. Die Durchschnittszeit im letzten Jahr lag bei vier Stunden und 18 Minuten.

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Boston-Marathon: Die Stille nach dem Anschlag

Deshalb ist Susie Eisenberg nur ein paar Meter von der Ziellinie entfernt, als die erste Bombe um kurz vor 15 Uhr links von ihr explodiert. "Etwas traf mich an der Schulter", sagt sie, "ich weiß nicht, was." Sie sei einfach weitergerannt. Hinter der Ziellinie wartet David Comstock, ihr Lebensgefährte. Dort hatten sie sich verabredet. Er war schneller als sie, jetzt hört er den ersten Knall. Zehn Sekunden vergehen. Rauchwolke. Dann die zweite Bombe, weiter unten auf der Boylston Street. Wieder zehn Sekunden.

Und dann taucht Eisenberg aus dem Chaos auf, läuft auf ihn zu.

Leid und Glück auf wenigen Quadratmetern. Rund um Eisenberg und Comstock werden innerhalb von Sekunden Menschen verletzt, verlieren Gliedmaßen, sterben. Drei Tote, 176 Verletzte, 17 davon in kritischem Zustand - das ist die Bilanz am Morgen danach. Noch immer gibt es offenbar keine Spur zu den Tätern, keine Spur zum Motiv. Theorien werden diskutiert: Steckt ein verrückter Einzelgänger dahinter? Waren es einheimische Regierungsgegner? Weil doch der 15. April Tax Day ist, der Tag, an dem die Amerikaner ihren Steuerscheck einschicken müssen. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang mit dem Jahrestag des rechtsextremen Anschlags von Oklahoma City? Oder handelt es sich um internationalen Terrorismus?

Akt des Terrors

"Marathon Terror", titelt der "Boston Globe" am Dienstag in großen Lettern. Für die Stadt ist längst klar, was US-Präsident Barack Obama erst einige Zeit später so ausdrücklich sagen mag: Dass es ein Akt des Terrors war, wer auch immer dahintersteckt.

Terror, weil sich eine Feier plötzlich zur Tragödie wendete. Die Amerikaner kennen den Anblick verstümmelter Menschen: Junge Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, gehören seit dem Irak-Krieg und seinen Sprengfallen zum US-Alltag. Mit Blick auf die Bomben von Boston sagt nun der Chefarzt eines örtlichen Krankenhauses: "Das ist eine Art von Explosion, wie wir sie sonst nur aus Bagdad oder Israel kennen."

Journalisten tragen die traurigen Geschichten dieses 15. April zusammen. Da sind jene zwei Brüder, 31 und 33 Jahre alt, die beide ein Bein verloren. Weil sie nebeneinander standen, als die Bombe hochging. Und wiederum neben ihnen befand sich dieser Achtjährige, der gerade seinen laufenden Vater an der Ziellinie umarmt hatte und nun zurückgekehrt war zu Mutter und Schwester. Die Bombe reißt den Jungen aus dem Leben. Seine Schwester verliert ein Bein.

Weit hinter der Ziellinie, an der Polizeiabsperrung, die zwischen Stille und Sirenen trennt, da steht Gary Allen in seiner Läuferkleidung: "Das sieht aus wie Krieg, nicht wie nach einem Rennen", sagt der 56-Jährige. Er lief am Tag zuvor seinen 21. Marathon in Boston, und auch heute läuft er. Immer weiter. "Mein Körper tut weh, aber die Herzen vieler Leute sind gebrochen - und irgendetwas muss ich doch tun." Und im nächsten Jahr? "Da bin ich wieder hier, ganz sicher."

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1.
agua 16.04.2013
Mich macht dieses Ereignis sehr betroffen.Am Schlimmsten ,dass so viele der Verletzten seit gestern den Rest ihres Lebens mit einer Behinderung leben muessen.Zu spekulieren,wer der Taeter war,halte ich nicht fuer angemessen.Dieses Ereignis zeigt,dass noch so viele Sicherheitsmassnahmen,nicht vor einem gewollten und gezielten Anschlag schuetzen.Meine Anteilnahme an die Betroffenen.
2. Regierungsgegner?
omaiho 16.04.2013
Warum sollten Regierungsgegner Marathonläufer angreifen? Diese Läufer sind doch keine Regierungsgruppe, es ist doch dann völlig unvorhersehbar, wer getroffen wird, und was er für eine politische Gesinnung hat. An die Theorie glaube ich nicht.
3. wer unerklärte Kriege sät...
rolf.niederstrasser 16.04.2013
Bei aller erklärten Erschütterung und Trauer über diese Bombenopfer in Boston dürfen wir aber nicht übersehen, dass es genügend Motivierte für solche Taten auf dem gesamten Globus gibt, wenn wir z.B. seitens der völkerrechtswidrigen und feigen Drohnenangriffe der USA in einigen Ländern über die dabei getöteten Frauen und Kinder nur noch in der Kategorie von Kollateralschäden erfahren. Die gleichgeschaltete westliche Presse puffert diese unerklärten Kriege sanft ab, doch solche Kriege können heute überall stattfinden, auch wenn sich die USA zwischen den zwei Ozeanen noch ziemlich sicher fühlt.
4. Mitgefühl
mikestichel 16.04.2013
Mein Mitgefühl allen betroffenen. Bin selber Marathonläufer. Kann imme rnoch nicht verstehen, wie man einen Anschlag auf einen Marathon laufen machen kann. Absoluter Irrsinn.
5. Hier könnte Ihre Werbung stehen!
irobot 16.04.2013
Zitat von rolf.niederstrasserBei aller erklärten Erschütterung und Trauer über diese Bombenopfer in Boston dürfen wir aber nicht übersehen, dass es genügend Motivierte für solche Taten auf dem gesamten Globus gibt, wenn wir z.B. seitens der völkerrechtswidrigen und feigen Drohnenangriffe der USA in einigen Ländern über die dabei getöteten Frauen und Kinder nur noch in der Kategorie von Kollateralschäden erfahren. Die gleichgeschaltete westliche Presse puffert diese unerklärten Kriege sanft ab, doch solche Kriege können heute überall stattfinden, auch wenn sich die USA zwischen den zwei Ozeanen noch ziemlich sicher fühlt.
Sondern Sie diesen M*ll eigentlich zu jeden themenverwandten Thread ab?
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