Brandkatastrophen in Pakistan Eingeschlossen hinter Gitterfenstern

Bei zwei verheerenden Fabrikbränden in Pakistan sind mehr als 300 Menschen gestorben. Offenbar wurden Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten, viele Arbeiter waren hinter vergitterten Fenstern eingeschlossen, die Rettungskräfte auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet.

Von , Islamabad


Noch am Mittwochnachmittag versuchen Feuerwehrleute in Karatschi, in die Hallen der Textilfabrik vorzudringen. Schwarzer Rauch steigt zum Himmel, Löschfahrzeuge mit Hebebühnen manövrieren hin und her. Draußen stehen Arbeiter, die den Flammen entkommen sind. Viele weinen, halten sich in den Armen. Die Einsatzkräfte versuchen, die Menschen zurückzudrängen. "Es besteht die Gefahr, dass das Gebäude einstürzt", warnt einer.

Nach Angaben der Feuerwehr brach das Feuer in der Fabrik am Stadtrand der Hafenmetropole Karatschi am Dienstagabend aus. "Plötzlich merkten wir, dass es heiß wird und dass da Flammen sind", sagt der Arbeiter Sajjad SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Es brach Panik aus, plötzlich fiel das Licht aus und alle versuchten, irgendwie nach draußen zu kommen."

Rund 1500 Menschen arbeiteten in dem Werk: ein dreistöckiges Gebäude mit wenigen vergitterten Fenstern, ein großer, hässlicher Betonblock mit nur vier Ausgängen.

Polizei sucht Fabrikchef

"Ich schätze, einigen hundert gelang die Flucht", sagt Arbeiter Ashraf. "Manche fanden ein unvergittertes Fenster und sprangen aus dem zweiten oder dritten Stock. Ein gebrochenes Bein ist besser als der Feuertod", sagt er. Er selbst sei erst von der Feuerwehr befreit worden. "Wir suchten und suchten den Ausgang, aber wir fanden ihn nicht." Ein anderer Arbeiter berichtet, dass das Haupttor verschlossen war. "Wir waren drinnen gefangen und dachten: Jetzt sterben wir."

Am Nachmittag gab die Polizei an, 289 Leichen aus dem Gebäude geborgen zu haben. "Viele sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt", teilt ein Sprecher mit. "In manchen Teilen des Gebäudes brennt es noch, so dass wir damit rechnen, noch weitere Tote zu finden." "Mit so einem Feuer hatten wir noch nie zu tun", berichtete ein Feuerwehrmann. Es sei die Feuerkatastrophe mit den meisten Todesopfern seit Jahrzehnten in Pakistan. Ein Vertreter des Gesundheitsministeriums der Provinz Sindh sprach von "dem verheerendsten Brand in der Geschichte Karatschis".

Für ein Feuer dieser Größe fehlte es an Löschmitteln, selbst Wasser stand nicht ausreichend zur Verfügung, berichten Reporter. Die Feuerwehr habe deshalb das Militär um Unterstützung gebeten. Das Feuer sollte mit Hilfe von Flugzeugen unter Kontrolle gebracht werden.

Die Polizei sucht nun nach dem Besitzer der Textilfabrik. Falls sich bestätigt, dass er gegen Sicherheitsregeln verstoßen hat, soll er angeklagt werden. Die Regierung verspricht, dass jetzt alle Industrieanlagen auf die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften überprüft werden. Der Arbeiter Sajjad, der sich mit einem Sprung aus dem Fenster rettete und sich dabei einen Arm verstauchte, lacht über dieses Versprechen. "Dann können sie wohl alle Fabriken im ganzen Land stilllegen."

Weiterer Brand in Lahore

Auch in der Millionenstadt Lahore ereignete sich eine Brandkatastrophe. Eine Schuhfabrik brannte nieder, als Arbeiter versuchten, die notorischen Stromausfälle mit einem Generator zu überbrücken. Der Generator vor dem Fabrikgebäude soll beim Start Funken gesprüht haben, die Chemikalien gerieten in Brand. "Im ganzen Gebäude befinden sich Chemikalien, die man zur Bearbeitung von Leder benötigt", sagt ein Arbeiter. "Ich vermute, dass sich das Feuer deshalb rasend schnell ausbreitete."

Mindestens 25 Menschen starben, als sie versuchten, den Flammen zu entkommen, darunter auch der Firmenbesitzer. Auch hier sollen Notausgänge verschlossen gewesen sein, auch hier konnten die Rettungskräfte nicht schnell genug zu den Opfern vordringen und sie befreien. "Die meisten sind erstickt", sagt ein Feuerwehrsprecher in Lahore. "Wir mussten eine Mauer durchbrechen, um überhaupt vorwärts zu kommen", beschreibt er das Vorgehen.

Pakistan ist einer der weltgrößten Textilexporteure, im ganzen Land gibt es riesige Schuh- und Kleidungsfabriken. Das Land exportiert Kleidung im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro jährlich, das meiste davon in die USA und nach Europa. Das sind rund 60 Prozent aller pakistanischen Exporte, rund 20 Prozent aller Arbeitskräfte des Landes arbeiten in der Textilindustrie. Doch die Branche steht unter Druck, weil in anderen Ländern wie Bangladesch und Kambodscha noch billiger produziert wird. In diesem Jahr haben Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern ihre Jobs verloren, mehrere Fabriken haben geschlossen.

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Brandkatastrophe in Karatschi: Feuer in Textilfabrik

Um wirtschaftlich zu arbeiten, wird in den meisten Fabriken in Pakistan rund um die Uhr produziert. An Sicherheitsmaßnahmen wird gespart. Die Produktionsstätten sind große, mehrstöckige Hallen, Feuerschutz und Fluchtpläne spielen beim Bau in den seltensten Fällen eine Rolle.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
greece2012 12.09.2012
1. Danke Tick, H&M, C&A und alle Biliganbieter!
Wir müssen uns alle schämen, dass bei uns nur das Motto "Geiz ist geil" galt. Unsere Ansprüche an Billig-Kleidern haben nun vielen Menschen den Tod gebracht. Weil unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, damit wir ein Sonderangebot finden. Eine Schande! Und - wird sich etwas bessern?...
soli123 12.09.2012
2. Konkurrenz- und Preisdruck
Die Gründe für das Desaster sind richtig benannt: Extremer Konkurrenz- und Preisdruck. Die europäischen und amerikanischen Kunden pressen den letzten Gewinn aus den Lieferanten in der Dritten Welt, sei es Pakistan, Indien oder Bangladesh. Es sind meist hochbezahlte "Experten", die für KIK, Otto etc. arbeiten und die Margen weiter drücken. Dabei werden die Lieferländer gegeneinander ausgespielt. Hinzu kommt die desolate Infrastruktur, sodass jeder Unternehmer selbst für Strom und Wasser sorgen muss.
jockelano 12.09.2012
3. Angeklagt, weil er gegen Sicherheitsregeln verstieß
Dass das ein Witz sein muss, weiß jeder, der mal in Pakistan war. Normalerweise ist es nur eine Frage des Preises, wie lange eine Regel nicht eingehalten werden darf. Und von diesem Geld sieht einer ganz gewiss niemals etwas: Die Angehörigen der Opfer.
Manollo 12.09.2012
4. etwas wirr...
Zitat von soli123Die Gründe für das Desaster sind richtig benannt: Extremer Konkurrenz- und Preisdruck. Die europäischen und amerikanischen Kunden pressen den letzten Gewinn aus den Lieferanten in der Dritten Welt, sei es Pakistan, Indien oder Bangladesh. Es sind meist hochbezahlte "Experten", die für KIK, Otto etc. arbeiten und die Margen weiter drücken. Dabei werden die Lieferländer gegeneinander ausgespielt. Hinzu kommt die desolate Infrastruktur, sodass jeder Unternehmer selbst für Strom und Wasser sorgen muss.
erstens müssen auch Unternehmer in Deutschland ihren Strom und ihr Wasser selbst bezahlen... zweitens sind die Gründe für das Desaster hier zumindest unvollständig benannt, denn in diesen Ländern sind Sicherheitsbestimmungen jeglicher Art inexistent
Marshmallowmann 12.09.2012
5.
Zitat von greece2012Wir müssen uns alle schämen, dass bei uns nur das Motto "Geiz ist geil" galt. Unsere Ansprüche an Billig-Kleidern haben nun vielen Menschen den Tod gebracht. Weil unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, damit wir ein Sonderangebot finden. Eine Schande! Und - wird sich etwas bessern?...
Nö, habe keine Kleidung aus Pakistan, wenn dann sind nur sie schuld, sie allein. Gutmenschentum im Überfluss.
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