14 Tote in Behindertenwerkstatt: Das Propangas-Rätsel

Von , Titisee-Neustadt

Eine Sonderkommission mit 60 Beamten untersucht das Unglück von Titisee-Neustadt. Nach dem tödlichen Feuer in der Behindertenwerkstatt versuchen die Ermittler, die Ursache des Brandes zu rekonstruieren. Entscheidend ist dabei eine Elf-Kilogramm-Propangasflasche.

Von der Zentrale der Freiwilligen Feuerwehr bis zum Brandort sind es gerade einmal zwei Kilometer. Als der Alarm zu dem Einsatz kam, den Kommandant Gotthard Benitz als den "größten und heftigsten" seiner 37-jährigen Laufbahn bezeichnet, da war die Wache mit genau einem Mann besetzt. Dennoch erreichte der erste Löschtrupp nur sechs Minuten später die Behindertenwerkstätte der Caritas in Titisee-Neustadt. "Wir waren verdammt schnell", sagt Benitz.

Für 13 Behinderte im Alter von 28 bis 68 Jahren und eine 50-jährige Pflegerin kamen die Helfer dennoch zu spät. Feuer und Rauch breiteten sich so rasant aus, dass ihnen keine Chance blieb. Von "schlagartiger Ausbreitung" spricht Kreisbrandmeister Alexander Widmaier. Alle Opfer kamen im selben Raum im mittleren von drei Stockwerken ums Leben - dem Raum, in dem die Katastrophe ihren Lauf nahm.

"Unkontrollierter Gasaustritt" habe das Feuer ausgelöst, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Im mittleren Stockwerk der Behindertenwerkstätte war demnach ein mobiler Gasofen aufgestellt, zu dem eine Elf-Kilo-Propangasflasche gehört. Wodurch das Gas entzündet wurde, ist noch unklar. Zwar werden am Tag nach der Tragödie immer mehr Details des dramatischen Einsatzes bekannt. Doch gleichzeitig tauchen zahlreiche neue Fragen auf.

"Der zeitliche Zusammenhang erschließt sich noch nicht"

Warum ist Gas ausgetreten? Strömte es aus dem Ofen oder aus der Propangasflasche? War das Ventil beschädigt oder geöffnet? Warum stand der Ofen in der Werkstatt, in der es auch eine normale Heizung gab? Ist ein mobiler Gasofen an einem solchen Ort überhaupt zulässig? War er in Betrieb? Warum wollen Augenzeugen zuerst Rauch wahrgenommen haben und dann eine Explosion? "Der zeitliche Zusammenhang erschließt sich noch nicht", sagt auch Widmaier.

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Unglück in Behindertenwerkstatt: Die Suche nach der Unglücksursache
All das muss die Polizei in den kommenden Wochen untersuchen. Eine Sonderkommission mit 60 Beamten arbeitet an der Aufklärung des Unglücks. Sie steht mit ihren Nachforschungen ganz am Anfang. Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Brandstiftung eingeleitet. Das bedeutet derzeit nur: Es wird geprüft, ob eine Straftat vorliegen könnte. Hinweise für eine vorsätzliche Tat gibt es nicht. "Es spricht alles für ein Unglück", sagte ein Sprecher.

Als die Feuerwehr am Montag um kurz nach 14 Uhr die Behindertenwerkstätte erreichte, war der größte Teil der Mitarbeiter schon im Freien - so erinnert sich zumindest Benitz, ein grauhaariger, besonnen wirkender Mann. Er ist in diesen Stunden die Stimme der Brandbekämpfer. Im Einsatz sei schnell klar geworden: Es sind noch Menschen eingeschlossen. Im Gebäude herrschten laut dem Kommandanten Temperaturen von bis zu 1000 Grad.

18 Mann der Feuerwehr führten dann den sogenannten Innenangriff durch - das heißt, sie drangen mit Atemgeräten und Wärmebildkameras in das völlig verqualmte Stockwerk vor. Für mehr Einsatzkräfte wäre in dem Raum kein Platz gewesen. Dort hatten es laut Widmaier einige Menschen nach der Verpuffung noch bis zu den Fenstern geschafft. Sie konnten gerettet werden. Die 14 späteren Todesopfer hätten sich hingegen "durch das Einatmen der toxischen Gase nicht mehr bewegen können".

Der Einsatz ist "vorbildlich gelaufen"

Laut Freiburgs Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer schafften es 86 der 97 Geretteten aus eigener Kraft ins Freie - darunter auch Personen im Rollstuhl. Das spreche für einen ordnungsgemäßen Brandschutz, so Schäfer. Sie lobte auch die Rettungskräfte für den Einsatz, der "vorbildlich gelaufen" sei.

Tatsächlich waren Feuerwehrmänner und Überlebende extremen psychischen Belastungen ausgesetzt. Immer wieder bitten die Verantwortlichen um einen rücksichtsvollen Umgang mit den Betroffenen. "Die Stadt steht unter Schock", sagt Bürgermeister Armin Hinterseh. Ähnlich äußert sich Caritas-Vorstand Egon Engler. Die Menschen mit Behinderung und ihre Betreuer würden psychologisch unterstützt.

Es gehe seiner Tochter sehr schlecht, sagt der Vater einer jungen Betreuerin, die das Feuer überlebt hat. Sie sei schwer geschockt und weine viel.

Wie es mit der Caritas vor Ort weitergeht, ist noch nicht klar. Man werde die Behinderten über einen längeren Zeitraum in provisorischen Räumen betreuen müssen, so Engler. Die Werkstatt soll eines Tages aber wieder eröffnet werden.

Wie wichtig die Einrichtung für die Stadt ist, hatte Bürgermeister Hinterseh am Morgen nach dem Feuer deutlich gemacht. Ganz in Schwarz stand er vor dem Gebäude und sprach von einer Tragödie im wahrsten Sinne des Wortes. "Es ist total furchtbar, dass ausgerechnet an einem Ort, der so positiv ist, etwas so Schlimmes passiert."

In den kommenden Tagen soll ein Spendenkonto eingerichtet werden. Laut Caritas hat es eine Flut an Hilfsangeboten gegeben.

Die Aufklärung des Unglücks dürfte hingegen schwierig werden - das zeigt nicht zuletzt ein Detail des Feuerwehreinsatzes. Die Männer von Gotthard Benitz trugen die Propangasflasche aus der Werkstatt heraus. Ob dabei möglicherweise das Ventil geschlossen wurde, müssen die Ermittler klären.

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Quelle: dapd

Die Caritas
Mit bundesweit rund 25.000 Einrichtungen und Diensten sowie etwa 560.000 hauptamtlichen Mitarbeitern ist die Caritas eigenen Angaben zufolge der größte Wohlfahrtsverband Deutschlands. Die Organisation mit Sitz in Freiburg im Breisgau engagiert sich seit 115 Jahren insbesondere in der Krankenpflege sowie bei der Betreuung von Senioren, Kleinkindern und Behinderten. Träger der Einrichtungen sind im Regelfall die örtlichen Caritasverbände, Diözesanverbände oder andere kirchliche Träger.

In den Caritas Werkstätten, zu denen auch die am Montag in Brand geratene Zweigwerkstätte in Titisee-Neustadt zählt, sollen Menschen mit Behinderung in ein normales Arbeitsleben und damit auch verstärkt in die Gesellschaft integriert werden. In der Werkstätte im Hochschwarzwald arbeiten etwa 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung in der Holz- und Metallverarbeitung.