Von Hendrik Ternieden, Titisee-Neustadt
Dunkel liegt die Straße da, die zum Brandort führt. Ein Bahnübergang, rechts einige Familienhäuser, dann, hell erleuchtet, das Gebäude mit der Hausnummer 12: die Zweigwerkstätte Hochschwarzwald, eine Einrichtung der Caritas. Bis zu 120 Mitarbeiter fertigen sonst hier Nistkästen und Weihnachtsdekorationen. Jetzt tauchen große Scheinwerfer das Gelände in grelles Licht, Generatoren brummen, Feuerwehrmänner halten im Nieselregen Brandwache, auch das Technische Hilfswerk ist nach Mitternacht noch vor Ort.
Zehn Stunden zuvor war in der Behindertenwerkstätte ein Feuer ausgebrochen, bei dem 14 Personen ums Leben kamen. Giftiger Rauch wurde ihnen vermutlich zum Verhängnis.
Am Dienstagmorgen bestätigte die Polizei, was bereits vermutet worden war: Bei den Opfern handelt es sich um 13 Menschen mit Behinderung, zehn Frauen und drei Männer im Alter von 28 bis 68 Jahren, sowie eine 50-jährige Betreuerin. Im Laufe des Nachmittags will die Polizei eine Pressekonferenz in Titisee-Neustadt geben.
Von außen sehen Teile des Gebäudes Stunden nach der Katastrophe beinahe intakt aus, nicht wie der Schauplatz einer der größten Brandkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Doch im Innern haben Flammen und Qualm laut Polizei große Schäden angerichtet. Weite Teile der Werkstatt wurden von Feuer und Rauch zerstört, sagte ein Sprecher der Caritas.
Ermittlungen zur Brandursache
In der Nacht nahm eine nach dem Brand gebildete Ermittlungsgruppe der Polizei ihre Arbeit auf. Im Einsatz sind Brandsachverständige und Spezialermittler. Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es ersten Untersuchungen zufolge nicht gegeben, hieß es.
Fest steht: Gegen 14 Uhr wurde am Montag der automatische Feueralarm ausgelöst. Nur wenige Minuten später soll die Feuerwehr vor Ort gewesen sein. Da kamen den Einsatzkräften bereits völlig verängstigte Menschen entgegen. Weitere konnte die Feuerwehr noch aus dem Gebäude retten, einige saßen hilflos im Rollstuhl.
In der Werkstatt arbeiten Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. Möglicherweise hatten manche von ihnen nach dem Ausbruch des Feuers Orientierungsschwierigkeiten. Zum Teil sei es den Rettern schwergefallen, die Menschen mit Behinderung zur Flucht zu bewegen, sagte Wolfgang Schäfer-Mai, der Geschäftsführer des Roten Kreuzes in Freiburg. Rund hundert Personen wurden aus dem brennenden Gebäude gerettet. Die Zahl der Verletzten erhöhte sich nach Angaben der Polizei auf neun. Sie erlitten Verbrennungen oder Rauchvergiftungen und wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, befanden sich jedoch nicht in Lebensgefahr.
Gottesdienst für die Opfer
Die Caritas kann sich die Ursache für das Unglück bisher nicht erklären. Die Sicherheitsstandards in der Werkstatt würden allen Anforderungen entsprechen, hieß es. Erst vor sechs Jahren wurde das Gebäude grundlegend saniert und um einen Neubau erweitert.
Das Unglück löste bundesweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Winfried Kretschmann flog nach Titisee-Neustadt, Bundespräsident Joachim Gauck drückte sein Beileid aus. In Freiburg wurde bei einem Abendgottesdienst der Toten gedacht. "Wir beten für die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde sowie für alle Rettungskräfte", sagte Erzbischof Robert Zollitsch. "Auch den Menschen, die bei der Feuerkatastrophe verletzt wurden, gelten unsere mitfühlenden Gedanken."
Angehörige und die Rettungskräfte sollen auch in den kommenden Tagen psychologisch betreut werden. Die Stadt plane eine Trauerfeier, sagte Bürgermeister Armin Hinterseh. Zudem habe sie für Angehörige ein Telefon-Hotline eingerichtet.
Am Montag hätte in der Werkstatt eigentlich eine besonders frohe Zeit beginnen sollen: Der große "Große Advents- und Weihnachtsmarkt" war am Morgen gestartet. In den kommenden drei Wochen sollten Produkte verkauft werden, die von den Menschen mit Behinderungen hergestellt worden waren. Vor dem Eingang zum Gebäude wird noch immer für die Veranstaltung geworben, das Plakat auf der Straße wurde noch nicht weggeräumt. Direkt dahinter flattert nun das weiß-rote Absperrband der Feuerwehr.
mit Material von dpa und dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Brand in Titisee-Neustadt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH