Katastrophe in Behindertenwerkstatt Ermittler suchen nach Brandursache

14 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, nun suchen Sachverständige und Spezialermittler der Polizei nach der Ursache. Nach dem Großbrand in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt waren Feuerwehr und Technisches Hilfswerk die ganze Nacht weiter im Einsatz.

Von , Titisee-Neustadt


Dunkel liegt die Straße da, die zum Brandort führt. Ein Bahnübergang, rechts einige Familienhäuser, dann, hell erleuchtet, das Gebäude mit der Hausnummer 12: die Zweigwerkstätte Hochschwarzwald, eine Einrichtung der Caritas. Bis zu 120 Mitarbeiter fertigen sonst hier Nistkästen und Weihnachtsdekorationen. Jetzt tauchen große Scheinwerfer das Gelände in grelles Licht, Generatoren brummen, Feuerwehrmänner halten im Nieselregen Brandwache, auch das Technische Hilfswerk ist nach Mitternacht noch vor Ort.

Zehn Stunden zuvor war in der Behindertenwerkstätte ein Feuer ausgebrochen, bei dem 14 Personen ums Leben kamen. Giftiger Rauch wurde ihnen vermutlich zum Verhängnis.

Am Dienstagmorgen bestätigte die Polizei, was bereits vermutet worden war: Bei den Opfern handelt es sich um 13 Menschen mit Behinderung, zehn Frauen und drei Männer im Alter von 28 bis 68 Jahren, sowie eine 50-jährige Betreuerin. Im Laufe des Nachmittags will die Polizei eine Pressekonferenz in Titisee-Neustadt geben.

Von außen sehen Teile des Gebäudes Stunden nach der Katastrophe beinahe intakt aus, nicht wie der Schauplatz einer der größten Brandkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Doch im Innern haben Flammen und Qualm laut Polizei große Schäden angerichtet. Weite Teile der Werkstatt wurden von Feuer und Rauch zerstört, sagte ein Sprecher der Caritas.

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Unglück in Behindertenwerkstatt: Der tödliche Brand in Titisee-Neustadt
Wie das Feuer ausbrach und warum am helllichten Tag so viele Menschen bei dem Brand ums Leben kamen, das müssen nun die Ermittler klären. Man werde die ganze Nacht nach der Brandursache suchen, sagte Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid SPIEGEL ONLINE am Montagabend. In dem Betrieb werden unter anderem Holz und Metalle verarbeitet. Möglicherweise kam es in einem Lagerraum mit Chemikalien zu einer Explosion - aber dafür gibt es bisher keine offizielle Bestätigung.

Ermittlungen zur Brandursache

In der Nacht nahm eine nach dem Brand gebildete Ermittlungsgruppe der Polizei ihre Arbeit auf. Im Einsatz sind Brandsachverständige und Spezialermittler. Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es ersten Untersuchungen zufolge nicht gegeben, hieß es.

Fest steht: Gegen 14 Uhr wurde am Montag der automatische Feueralarm ausgelöst. Nur wenige Minuten später soll die Feuerwehr vor Ort gewesen sein. Da kamen den Einsatzkräften bereits völlig verängstigte Menschen entgegen. Weitere konnte die Feuerwehr noch aus dem Gebäude retten, einige saßen hilflos im Rollstuhl.

In der Werkstatt arbeiten Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. Möglicherweise hatten manche von ihnen nach dem Ausbruch des Feuers Orientierungsschwierigkeiten. Zum Teil sei es den Rettern schwergefallen, die Menschen mit Behinderung zur Flucht zu bewegen, sagte Wolfgang Schäfer-Mai, der Geschäftsführer des Roten Kreuzes in Freiburg. Rund hundert Personen wurden aus dem brennenden Gebäude gerettet. Die Zahl der Verletzten erhöhte sich nach Angaben der Polizei auf neun. Sie erlitten Verbrennungen oder Rauchvergiftungen und wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, befanden sich jedoch nicht in Lebensgefahr.

Gottesdienst für die Opfer

Die Caritas kann sich die Ursache für das Unglück bisher nicht erklären. Die Sicherheitsstandards in der Werkstatt würden allen Anforderungen entsprechen, hieß es. Erst vor sechs Jahren wurde das Gebäude grundlegend saniert und um einen Neubau erweitert.

Das Unglück löste bundesweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Winfried Kretschmann flog nach Titisee-Neustadt, Bundespräsident Joachim Gauck drückte sein Beileid aus. In Freiburg wurde bei einem Abendgottesdienst der Toten gedacht. "Wir beten für die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde sowie für alle Rettungskräfte", sagte Erzbischof Robert Zollitsch. "Auch den Menschen, die bei der Feuerkatastrophe verletzt wurden, gelten unsere mitfühlenden Gedanken."

Angehörige und die Rettungskräfte sollen auch in den kommenden Tagen psychologisch betreut werden. Die Stadt plane eine Trauerfeier, sagte Bürgermeister Armin Hinterseh. Zudem habe sie für Angehörige ein Telefon-Hotline eingerichtet.

Am Montag hätte in der Werkstatt eigentlich eine besonders frohe Zeit beginnen sollen: Der große "Große Advents- und Weihnachtsmarkt" war am Morgen gestartet. In den kommenden drei Wochen sollten Produkte verkauft werden, die von den Menschen mit Behinderungen hergestellt worden waren. Vor dem Eingang zum Gebäude wird noch immer für die Veranstaltung geworben, das Plakat auf der Straße wurde noch nicht weggeräumt. Direkt dahinter flattert nun das weiß-rote Absperrband der Feuerwehr.

mit Material von dpa und dapd

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