Brandkatastrophe in Bukarest Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung

Bei einem Brand in einem Bukarester Musikklub kamen in der Nacht zum Samstag 27 Menschen ums Leben. Sie mussten sterben, weil es rumänische Behörden mit den Sicherheitsbestimmungen nicht allzu genau nehmen. Hauptsache, das Schmiergeld stimmt.

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In Musikvideos und während Bühnenshows präsentiert sich die rumänische Metalcore-Band Goodbye to Gravity gern umgeben von Rauch und Feuer. Für Freitagabend hatte die Truppe eine "einzigartige und denkwürdige Show" mit "speziellen Dekorationen", "pyrotechnischen Effekten" und "vielen Überraschungen" angekündigt - so wollte sie im Bukarester Klub colectiv ihr neues Album "Mantras of War" vorstellen. Am Ende wurde daraus eine furchtbare Brandkatastrophe - eine "beispiellose Tragödie, vielleicht die schlimmste im postkommunistischen Rumänien", wie der Gesundheitsminister Nicolae Banicioiu sagte.

Bei der Brandkatastrophe in dem Bukarester Musikklub kamen in der Nacht zum Samstag nach vorläufigen behördlichen Angaben 27 Menschen ums Leben, mehr als 180 wurden teils schwer verletzt. Nach Angaben von Bukarester Krankenhäusern befinden sich 24 Menschen in kritischem Zustand, insgesamt werden 146 Menschen behandelt. Auch zwei Bandmitglieder von Goodbye to Gravity sollen schwer verletzt worden sein. Der Notfallkoordinator der rumänischen Regierung, Staatssekretär Raed Arafat, der am Freitagabend auch den Rettungseinsatz am Ort der Brandkatastrophe leitete und der selbst Notfallmediziner ist, sagte, es werde sehr wahrscheinlich weitere Tote geben.

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Brand in Bukarest: Tödliches Ende einer Metal-Show
Ausgelöst hat die Katastrophe offenbar die Schlamperei der Klubbesitzer und Konzertorganisatoren beim Umgang mit Pyrotechnik. Nach Aussagen zahlreicher überlebender Augenzeugen der Katastrophe brach das Feuer am späten Abend aus, als bei einer pyrotechnischen Vorführung eine Schallisolierung aus Kunststoff an einer Säule im Saal Feuer fing. Die Flammen sollen sich binnen weniger Sekunden auf die Kunststoffisolierung an der Decke ausgebreitet haben, ein Wachmann soll vergeblich versucht haben, die Flammen zu löschen. Im Saal brach daraufhin Panik aus, auf dem Weg zur einzigen offenen Tür wurden zahlreiche Menschen niedergetrampelt, andere wurden offenbar durch den Rauch des Feuers bewusstlos und verbrannten später.

Ermittlungen wegen vorsätzlicher Tötung

Der Klub colectiv, der im Mai 2013 öffnete und in dem vor allem Bands der rumänischen Avantgarde- und Alternativmusikszene auftreten, liegt im Kellergeschoss eines ehemaligen Fabrikgebäudes in einer kleinen Straße nahe des zentralen Bukarester Platzes der Einheit. Die aktuelle Betriebsgenehmigung des Klubs wurde im Januar dieses Jahres ausgestellt, Mitte letzter Woche bemängelten Kontrolleure einen Mangel an qualifiziertem Personal am Tresen des Klubs und verhängten eine Geldstrafe. Öffentlich zugänglich ist der Klub nur durch eine Eingangstür, eine weitere Tür zum Saal war während der Brandkatastrophe nach Aussagen von Augenzeugen zunächst verschlossen. Die Pyrotechnik-Show am Freitagabend soll bei der zuständigen Behörde, dem Inspektorat für Notfälle ISU nicht angemeldet gewesen sein.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Organisatoren des Konzertes und die Klubbetreiber inzwischen wegen vorsätzlicher Tötung und prüft unter anderem, ob es überhaupt einen Notfall- und Evakuierungsplan für derartige Konzerte gab. Hauptanteilseigner des Klubs ist der Bukarester Event-Manager Alin Anastasescu, außerdem sind an der Firma Colectiv Club SRL zwei weitere Eigner beteiligt.

In Bukarest, aber auch in anderen Großstädten gibt es seit Jahren eine einschlägige Szene von Musikklubs. In vielen lassen die Sanitär- und Hygienebedingungen zu wünschen übrig; zudem ist bekannt, dass Beamte in Rumänien bei Kontrollen von Restaurants, Kneipen, Klubs und Kinos, aber auch bei anderen öffentlichen Einrichtungen trotz Mängeln oft ein Auge zudrücken, wenn sie Schmiergeld erhalten. Nach einem Bericht des News-TV Realitatea kam es in den letzten Jahren mehrfach zu Bränden in Klubs; so etwa seien in einem Musikklub in der Hafenstadt Constanta bei einem Feuer im April letzten Jahres drei Tänzerinnen ums Leben gekommen.

Regierungschef Ponta bricht Mexiko-Reise ab

Eine ähnlich furchtbaren Brandkatastrophe wie am Freitagnacht im Klub colectiv ereignete sich im August 2010 in der Bukarester Geburtsklinik Giulesti. Dort hatte sich im Saal für Frühgeborene eine schlampig installierte Air-Condition-Apparatur entzündet und ein Feuer im Frühchen-Saal ausgelöst. Sechs Neugeborene starben, fünf überlebten mit schwersten Verletzungen und gezeichnet für ihr ganzes Leben. Das Aufsichtspersonal war während der Brandkatastrophe entgegen der Bestimmungen abwesend.

Der Notfallkoordinator der rumänischen Regierung Raed Arafat hatte damals wie auch in der Nacht zum Samstag den Rettungseinsatz geleitet - er ist der Begründer des rumänischen Rettungsdienstes SMURD. Arafat verteidigte die SMURD-Mitarbeiter inzwischen gegen Vorwürfe, sie seien Freitagnacht viel zu spät am Klub colectiv eingetroffen. Nach Eingang des ersten Anrufes unter der Nummer 112 um 22.32 Uhr sei der erste Rettungskonvoi elf Minuten später am Einsatzort gewesen, so Arafat.

Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis zeigte sich in einer Facebook-Botschaft "erschüttert und zutiefst traurig über das tragische Ereignis" und besuchte am Samstag einige der überlebenden Opfer der Brandkatastrophe in einem Bukarester Krankenhaus. Der Regierungschef Victor Ponta brach eine offizielle Reise in Mexiko ab und kehrte nach Rumänien zurück. Die Regierung will wegen der Brandkatastrophe eine dreitätige Staatstrauer ausrufen.


Zusammengefasst: Bukarest hat eine außergewöhnliche Avantgarde- und Alternativmusikszene. Viele Bands treten in Locations auf, die keinerlei Sicherheitsvorschriften erfüllen. Behörden ignorieren das Problem, solange Inspekteure genügend Schmiergeld erhalten. Der Brand im Klub colectiv war nicht der erste dieser Art in Rumänien. In der Hafenstadt Constanta kamen bei einem Feuer im April letzten Jahres drei Tänzerinnen ums Leben. Im August 2010 starben bei einem Brand in der Bukarester Geburtsklinik Giulesti sechs Neugeborene.

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humptata 31.10.2015
1. Den Teaser hätte es früher nicht gegeben beim Spiegel!
"Bei einem Brand in einem Bukarester Musikklub kamen in der Nacht zum Samstag 27 Menschen ums Leben. Sie mussten sterben, weil es rumänische Behörden mit den Sicherheitsbestimmungen nicht allzu genau nehmen. Hauptsache, das Schmiergeld stimmt." Ich gehe mal davon aus, das die Untersuchungen der Brandermittler noch nicht abgeschlossen sind, aber für Herrn Verseck reicht das, was bisher bekannt wurde, um rumänischen Behörden Bestechlichkeit vorzuwerfen. Sorry, das ist BILD-Niveau.
Havel Pavel 31.10.2015
2. Ein Feuerwerk innerhalb eines Gebäudes, wie doof ist das denn?
Die Brandursache liegt wohl eher nicht am Gebäude, das sich ja wohl nicht selbst entzündet hat. Vielmehr beruht dies wohl sicherlich auf der Dummheit in einem Gebäude ein Feuerwerk zu zünden. Also bitte nicht immer gleich mit vorschnellen Vorverurteilungen auf schlampige Behörden, Bestechung usw. sondern lieber das Kind gleich beim Namen nennen. Die Autoindustrie macht man ja schliesslich auch nicht grundsätzlich zum Schuldigen für Verkehrsunfälle, nur weil einige Dummköpfe ihr Fahrzeug nicht beherrschen können.
lorberost 31.10.2015
3. Mein lieber Ken,
hast du Beweise, daß da Schmiergeld geflossen ist, oder ist es deine eigene Vermutung. Ich lebe seit 20 Jahren im Osten Europas - Rumänien, Rep. Moldau, Bulgarien, Türkei, aber vorwiegend in Romanistan - daß es schmiergeld gab und gibt ist keine Frage. Aber es hat sich viel verändert und nur mit Schmiergeld kommst du nicht mehr weiter. Also: Beweise, oder deine eigene Vermutung?
o.schork 31.10.2015
4. 11 min
Elf Minuten sind in Bucharest bis zum Eintreffen von Rettungswagen sind eine Traumzeit. Staus auch in der Nacht und Verkehrsteilnehmer die sich nicht um Rettungswagen kümmern ist dort tägliches Drama.
Schwarzgelb 31.10.2015
5. Wie erwähnt - Bild Level
Der Club wurde zehn Tage zuvor kontrolliert und eine Geldstrafe verhängt - soweit, richtig. Die Annahme, es sei wegen Korruption passiert weil wir eh alle korrupt und unverantwortlich sind, sind ja alle Osteuropäer, ist vorurteilsbeladen und dümmlich. Schade, dass nicht einmal zwölf Stunden nach der Katastrophe solche stupiden Kommentare Platz in einer sonst relativ respektablen Zeitung finden. Bitte am Niveau der Berichterstattung arbeiten.
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