Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt: Tödlicher Rauch

Von , Titisee-Neustadt

Das Feuer hat die Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt größtenteils zerstört. Die 14 Todesopfer sind mittlerweile identifiziert, sie starben vermutlich an Rauchvergiftung. Im Ort herrscht tiefe Trauer: Hinterbliebene und Bürger rücken zusammen.

Titisee-Neustadt - Am Morgen danach hängen tiefe Regenwolken über der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt. Die Hitze hat Fenster bersten lassen. In Gedenken an die Opfer wurden vier rote Kerzen vor dem Eingang entzündet. Bürgermeister Armin Hinterseh ist ganz in Schwarz gekleidet, selbst sein Regenschirm ist schwarz. "Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Tragödie", sagt er.

14 Menschen sind bei dem Feuer in der Werkstätte der Caritas ums Leben gekommen, neun wurden verletzt. "Das ist eine unheimliche wichtige Einrichtung für uns", sagt Hinterseh. Die Menschen mit Behinderung würden dort eine Lebensaufgabe finden, viele wollten auch mit 65 gar nicht aufhören zu arbeiten. "Es ist total furchtbar, dass ausgerechnet an einem Ort, der so positiv ist, etwas so Schlimmes passiert."

Nach dem verheerenden Großbrand wird die Werkstätte längere Zeit geschlossen bleiben. Die Schäden seien immens, sagt ein Sprecher der Caritas am Dienstag. Zwei Stockwerke des dreistöckigen Gebäudes seien durch Feuer und Rauch nahezu komplett zerstört. Zur Schadenshöhe könnten noch keine Angaben gemacht werden. Die Einrichtung solle hergerichtet und wieder eröffnet werden, so der Sprecher. Die zu betreuenden Menschen würden so lange in anderen Einrichtungen untergebracht. Sie werden psychologisch betreut. Dieses Angebot stehe auch den Betreuern und Angehörigen der Opfer zur Verfügung, hieß es. Die Caritas erhalte Hilfe von anderen Trägern.

In der Caritas-Werkstatt in Titisee-Neustadt arbeiteten bis zum Unglück etwa 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung unter anderem in der Metall- und Holzverarbeitung. Sie stellten eigene Produkte wie etwa Nistkästen her, fertigten aber auch Auftragsarbeiten. Einige von ihnen wohnten zu Hause bei ihren Familien, andere waren bei der Caritas in Wohnheimen stationär untergebracht. Die Werkstatt wurde 1979 gegründet und vor sechs Jahren grundlegend saniert und um einen Neubau erweitert.

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Unglück in Behindertenwerkstatt: Der tödliche Brand in Titisee-Neustadt
Opfer sind identifiziert

Die Opfer seien alle im mittleren Stockwerk ums Leben gekommen, dort wo das Feuer ausgebrochen ist, sagt Feuerkommandant Gotthard Benitz. Dichter, schwarzer Rauch wurde ihnen zum Verhängnis. Der Qualm breitete sich sehr schnell aus. Die Opfer hätten keine Chance gehabt, so Hinterseh. Es habe eine unheimlich rasche Brandentwicklung gegeben.

In Titisee-Neustadt herrsche tiefe Betroffenheit. In einem Ort mit nur 12.000 Einwohnern haben laut dem Bürgermeister auch viele Rettungskräfte einen direkten Bezug zu Personen, die von dem Unglück betroffen sind. Am Samstag soll ein ökumenischer Gedenkgottesdienst stattfinden. Auch der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch wird zu der Messe im örtlichen Münster St. Jakobus erwartet. "Es gibt ein großes Bedürfnis der Hinterbliebenen und der Bürger, gemeinsam Abschied zu nehmen", sagt Hrinterseh. Um die Toten wird am Samstag in ganz Baden-Württemberg getrauert. Für diesen Tag sei landesweit Trauerbeflaggung angeordnet, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Einen Tag nach der Brandkatastrophe sind die 14 Todesopfer identifiziert. Zehn Frauen und drei Männer mit Handicaps kamen demnach ums Leben. Auch für eine 50-jährige Betreuerin kam jede Hilfe zu spät. Die übrigen Frauen waren im Alter von 28 bis 68 Jahren, die Männer zwischen 45 und 68 Jahren, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. Die Feuerwehr hatte am Montag in einer dramatischen Aktion viele Menschen aus dem brennenden und völlig verrauchten Betrieb gerettet.

Caritas will Notfallkonzept überprüfen lassen

Die neun Verletzten befinden sich weiter in Krankenhäusern. Bei ihnen handele es sich um behinderte Menschen aus der Werkstatt sowie um zwei Feuerwehrleute, sagte ein Polizeisprecher. Die beiden Rettungskräfte hatten in dem brennenden Gebäude Rauchvergiftungen erlitten.

Warum es zu dem Brand kam, ist noch unklar. Dass es mehrere Detonationen gegeben haben soll, konnte die Polizei weiterhin nicht bestätigen. Es sei über explosionsartige Geräusche berichtet worden, dabei könne es sich aber auch um berstende Scheiben gehandelt haben. Bereits in der Nacht hatte eine Gruppe von Ermittlern der Polizei nach Spuren gesucht. Im Einsatz waren auch Brandsachverständige. Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es ersten Untersuchungen zufolge keine gegeben, hieß es. In dem Gebäude gab es eine automatische Brandmeldeanlage, aber keine Sprinkleranlage. Am Nachmittag wollen die Behörden eine Pressekonferenz geben.

Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall warnte davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. "Wir sollten uns anschauen, was ermittelt wird, und dann daraus eventuelle Lehren ziehen, wenn sie denn zu ziehen sind", sagte Gall dem Radiosender HR Info. Er sei manchmal verwundert darüber, wie schnell nach einem Unglück Lösungen präsentiert würden. Zur Brandursache wollte sich der SPD-Politiker mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, kündigte an, das Notfallkonzept der Werkstatt untersuchen zu lassen. Es sei logisch, dass nach so einer Katastrophe alle Einsatzmaßnahmen und Notfallpläne genau überprüft werden müssten, sagte Neher im ZDF-"Morgenmagazin". Bisher sei alles so geregelt gewesen, dass man davon habe ausgehen können, dass keine Katastrophe eintrete. Spezialisten müssten sich nun auf die Suche nach den Ursachen machen. Dann würden mögliche Konsequenzen geprüft.

mit Material von dpa und dapd

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Quelle: dapd
Die Caritas
Mit bundesweit rund 25.000 Einrichtungen und Diensten sowie etwa 560.000 hauptamtlichen Mitarbeitern ist die Caritas eigenen Angaben zufolge der größte Wohlfahrtsverband Deutschlands. Die Organisation mit Sitz in Freiburg im Breisgau engagiert sich seit 115 Jahren insbesondere in der Krankenpflege sowie bei der Betreuung von Senioren, Kleinkindern und Behinderten. Träger der Einrichtungen sind im Regelfall die örtlichen Caritasverbände, Diözesanverbände oder andere kirchliche Träger.

In den Caritas Werkstätten, zu denen auch die am Montag in Brand geratene Zweigwerkstätte in Titisee-Neustadt zählt, sollen Menschen mit Behinderung in ein normales Arbeitsleben und damit auch verstärkt in die Gesellschaft integriert werden. In der Werkstätte im Hochschwarzwald arbeiten etwa 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung in der Holz- und Metallverarbeitung.