Brände in Brandenburg und Altmunition im Boden "Die Situation ist extrem gefährlich"

In deutschen Wäldern schlummern Fliegerbomben und Munitionsreste im Boden. Wie gehen Einsatzkräfte bei Großbränden damit um? Feuerwehrchef Michael Axinger spricht über riskante Löscharbeiten.

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Hunderte Einsatzkräfte kämpfen im Südwesten Brandenburgs gegen einen großen Waldbrand. Die Lage sei noch nicht entspannt, sagte ein Sprecher des Brandenburger Innenministeriums am Freitag. Weiterhin sei kein Regen in Sicht, auch der Wind frische wieder auf.

Das Feuer 50 Kilometer vor Berlin hatte sich rasant ausgebreitet. Nach erst fünf Hektar Wald stand zuletzt eine Fläche in Flammen, die 400 Fußballfeldern entsprach. Zudem gefährden Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Waldboden liegen, die Einsatzkräfte. Die Löscharbeiten rund um Treuenbrietzen können noch Tage dauern.

Zur Person
  • Feuerwehr Gelsenkirchen
    Michael Axinger (Jahrgang 1964) leitet die Berufsfeuerwehr in Gelsenkirchen mit mehr als 300 Einsatzkräften. Seit 2014 ist er zudem Leiter des Fachbereichs Einsatz, Löschmittel und Umweltschutz beim Deutschen Feuerwehrverband.

SPIEGEL ONLINE: Herr Axinger, in Brandenburg stehen die Feuerwehrleute vor einem besonderen Problem: In dem betroffenen Waldgebiet liegt alte Munition aus dem Zweiten Weltkrieg in der Erde. Wie geht man hier vor?

Axinger: Die Antwort ist ganz einfach: Alle raus da. Sobald ein Einsatzleiter weiß, dass sich Munition im Boden befindet, zieht er seine Leute aus den betroffenen Gebieten ab. Die Situation ist für die Feuerwehrleute extrem gefährlich, weil die Kampfmittel jederzeit detonieren können.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird dann gelöscht?

Axinger: Aus der Luft oder vom sicheren Terrain aus in den Wald hinein.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist das?

Axinger: Zunächst muss ein passender Hubschrauber gefunden werden. Denn es gibt in Deutschland nur wenige, die eine große Außenlast tragen können. Bei einem Großbrand sollte ein Hubschrauber zwischen 5000 und 8000 Liter Wasser transportieren können. Oft werden für diese Einsätze Hubschrauber von Polizei, Bundesgrenzschutz oder Bundeswehr genutzt.

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Waldbrand in Brandenburg: Kampf gegen die Flammen

SPIEGEL ONLINE: Woher bekommt der Hubschrauber das ganze Wasser?

Axinger: Das ist das nächste Problem. Im Vorfeld muss eine Wasserversorgung für den Hubschrauber vorbereitet werden. Am besten ist ein See, aus dem die Einsatzkräfte Wasser schöpfen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden in Deutschland eigentlich keine Löschflugzeuge genutzt?

Axinger: Wir haben nur begrenzte Möglichkeiten, Löschflugzeuge mit Wasser zu befüllen. Das Flugzeug tankt während seines Landeanflugs Wasser aus dem Meer oder einem Fluss. Dafür braucht es aber eine mehrere Hundert Meter lange Flugbahn. Selbst auf großen Flüssen wie dem Rhein ist das wegen des Schiffverkehrs und dem sich verändernden Flussbett nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: An der Küste ginge es aber?

Axinger: Sicher. Das habe ich zuletzt in Kroatien gesehen. Hier werden die Löschflugzeuge in der Adria betankt. Aber die deutschen Küsten sind vom Großteil des Landes zu weit entfernt. Die Flugzeit würde zu lange dauern und der Benzinverbrauch wäre enorm.

SPIEGEL ONLINE: Neben den Hubschraubern werden auch Planierraupen und Radlager eingesetzt. Warum?

Axinger: Mit diesen Fahrzeugen werden Schneisen in den Wald geschlagen. Zum einen positionieren die Einsatzkräfte sich auf diesen Schneisen. Zum anderen soll dadurch das Überspringen der Flammen auf weitere Teile des Walds verhindert werden.

SPIEGEL ONLINE: Schützen denn Löschpanzer vor der Munitionsgefahr im Boden?

Axinger: Nicht unbedingt. Wenn ein Feuerwehrmann mit einem Löschpanzer auf eine Panzergranate fährt, wird ihn das Fahrzeug auch nicht schützen. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland nur über eine begrenzte Zahl von Löschpanzern verfügen und das Betanken sehr aufwendig ist. Sie müssen im Schnitt alle 20 Minuten aufgefüllt werden. Dabei geht viel Zeit verloren.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Waldbränden in diesem Sommer mussten sich die Einsatzkräfte wegen Munition im Boden zurückziehen. Ist eine Lösung dafür in Sicht?

Axinger: Leider nein. In Deutschland gibt es noch so viele Flächen, in denen alte Fliegerbomben und Munitionsreste schlummern, dass es viel zu aufwendig und teuer wäre, diese von Kampfmittelräumdiensten entschärfen zu lassen. Das ist nicht finanzierbar.



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