Discobrand in Brasilien: Eine vorhersehbare Katastrophe

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Sie wollten tanzen, trinken, feiern - dann wurde die Disco zur tödlichen Falle. Über 230 Menschen sind bei der Brandkatastrophe in Brasilien ums Leben gekommen. Nun wollen Behörden stärker auf die Sicherheit achten. Machen sie ernst, müssten wohl Tausende Clubs im Land schließen.

Die Leichenwagen fahren im Minutentakt auf dem Friedhof von Santa Maria vor. Eine Militärkapelle spielt, Hunderte schluchzende Menschen stehen an den hastig ausgehobenen Gruben, nehmen Abschied von ihren Söhnen, Töchtern, Brüdern und Schwestern. Die ersten 33 Opfer des Brands in der Discothek Kiss werden seit Montagmorgen hier bestattet.

Viele Familien müssen auf Friedhöfe der Umgebung ausweichen, Särge wurden aus anderen Städten herangeschafft, in Santa Maria sind alle Beerdigungsunternehmen ausgelastet. 231 Menschen sind nach letztem Stand bei dem Unglück ums Leben gekommen. Es ist die größte Brandkatastrophe in Brasilien seit 1962, als ein Zirkus in Niterói bei Rio de Janeiro Feuer fing, damals starben über 500 Menschen.

Die ganze Nacht haben die Angehörigen im Kerzenschein in der öffentlichen Sporthalle gewacht, wo viele Tote aufgebahrt sind. In Brasilien müssen Verstorbene innerhalb von 24 Stunden bestattet werden, doch Behörden und Familien sind mit der Tragödie überfordert. Die meisten Opfer sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Viele hatten ihre Altersangaben gefälscht, um in die Disco eingelassen zu werden. Liebespaare, die sich im Moment des Todes umklammert hielten, wurden aus den rauchenden Trümmern gezogen. Ein junger Mann verlor seine Freundin, ihr Sohn ist vier Monate alt.

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Brand in Disco: Die Suche nach den Schuldigen
Besucher hofften auf Ausstieg aus den Toiletten

Im verkohlten Trümmerfeld der Discothek suchen Spezialisten von Polizei und Staatsanwaltschaft unterdessen nach Spuren, die Hinweise auf Ursache und Verlauf der Tragödie geben. Der Unternehmer Elissandro S., einer der beiden Inhaber des Nachtclubs, wird nun von der Polizei vernommen, er lag selbst mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. Er widersprach Zeugenaussagen, nach denen das Sicherheitspersonal des Clubs die Gäste nach Ausbruch des Feuers zunächst am Verlassen der Disco gehindert habe. Die Diskothek ist nach Medienangaben auf den Namen von S.s Mutter und der Schwester angemeldet.

Auch zwei Musiker der Band Gurizada Fandangueira müssen sich den Fragen der Beamten stellen. Wahrscheinlich hat einer der Sänger versehentlich die Halle in Brand gesetzt, als er eine bengalische Fackel zündete.

Funken sprangen auf das Isoliermaterial an der Decke über, das sofort Feuer fing, berichten Überlebende. Ein Sicherheitsmann soll versucht haben, den Brand mit einem Feuerlöscher zu ersticken, der habe jedoch nicht funktioniert. Die Band hat schon öfter Feuerwerkskörper während ihrer Konzerte gezündet, das war Teil ihrer Bühnenshow. Bei dem Brand kam ein Musiker ums Leben, die anderen schafften es bis zum Ausgang. Nach Medienberichten hatten die Musiker die Stadt kurz nach der Katastrophe verlassen, aus Angst vor einer Lynchjustiz.

Einen speziellen Bühnenzugang gab es nicht, der Nachtclub besaß nur einen Eingang. Die Tür war etwa zwei Meter breit. Die meisten Toten fand die Feuerwehr in den beiden Toilettenräumen: Die Flüchtenden hatten offenbar gehofft, dort einen Ausstieg zu finden. Einige Verzweifelte sollen versucht haben, sich in Kühlschränken zu verschanzen.

In vielen Musikkneipen und Clubs Brasiliens ist es üblich, dass Getränke und Eintrittsgeld beim Verlassen des Etablissements bezahlt werden. Der Besucher erhält am Eingang einen Zettel, auf dem die Kellner den Konsum vermerken, die sogenannte "Comanda". Um zu verhindern, dass Besucher die Zeche prellen, wird der Ausgang meist durch Eisenroulette und Gitter verengt. Dieses System hat zu der Tragödie beigetragen.

Keine Kultur der Vorsorge

Die Sicherheitsleute der Discothek hatten die einzige Tür angeblich zunächst verriegelt, weil sie fürchteten, dass Besucher die Zeche prellen wollten, berichten Überlebende. Sie öffneten erst, als sie sicher waren, dass Feuer ausgebrochen war. Draußen erschwerten Eisengitter die Flucht, sie bildeten einen schmalen Korridor. Die Discothek war gesichert wie ein Bunker, das wurde den Besuchern zum Verhängnis.

Jetzt schieben sich Stadtverwaltung, Feuerwehr und die Anwälte der Discothekenbesitzer gegenseitig die Verantwortung für das Unglück zu. Die Betriebszulassung war seit Mitte vergangenen Jahres abgelaufen, seit Monaten hatte die Feuerwehr die Sicherheitseinrichtungen nicht überprüft. Zum Zeitpunkt des Desasters war der Club überfüllt, mehr als 2000 Menschen drängten sich in dem Gebäude.

Behörden im ganzen Land haben nun angekündigt, die Sicherheitseinrichtungen und Betriebsgenehmigungen für Discotheken und Nachtclubs zu überprüfen. Wenn sie Ernst machen, müssten sie wohl Tausende Etablissements schließen. Brasilien hat keine Kultur der Vorsorge: So lange es gut geht, werden Vorschriften lax gehandhabt oder ignoriert.

Die Gesetzgebung sei unzureichend oder würde von den Inhabern der Etablissements großzügig ausgelegt, bekannte Tarso Genro, Gouverneur des Bundesstaats Rio Grande do Sul: "Der Staat ist darauf nicht vorbereitet." Als erste Maßnahme will er Feuerwerk in geschlossenen Räumen verbieten lassen - bislang ist es erlaubt.

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