Mehr als 200 Tote bei Disco-Brand: "Es war wie in einem Horrorfilm"

Von Jule Lutteroth

In einer brasilianischen Disco sind bei einem Feuer mehr als 200 Menschen gestorben - ausgelöst wurde es von einem Musiker, der einen Bengalo zündete. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen und erheben schwere Vorwürfe gegen das Personal.

Hamburg - Es ist eine gespenstische Szene, die ein Reporter der Zeitung "Zero Hora" am Morgen nach dem Inferno von Santa Maria beschreibt: Ein Militärtransporter ist gerade abgefahren, auf der Ladefläche liegen etwa 70 Leichen. Feuerwehrleute schleppen Plastiksäcke aus den Trümmern, darin befinden sich Handtaschen und Dutzende Handys, viele Mobiltelefone klingeln ohne Unterlass. Das Material soll später helfen, die Toten der Brandkatastrophe zu identifizieren.

Gegen 2.00 Uhr war in der Discothek Kiss in Santa Maria im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul ein Feuer ausgebrochen. Auf der Bühne hatte ein Mitglied der Band Gurizada Fandangueira offenbar einen Bengalo gezündet. Als der Mann dann die glühende Fackel in die Luft hielt, fing die Deckenverkleidung Feuer.

Eine Jugendliche sagte dem Nachrichtenportal G1 von "Globo", der Musiker habe eine Art Handschuh getragen, aus dem Funken sprühten. Eine Mitarbeiterin der Discothek, Ingrid Goldani, sagte der Lokalzeitung "Diario de Santa Maria": "Der Sänger der Band hatte eine Art bengalisches Feuer in der Hand. Das brannte ein paar Minuten. Dann versuchte die Band, das Feuer zu löschen, zuerst mit Wasser, dann mit einem Feuerlöscher. Dann brannte schon die Decke."

Einer der fünf Musiker, der Akkordeonspieler, kam bei dem Brand ums Leben. Gitarrist Rodrigo Martins sagte in brasilianischen Medien, das Feuer könne durch den Apparat verursacht worden sein, den die Band für Lichteffekte mit sprühenden Funken nutze. Dies sei gewöhnlich völlig harmlos.

"Viele wurden zu Boden getreten"

Michele Pereira sagte der "Folha de São Paulo": "Ich stand direkt am Ausgang, als sich das Feuer an der Decke in Sekunden ausbreitete. Ich bin losgerannt, aber sofort gestürzt. Alle sind übereinander hinweggerannt. Viele wurden zu Boden getreten. Es war wie in einem Horrorfilm. Körper am Boden, Geschrei, die Leute verloren das Bewusstsein. Ich konnte kriechen und habe nur mein Knie verletzt." Ihre Freundin war zu diesem Zeitpunkt kurz auf die Toilette gegangen. Seither hat Pereira nichts mehr von ihr gehört.

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Mehr als 200 Tote bei Brand: Feuerhölle im Nachtclub Kiss

Im Nachtclub fand an diesem Abend eine Studentenparty der örtlichen Bundesuniversität UFSM statt. Die Studierenden der Fachrichtungen Agronomie, Tiermedizin, Pädagogik und Nahrungsmitteltechnik wollten am Samstagabend gemeinsam tanzen, eine vorgezogene Karnevalsparty. Ein rauschendes Fest, das in der Katastrophe endete.

Viele Menschen wurden in der Panik erdrückt oder erstickten. In dem dichten, schwarzen Rauch, der sich schnell ausbreitete, verloren sie die Orientierung.

Nur ein Notausgang und der Haupteingang

Offenbar waren die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft. Es gab neben dem Haupteingang nur einen Notausgang - viel zu wenig für einen Veranstaltungsraum, in dem bis zu 2000 Menschen feiern konnten. In manchen brasilianischen Medien heißt es hingegen, der Raum sei für 1000 Personen ausgelegt gewesen. "Die meisten Toten sind am Rauch erstickt oder wurden totgetrampelt", sagte Militärpolizist Edi Paulo Garcia der "Diario de Santa Maria" und bestätigte, dass der Nachtclub nur einen einzigen Ausgang hatte.

In der brasilianischen Presse heißt es zudem, die Zulassung der Disco sei abgelaufen gewesen. Laut Polizei ist dies Gegenstand der Ermittlungen. Der Eigentümer müsse sich verantworten und Papiere vorlegen.

Ein Augenzeuge sagte der "Folha de São Paulo", er habe sich nur retten können, weil er nahe am Ausgang gestanden habe. Nur mit viel Kraft konnte er sich durch die Menschenmassen bewegen. Angesichts der Enge, der Dunkelheit, des Qualms und des Chaos hatten viele der Jugendlichen keine Chance.

Die Lokalzeitung "Diario de Santa Maria" berichtet, in der Disco habe nach Ausbruch des Feuers sofort "totale Panik" geherrscht. Viele hätten versucht, sich in die Toilettenräume zu retten. Dort wurden nach Angaben der Militärpolizei auch die meisten Toten entdeckt.

Club-Security öffnete Türen nicht schnell genug

Schwere Vorwürfe werden gegen die Sicherheitsleute erhoben: Zu Beginn der Katastrophe hätten sie die Tür nicht schnell genug geöffnet. Die Club-Security habe zu verhindern versucht, dass Gäste den Laden verlassen, ohne zu bezahlen.

"Es brennt, es brennt!", hätten Diskobesucher gerufen, berichtete ein 26-jähriger Student der Zeitung "Zero Hora". Die Sicherheitsleute hätten aber weiter versucht, die Tür geschlossen zu halten. Fünf oder sechs Menschen hätten die Security dann überwältigt und die Tür niedergerissen.

Bei den Rettungsmaßnahmen brach die Feuerwehr später Wände auf, um die Toten zu bergen. Inzwischen haben die Bergungstrupps ihre Arbeit abgeschlossen, kein Mensch kann mehr helfen. 232 Tote wurden aus den kokelnden Trümmern geborgen. Es seien 120 Männer und 112 Frauen getötet worden, sagte der verantwortliche Polizeisprecher Rois Tavares. Weitere 131 Menschen seien verletzt worden.

Die Leichen mussten mit Lastwagen abtransportiert werden, die Feuerwehr ist für solche Krisen nicht gerüstet. Die Toten wurden in eine Turnhalle gebracht, es gibt keinen anderen Platz in Santa Maria, der groß genug wäre.

Ein Krisenstab koordiniert die Hilfe für die Angehörigen, viele Familien wissen noch nicht, ob ihre Kinder und Freunde überlebt haben. Die überlebenden Brandopfer wurden auf viele Krankenhäuser der Stadt und in der Umgebung verteilt. Mehr als ein Dutzend Verletzte sind in die 300 Kilometer entfernte Metropole Porto Alegre ausgeflogen worden, um dort wegen ihrer Verbrennungen behandelt zu werden. Die Stadtverwaltung von Santa Maria hat alle Krankenpfleger, Ärzte und Psychologen der Stadt aufgerufen, sich freiwillig im Sportzentrum zu melden. Sie sollen bei der Identifizierung der Leichen helfen, und die Hunderten Angehörigen der Opfer betreuen.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff versprach, alles nur Mögliche zu tun, um den Angehörigen und Opfern der Tragödie zu helfen. "Ich möchte den Brasilianern und der Bevölkerung von Santa Maria sagen, dass wir in diesem traurigem Moment zusammenstehen", sagte die Staatschefin in Santiago de Chile. Dann brach sie den EU-Lateinamerika-Gipfel in Chile ab, an dem auch Angela Merkel teilnimmt, und reiste direkt nach Santa Maria, um dort mit Angehörigen der Opfer zu sprechen.

Eine ähnliche Katastrophe gab es in Lateinamerika schon einmal: Am 30. Dezember 2004 kam es in der Discothek República Cromagnon in Buenos Aires zum Inferno, 194 Menschen starben damals. Ursache des Unglücks: ein bengalisches Feuer, das von einer Band auf der Bühne entzündet worden war und die Deckenverkleidung in Brand setzte.

mit Material der Agenturen

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