Dammbruch in Brasilien Politiker werfen Minenbetreiber Fahrlässigkeit vor

In Brasilien besteht nach dem Dammbruch in einer Eisenerzmine kaum noch Hoffnung für die Vermissten. Politiker machen den Betreiber der Mine für das Unglück verantwortlich.

Ein Rettungshelfer auf der Suche nach möglichen Opfern im Schlamm
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Ein Rettungshelfer auf der Suche nach möglichen Opfern im Schlamm


Nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien bergen die Einsatzkräfte immer mehr Leichen aus den Schlammmassen. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg auf 60, wie die Feuerwehr mitteilte. 292 weitere Menschen wurden noch vermisst. Die Zahl der Toten dürfte demnach weiter steigen. "Leider ist es sehr unwahrscheinlich, noch Überlebende zu finden", sagte der Feuerwehrsprecher Pedro Aihara.

Unterstützt wurden die lokalen Rettungskräfte von 136 israelischen Soldaten, die an die Unglücksstelle gereist waren. Sie brachten unter anderem Geräte zur Ortung von Handysignalen im Schlamm mit. Die Gegebenheiten im Katastrophengebiet, seien "sehr schwierig und sehr gefährlich", sagte der Leiter der israelischen Mission, Oberst Golan Vach. Während der Schlamm langsam trocknete, kämpften sich die Einsatzkräfte an bislang unzugängliche Stellen vor. Mit Stäben sondierten sie den Untergrund und gruben nach Verschütteten.

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Minenunglück: Schwierige Bergungsarbeiten

Helfer entdeckten unter anderem einen unter den Schlammmassen begrabenen Bus. Ob und wie viele Menschen in dem Fahrzeug saßen, war zunächst unklar. "Ich wollte helfen, eine Kuh zu retten und sah ein blaues Teil, ich grub und sah, dass es ein Fahrzeug war, vielleicht ein Minibus", sagte ein freiwilliger Helfer dem Nachrichtenportal G1. Er habe aber kein Werkzeug bei sich gehabt und nicht sehen können, ob in dem Bus Menschen saßen.

Strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen

Die Bundesregierung sprach Brasilien ihr Beileid aus. "Mit tiefer Betroffenheit habe ich von dem Dammbruch in Brumadinho erfahren, in dessen Folge zahlreiche Menschen ihr Leben verloren haben. Ich hoffe inständig, dass noch weitere Menschen gerettet werden können", schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Kondolenztelegramm an den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. "Mein besonderes Mitgefühl gilt in dieser Stunde den Angehörigen der Opfer sowie den Verletzten, denen ich eine baldige Genesung wünsche."

Wie es genau zu dem Unfall kam, war zunächst unklar. Der TÜV Süd hatte die Dämme im vergangenen Jahr geprüft, wie das Unternehmen in München auf Anfrage bestätigte. "Wir werden die Ermittlungen vollumfänglich unterstützen und den Ermittlungsbehörden alle benötigen Unterlagen zur Verfügung stellen", teilte der TÜV Süd mit.

Schwere Vorwürfe gegen den Betreiber

Fábio Schvartsman, Chef des Bergbaukonzerns Vale sprach von einer "fürchterlichen Tragödie". Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein, um die Verantwortlichen für das Unglück zu ermitteln. "Es wird eine strafrechtliche Verfolgung der Personen geben, die für diesen Unfall verantwortlich sind", sagte Generalstaatsanwältin Raquel Dodge.

Der Bürgermeister der Gemeinde Brumadinho, Avimar de Melo Barcelos, gab Vale die Schuld für das Unglück. Er warf dem Unternehmen Fahrlässigkeit und Inkompetenz vor und dem Bundesstaat Minas Gerais eine mangelhafte Aufsicht. "Diese Geschäftsmänner, sie denken nur an sich selbst", sagte der 32-jährige Renato Simao de Oliveiras, der seinen Zwillingsbruder vermisst. "Nur um Geld zu sparen."

Der Vorsitzende des Bergbauausschusses im Landesparlament von Minas Gerais, Joao Vitor Xavier, sagte: "Es gibt sichere Arten, Bergbau zu betreiben. Das verringert allerdings die Gewinnspannen. Daher machen sie es lieber billiger - und setzen damit Leben aufs Spiel."

Deutschland zählt zu den größten Abnehmern von Eisenerz

Das Umweltministerium kündigte eine Strafe in Höhe von 250 Millionen Reais (58 Mio Euro) gegen den Konzern an. Insgesamt blockierte die brasilianische Justiz Vermögenswerte von Vale in der Gesamthöhe von elf Milliarden Reais (2,6 Mrd Euro), um die Finanzierung der Aufräumarbeiten und Schadensersatzzahlungen abzusichern. Am ersten Handelstag nach dem Unglück brach der Aktienkurs von Vale um fast 20 Prozent ein.

Angesichts der Katastrophe und möglicher Umweltschäden, rief die Naturschutzorganisation WWF deutsche Unternehmen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Deutschland beziehe über 50 Prozent seines importierten Eisenerzes aus Brasilien und zähle zu den größten Abnehmern des Rohstoffs. "Der Dammbruch zeigt, welch unfassbares Leid der Abbau von Rohstoffen verursachen kann", sagte Jörg-Andreas Krüger vom WWF. "Auch deutsche Unternehmen tragen hierfür Verantwortung, wenn sie Rohstoffe aus solchen Bergwerken importieren."

Im Jahr 2015 gab es in Minas Gerais schon ein ähnliches Unglück. Bei der "Tragödie von Mariana" kam es in einem Eisenerzbergwerk zu einem Dammbruch an einem Rückhaltebecken. Seinerzeit kamen 19 Menschen ums Leben. Das damalige Betreiberunternehmen Samarco gehörte ebenfalls Vale sowie dem australisch-britischen Konzern BHP. Eine riesige Welle mit Schlamm und schädlichen Stoffen ergoss sich in angrenzende Ortschaften und kontaminierte den Fluss Rio Doce auf rund 650 Kilometern Länge. Bis in den Atlantik floss die braunrote Brühe.

In der Stadt Brumadinho wächst der Zorn auf den Konzern und die Aufsichtsbehörden. Die Verantwortlichen hätten nichts aus dem Unglück von 2015 gelernt, so der Vorwurf. Die Empörung könnte Pläne des neuen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro erschweren, die Auflagen für die Bergbaubranche zu lockern.

sth/dpa



insgesamt 6 Beiträge
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ziehenimbein 28.01.2019
1. Ich zweifle am Wunsch nach Aufklärung!
Ich glaube nicht so recht, dass es allen, sich jetzt empörenden Politikern, wirklich darum geht Verantwortliche vor den Kadi zu bringen. Viele von ihnen wussten sicherlich um die Umstände und Gefahren. Ich fürchte es geht eher darum, den Preis in die Höhe zu treiben, zu dem man bereit ist, das Ganze im Sande verlaufen zu lassen. Es mag ja auch rechtschaffene Politiker in Brasilien geben, doch dürfte deren Einfluss nicht ausreichen um eine Gelddruckmaschine zu Fall zu bringen.
lilioceris 28.01.2019
2. Ich habe mich etwas gewundert,
warum die Israelis einen Rettungstrupp geschickt haben. Wegen Herrn Fábio Schvartsman (CEO) ? Frage: Inwieweit ist der israelische Staat an diesem Konzern beteiligt ?
kleinsteminderheit 29.01.2019
3. Die hässliche Seite der Globalisierung
Was in Brasilien passiert ist die hässliche Seite der Globalisierung. Wir verlagern alles, was schmutzig ist, was nicht gut aussieht oder Menschen und Natur zerstört, ins außereuropäische Ausland und wundern uns dann, dass dort nicht alles nach EU Standard läuft. Das Eisenerz könnte man auch aus Schweden beziehen, dort ist es aber teurer. Öl aus Nigeria, Kobalt aus dem Kongo, Stahl aus Indien, T-Shirts aus Bangladesh. Wenn wir uns klar machen, unter welchen Bedingungen die von uns konsumierten Energieträger, Rohstoffe und Produkte in der dritten Welt hergestellt werden, erkennen wir schnell, welchen hohen moralischen und ökologischen Preis wir für den unschlagbar günstigen Einkauf bezahlen.
schwarzeliste 29.01.2019
4. Vale
Vale ist ein ehemaliger staatlicher brasilianischer, mittlerweile privatisierter Bergbaukonzern, der dort auch dann Eisenerz fördern würde, z.B. für den Eigenbedarf, wenn Deutschland kein einziges Gramm brasilianisches Eisen importieren würde.
ptb29 29.01.2019
5. Es wird sich nichts ändern
Bemerkenswert der Satz: "welch unfassbares Leid der Abbau von Rohstoffen verursachen kann". Da fallen mir Lithium und seltene Erden ein.
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