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Brief an Bischöfe: Papst räumt Pannen im Piusbruder-Streit ein

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Das gab es lange nicht in der katholischen Kirche: Der Papst zeigt sich in einem Brief an seine Bischöfe reumütig - und räumt Fehler im Umgang mit dem Holocaust-Leugner Williamson ein. Jetzt will Benedikt XVI. seine Kardinäle mehr mitentscheiden lassen.

Bislang galt auch jenseits der Unfehlbarkeit in Lehrfragen ein unerschütterlicher Grundsatz im Vatikan: Päpste machen keine Fehler. Dies hat Benedikt XVI. nun mit seinem Schreiben an die "lieben Mitbrüder im kirchlichen Dienst", datiert vom 10. März, deutlich durchbrochen.

Da ist von "Pannen" die Rede, "die ich ehrlich bedaure". Und von Konsequenzen. Die für den Fall Richard Williamson und die Piusbrüder zuständige Vatikan-Abteilung "Ecclesia Dei" wird aufgelöst und muss zwangsfusionieren mit der Glaubenskongregation, einer Kontrollbehörde, der Joseph Ratzinger einst jahrelang vorstand und der Benedikt nun mehr Kompetenz zutraut.

Kardinal Darío Castrillón Hoyos, der das Desaster mit den Piusbrüdern Mitte Januar ausgelöst hatte, ist damit entmachtet und kann mit beinahe 80 Jahren endlich in den verdienten Ruhestand gehen. "Da hat es ordentlich gerumpelt", kommentierte am Mittwochnachmittag ein Prälat, der die Vorgänge beobachtet hat.

So viel Selbstkritik eines Papstes ist selten - und ein recht gewundener Satz in seinem Brief enthält für die katholische Kirche gar eine Sensation, die beim einmaligen Lesen eher unterzugehen droht. Da heißt es: "Die kollegialen Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung mittwochs und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen." Etwas verquast, aber für den Vatikan mit seiner versteinerten Hierarchie enthält dieser Satz beträchtliche Sprengkraft.

Was ist gemeint? Es geht um ein Entscheidertreffen im Vatikan, jenseits der etablierten Gremien. Der Papst will offenbar die Kardinalsversammlung am Mittwoch erneuern und ihre Rolle aufwerten in Richtung eines politisches Kabinetts, was es in der Form bisher nicht gab.

Dass der Papst die Piusbrüder lieber in der Kirche hat, begründet er nun noch einmal ausführlich mit schlichten Zahlen: "Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen", aber ihre Bedeutung sei doch gegeben, schreibt der Heilige Vater, der damit die Fragen der deutschen Bischöfe und Katholiken allerdings noch weitgehend unbeantwortet lässt. Aber, so betont er: "Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten?"

Der Papst geht aber auch ins Gericht mit seinen Kritikern: "Betrübt hat mich," schreibt er an die Bischöfe seiner Kirche, "dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten." Selbst innerhalb der Kirche war die Auseinandersetzung über die Piusbrüder "von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben".

Aufruf zur verstärkten Internet-Recherche

Noch eine für einen Papst ungewöhnliche Botschaft enthält das Schreiben des 82-jährigen. In Zukunft will der Heilige Vater nicht nur immer Gedrucktes lesen, wenn es um brisante Themen geht. Wörtlich schreibt Benedikt XVI.: "Ich höre, dass aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen." Im Klartext - der Papst fordert von seinem Klerus: Lest und recherchiert in Zukunft verstärkt online!

Schluss also mit dem Kommunikationspannen, dem Aneinander-vorbei im Vatikan? Zumindest eine neue Ausrichtung in Richtung Kollegialität in Rom, gepaart mit einem selbstkritischen Papst, was zusammengenommen schon zu einem neuen Klima im Vatikan und im Verhältnis zu den Bischöfen in den Ländern führen könnte.

Ob allerdings der Kurs der Kirche mit diesem Schreiben in einen neuen Frühling oder zurück in den alten Trott führt, wird erst die Zeit zeigen.

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