Von Carsten Volkery, London
Bleischwer hing der Himmel über der Themse, ein kräftiger Wind wehte über das Wasser, und am späten Nachmittag begann es zu schütten. Das Wetter wollte nicht so recht mitspielen, als Queen Elizabeth II. am Sonntag inmitten von tausend Booten die Themse hinunterfuhr. Bibbernd stand die Monarchin auf ihrer prächtig geschmückten Barkasse "Spirit of Chartwell". Ein goldener Baldachin schützte sie vor dem Regen, doch der Wind setzte der 86-Jährigen zu. So kalt war es, dass sie entgegen dem Protokoll nicht einmal auf dem roten Thronsessel Platz nehmen wollte. Nach einer Dreiviertelstunde verschwand sie unter Deck und kehrte kurz darauf mit einem Poncho zurück. Doch hielt sie durch: Über drei Stunden lang stand sie auf dem Boot, winkte den Zuschauermassen am Ufer zu und nahm am Ende geduldig die Parade der vorbeiziehenden Schiffe ab.
Auch die anderen Teilnehmer der Parade wollten sich die Laune nicht vermiesen lassen - schließlich schauten weltweit Millionen am Fernseher zu. Trotzig reckten sie ihre Union Jacks dem Regen entgegen und hupten mit ihren Schiffshörnern. Die Feuerwehrboote schossen ihre Wasserfontänen unbeirrt in das Nass, das von oben kam. Der Kammerchor des Royal College of Music schmetterte mit klitschnassen Haaren die Hymne "Land of Hope and Glory". Fast schien es, als genössen die Teilnehmer die widrigen Umstände, denn so wurde aus dieser Parade erst ein richtig britisches Ereignis. "Wen stört der Regen?", tönte Londons Bürgermeister Boris Johnson stellvertretend für viele. "Es ist phantastisch".
Selbst die 20 Künstler auf der Millennium Bridge, die das Ereignis festhalten wollten wie einst Canaletto, malten unter Regenschirmen weiter. "Das ideale Wetter für Wasserfarben", witzelte ein BBC-Moderator.
"Es war ein großartiger Tag", sagte Sally Hardy, Managerin der gemeinnützigen Regional Studies Association, die in einem Kajak ganz vorne mitpaddelte. "Die Stimmung war hervorragend. Von allen Gebäuden wehte der Union Jack, die ganze Zeit hörte man Kirchenglocken und Schiffshupen." Die Kanuten hatten bereits morgens um halb neun die gesamte Strecke flussaufwärts zum Startpunkt paddeln müssen. Dann ging es am Nachmittag bei Gegenwind wieder den Fluss hinunter. "Es war hart", sagt Hardy. "Aber es lief alles glatt." Nur zwei der 50 Kajaks hätten sich am Ende von Motorbooten ziehen lassen müssen.
Wegen des schlechten Wetters wurde der Hubschrauber-Formationsflug zum Abschluss der Parade abgesagt. Abgesehen davon kam es zu keinen unvorhergesehenen Zwischenfällen. Es kamen weniger Zuschauer als erwartet, aber es waren immer noch Hunderttausende, die die Ufer, Brücken und Balkone der Hochhäuser am Fluss säumten.
Die gesamte Strecke über elf Kilometer war ein Meer in Rot-Weiß-Blau. Nur am Südufer vor der Tower Bridge reckten einige hundert Monarchiegegner Protestbanner in die Höhe: "Make Monarchy History", stand darauf. Doch die große Mehrheit feierte die Königin. Sie brüllten "Hip, hip, hooray" und sangen die Nationalhymne "God save the Queen", die von Tausenden Lautsprechern über den Fluss geblasen wurde.
Während die Queen dem Regen trotzte - und auch Tausende weitere Straßenfeste im ganzen Land abgehalten wurden -, verlegte die Downing Street Nummer 10 ihr Straßenfest nach drinnen. Premierminister David Cameron wollte nicht nass werden.
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