Britische Gesetze Reiten Sie niemals betrunken auf einer Kuh!

Von Amerika ist man seltsame Vorschriften gewohnt. Doch auch in Großbritannien gibt es noch eine ganze Reihe von Gesetzen, denen es nicht an Skurrilität mangelt. Alkohol am Zügel ist dort ebenso verpönt wie, mit der Rüstung zu klappern.


London - Der britische Autor Nigel Cawthorne hat solche Beispiele zusammengetragen. "Die britische Gesetzgebung steckt voll solcher skurriler Vorschriften. Die meisten stammen noch aus dem Mittelalter und wurden nie aufgehoben." Ein Beispiel: Wenn ein Abgeordneter im Parlament das Zeitliche segnen sollte, müsse sein Leichnam, bevor die Sterbeurkunde ausgefüllt wird, aus dem Gebäude geschafft werden. Denn einem uralten Gesetz zufolge stehe jeder Person, die im Westminster-Palast stirbt, ein Staatsbegräbnis zu. Und das wird teuer.

Britisches Parlament: Erst 2000 wurden altertümliche Gesetze gestrichen
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Britisches Parlament: Erst 2000 wurden altertümliche Gesetze gestrichen


"Soweit ich weiß, ist dort bisher noch niemand gestorben, aber, wenn doch, wurde vielleicht der Fall auch gar nicht erfasst. Schließlich gibt es im Parlament theoretisch diesen Fall gar nicht."

Cawthorne ist Großbritanniens Experte, wenn es um die merkwürdigsten Gesetze des Landes geht. Im November vergangenen Jahres veröffentlichte er sein 266 Seiten starkes Werk "The Strange Laws of Old England", in dem er auf süffisante Weise die Possen der britischen Gesetzgebung beschreibt.

Dabei wäre sein Bestseller beinahe nie erschienen. "Ein befreundeter Verleger hatte die Idee dazu. In Anlehnung an die kuriosen amerikanischen Gesetze", erzählt Cawthorne. "Aber Großbritannien ist ein kleines Land im Vergleich zu den USA. Ich dachte, ich würde es nie schaffen, damit ein ganzes Buch zu füllen und lehnte ab." Erst als der Verleger ihn immer weiter bedrängte, sagte er schließlich zu. Der 54-Jährige wurde schnell zum Stammgast in der britischen Nationalbibliothek in London. Zwei Monate arbeitete er an seinem Wälzer. 

Und seine Arbeit hat sich gelohnt. Er stieß nicht nur auf das "offizielle Sterbeverbot" in Westminster, sondern auf viele andere Gesetze aus dem britischen Mittelalter. So ist es in dem Inselstaat verboten, betrunken zu reiten. Sowohl auf Pferden, als auch auf Kühen. Diese Vorschrift gibt es seit 1872 in unveränderter Form. Und es besteht wenig Chance darauf, dass sie abgeschafft wird. Bis heute wurden nur wenige Vorschriften, die in vergangenen Epochen von echter Bedeutung gewesen sein mögen, nach Einzug der Moderne gestrichen. Die älteste Gerichtsentscheidung stammt von 1279. Es besagt, dass Parlamentsmitglieder die Houses of Parliament nicht in Rüstungen betreten dürfen, weil dort bis 1529 der englische König nebst Gemahlin residierten und sie nicht durch das Klappern der Rüstungen gestört werden wollen. Doch war es schon damals allen Abgeordneten gestattet, sich im Parlament frei zu bewegen.

"Manche Dinge ändern sich, aber nur langsam"

Überhaupt gelten für das Parlament auch heute noch eine Vielzahl verstaubter Rechtsvorschriften. Eine Regel von 1539 besagt, dass kein Mitglied des Unterhauses es wagen sollte, sich auf den Samtüberwurf des Thrones zu setzen oder ihn gar zu berühren. "Das Sinnlose daran ist, dass der Thron heute gar keinen Samtüberwurf mehr hat, sondern einen Baldachin aus Holz", erklärt Cawthorne. "Denn das Parlament brannte 1834 komplett ab und auch der Samtüberwurf fiel den Flammen zum Opfer."

In den vergangenen 40 Jahren wurden bereits 2000 Gesetze gestrichen, aber es gibt immer noch 4000 nationale, 11.000 lokale und 13.000 private Rechtsprechungen, die gültig sind. "Es existiert zwar eine Anweisung, dass die Gesetzgebung all diese überflüssigen Verordnungen abschaffen soll, aber das ist eine Sisyphusarbeit. Manche Dinge ändern sich, aber nur sehr langsam", sagt Nigel Cawthorne.

Kevin Martin, Vorsitzender der britischen Rechtsgesellschaft, ärgert das schon lange. Er fordert, dass sich endlich etwas tut. "Diese Beispiele zeigen, dass es nötig ist, die Gesetze zu erneuern und sie der Aktualität anzupassen". Das Problem ist nur: Auch heute noch hat das britische Parlament den Hang dazu, sich in seiner Gesetzgebung mit recht abstrakten Gefahren zu befassen. So verbietet der "Outer Space Act" von 1986 jedem Bürger, Gegenstände ohne offizielle Genehmigung in den Weltraum zu schießen, sollte eine außerirdische Macht den Commonwealth zu bedrohen.

Anika Schulz/Djallal Malti, AFP



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