Britische Hitler-Phobie Don't mention the ball!

Wenn es um Deutschland und Fußball geht, reagiert die britische Boulevardpresse schnell empfindlich. Besonders die "Sun" pflegt die Kultur des gediegenen German-Bashings. Jetzt will das Blatt entdeckt haben, dass auch Adolf Hitler bei der Fußball-WM mit von der Partie ist - in einem Fußball.

Von Dominik Baur


Hamburg - "Ein lustiges Fußballgesicht mit strahlenden Augen und einem verschmitzten Lächeln lugt unter der Polizeimütze hervor. Auf dem Zeigefinger balanciert er mit Leichtigkeit die Weltkugel." So beschreibt die Pressemitteilung der Polizei den kleinen Schelm in Uniform, der das eigene WM-Logo ziert. Dem gewöhnlichen Betrachter mag er in der Tat reichlich unverdächtig vorkommen - nicht aber den auf Nazis geschulten Adleraugen britischer Boulevardzeitungsmacher. Sie wissen genau, wer sich hinter dem lachenden Fußball verbirgt: der größte Verbrecher des 20. Jahrhunderts, Adolf Hitler.
So schrieb das Massenblatt "Sun" gestern, hochrangigen deutschen Polizisten sei die Schamesröte angesichts ihres eigenen WM-Logos ins Gesicht gestiegen, weil der Fußball-Cop wie Hitler aussehe und eine "Kappe im Militärstil" trage. Der schwarze Fleck, der die Nase darstelle, so befanden die phantasievollen "Sun"-Redakteure, wirke eindeutig wie ein Hitler-Bärtchen.

Der Artikel über das Logo erschien als Beiwerk zu einer wahrlich "exklusiven" Titelgeschichte über die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Darin warnt die Zeitung vor der Gefahr, die britischen Fußballfans droht, die während der WM in Manier von Basil Fawlty ins Stadion schreiten. Wer in Deutschland die Szene aus der britischen Siebziger-Jahre-Comedy-Serie "Fawlty Towers" imitiere, in der John Cleese alias Hotelbesitzer Basil Fawlty den Gleichschritt deutscher Wehrmachtssoldaten parodiert, riskiere einen zweiwöchigen Gefängnisaufenthalt. Für einen Hitlergruß gebe es immerhin noch einen Tag Knast.

Über die skurrile Auslegung des WM-Logos, die für die meisten Betrachter eher amüsant ist, kann einer ganz und gar nicht lachen: Jürgen Tomicek. Der Polizist und Karikaturist ist der Schöpfer des kleinen Fußballpolizisten. Der 48-Jährige arbeitet im Institut für Aus- und Fortbildung der Polizei von Nordrhein-Westfalen in Münster im Fachbereich Medien und Werbung. Eine WM-Projektgruppe der Polizei hatte den hauseigenen Karikaturisten mit dem Entwurf des Logos beauftragt. Der Wunsch: Die Zeichnung sollte ein freundliches und bundesweit einheitliches Erscheinungsbild der deutschen Polizei mit ihren Hilfs- und Serviceangeboten prägen.

"Ich kann mir das nicht erklären"

Tomicek fiel aus allen Wolken, als er gestern erfuhr, welche Assoziationen sein Werk angeblich weckt. "Das ist weiß Gott bizarr", klagt der zeichnende Gesetzeshüter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich bin tief betroffen. Schließlich war das als freundliches Willkommenslogo gedacht, mit dem wir für ein friedliches Event werben wollten."

In seiner Arbeit kümmert sich Tomicek besonders um soziale Belange. Einen Uno-Zeichenwettbewerb zum Thema Aids hat er bereits gewonnen, von Generalsekretär Kofi Annan persönlich sei er dafür ausgezeichnet worden, erzählt er. In seinen Karikaturen setzt er sich besonders häufig mit den Problemen Rechtsextremismus und Fremdenhass auseinander. Als Karikaturist wurde er in den vergangenen Tagen mehrfach von Zeitungen um Interviews zum schwelenden Streit um die Mohammed-Cartoons gebeten. Dass ausgerechnet er nun einen kleinen Hitler in die WM geschmuggelt haben soll, will ihm einfach nicht in den Kopf. "Ich kann mir nicht erklären, wie das so gedeutet werden kann." Konfrontiert mit dem "Sun"-Vorwurf habe er sofort all seine Freunde befragt - niemand habe etwas Böses in seiner Zeichnung erkennen können.

Aber dass die "Sun" oftmals mehr Phantasie als andere aufbringt, ist nicht neu - insbesondere, wenn es um die Deutschen geht. Erst im Dezember hatte das Blatt mit der Schlagzeile "Britskrieg" aufgemacht und dazu Minipanzer gezeigt, die angeblich bei der WM eingesetzt werden sollen, um britische Fußballfans einzuschüchtern.

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