Britischer Gefängnisblogger Giftige Botschaften aus dem Knast

Seit 30 Jahren sitzt John "Ben" Gunn in Haft, weil er mit 14 einen Freund erschlug. Inzwischen ist er Großbritanniens einziger Knastblogger und hat sich mit seiner Kritik an der Gefängnis-Willkür viele Feinde im Strafvollzug gemacht. Jetzt hofft der unbequeme Gefangene auf ein Happy End.

Von , London


Diese Wohnadresse gibt es auf Facebook nur einmal. "HMP Shepton Mallet" hat John Gunn als Aufenthaltsort auf seiner Netzwerkseite angegeben. HMP steht für "Her Majesty's Prison".

Das "Gefängnis Ihrer Majestät" liegt in der Nähe der englischen Hafenstadt Bristol. Das alte Gemäuer aus viktorianischer Zeit beherbergt Häftlinge der Kategorie C: zu lebenslänglich verurteilt, aber nicht gefährlich.

John Gunn sitzt hier, weil er einen Freund erschlagen hat. Vor mehr als 30 Jahren, auf dem Schulweg. Er war damals 14 und damit einer der jüngsten Mörder Großbritanniens.

Aus dem jähzornigen Jugendlichen ist ein politischer Aktivist geworden, der kaum einem Konflikt aus dem Weg geht. Gunn ist der einzige Häftling des Landes mit eigenem Blog und Facebook-Profil. Im Internet ist er als "Prisoner Ben" bekannt. Den Spitznamen "Ben Gunn" trägt er, seit er sich einmal einen langen Bart wachsen ließ. Seine Mithäftlinge fühlten sich an den ausgesetzten Piraten aus dem Roman "Die Schatzinsel" erinnert.

Der gebürtige Waliser schreibt über den britischen Gefängnisalltag - kenntnisreich, amüsant und nicht selten mit einer gehörigen Portion Wut über die Willkür, die ein Gefangener über sich ergehen lassen muss. Er hat keinen Internetzugang, denn das ist verboten. Deshalb schickt er seine Einträge altmodisch per Brief an eine Freundin, die sie dann online stellt.

"Der Dummheit und Ignoranz in die Augen sehen", steht als Motto über dem Blog. Sein gesamtes Erwachsenenleben hat Gunn im Gefängnis zugebracht, daher hat er viel zu erzählen. Tabu ist kaum etwas, nicht einmal Sex hinter Gittern. Er selbst sei jahrelang "Pornographer in Chief" gewesen, verrät er. Sogar die Wärter hätten sich in seiner Zelle mit Heften eingedeckt.

Häufig beschreibt er Alltagsprobleme wie etwa den nächtlichen Toilettengang. Ein elektronisches System sorge dafür, dass immer nur eine Zellentür geöffnet sein könnte, daher könne es Stunden dauern, bis man endlich dran sei, schrieb Gunn vergangene Woche. Manche Häftlinge pinkelten in ihrer Verzweiflung in eine leere Plastikflasche und leerten diese am nächsten Tag aus. Diese gängige Praxis sei nun jedoch aus "Gesundheits- und Sicherheitsgründen" verboten worden.

"Mein Problem ist meine große Klappe"

Gunns Insider-Berichte über das Leben hinter den Mauern haben ihn aus Sicht der Gefängnisaufseher zu einem ausgesprochen lästigen Insassen gemacht. Und das Justizsystem lasse es ihn spüren, meint Gunn. So jedenfalls erklärt er sich, dass er nach 30 Jahren immer noch sitzt, obwohl seine Mindesthaftzeit von zehn Jahren längst vorbei ist.

"Mein Problem", schreibt er, "ist meine große Klappe." Weil er Willkür hasst und Anweisungen auch mal missachtet, ist er im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mit den Aufsehern aneinandergeraten. Die Behörden senkten daher bei den Bewährungsanhörungen regelmäßig den Daumen. Gunn bestreitet nicht, dass er ein schwieriger Gefangener sei, doch verweist er darauf, dass alle Überprüfungen stets zu dem Schluss kamen, er sei nicht gewalttätig und stelle keine Gefahr für die Bevölkerung dar.

In den Augen seiner Anhänger ist die Geschichte von Prisoner Ben ein Justizskandal. Selbst der konservative Bildungsminister Michael Gove setzt sich für dessen Freilassung ein. In einem Brief an seinen Kabinettskollegen, Justizminister Ken Clarke, schrieb Gove, er hoffe, dass sein Brief "zur Entlassung dieses Gentlemans" führe.

Doch noch ist es nicht so weit. Bei der jüngsten Anhörung vor einigen Wochen entschied der Bewährungsausschuss, Gunn vorerst in den offenen Strafvollzug zu verlegen. Das ist immerhin die Vorstufe zur Freiheit: Bei guter Führung soll im Mai 2012 über seine mögliche Entlassung entschieden werden. Zum jetzigen Zeitpunkt sei dies hingegen keine Option, argumentierte der Ausschuss. Nach so vielen Jahren in Haft müsse die Wiedereingliederung in die Gesellschaft "langsam und behutsam" erfolgen.

Gunn kommentierte die Begründung gewohnt sarkastisch: "Ich muss also noch länger im Gefängnis bleiben, um den Schaden zu reparieren, den meine lange Haftzeit angeblich angerichtet hat."

"Verwahrung, solange es Ihrer Majestät gefällt"

Das einzige Foto, was von ihm in der Öffentlichkeit kursiert, zeigt ihn als Drittklässler mit Pilzkopf-Frisur. Im Gefängnis ist Fotografieren verboten. Inzwischen ist Gunn 45 Jahre alt, die Haare fallen aus, er trägt eine Brille mit runden Gläsern. Der letzte Journalist, der zu ihm gelassen wurde, ein Reporter des "Guardian", fühlte sich an Mahatma Gandhi erinnert.

Seine Tat hat Gunn längst bereut. Als sein Freund damals in der Blutlache lag, rief er vom Tatort aus sofort die Polizei und erzählte alles. Vor Gericht bekannte er sich auf Anraten seines Anwalts des Mordes schuldig, obwohl es eine Affekthandlung war. Juristische Spitzfindigkeiten interessieren Gunn bis heute nicht. "Ich habe ihn getötet", sagt er.

Der Richter sprach das Standardurteil für zehn- bis 18-jährige Mörder - "Verwahrung, solange es Ihrer Majestät gefällt" - und setzte die Mindesthaftzeit auf zehn Jahre fest. Nach Verbüßen der Mindeststrafe gilt die Tat des Gefangenen als gesühnt. Danach hängt seine Entlassung allein davon ab, ob der Bewährungsausschuss ihn für ungefährlich hält.

Gunn sagt von sich selbst, er sei "ziemlich normal", sein Lebenslauf frei von Gewalt. Dies haben ihm auch Psychologen immer wieder bescheinigt. Doch wurde ihm sein Hang zur Aufsässigkeit ein ums andere Mal zum Verhängnis. Er verstieß gegen Regeln, mal hatte er eine Affäre mit einer Gefängnismitarbeiterin, mal wurde ein Handy-Aufladegerät bei ihm in der Zelle gefunden.

2005 war er auch schon einmal im offenen Vollzug, doch nach einem knappen Jahr ging es zurück nach Shepton Mallett. Er hatte sich geweigert, die ihm zugewiesene gemeinnützige Arbeit zu erledigen, weil er sie für Schikane hielt: Er wollte endlich seine Doktorarbeit in Kriminologie beginnen. Einen B.A. und einen Master in Konfliktforschung hatte er im Gefängnis bereits abgeschlossen.

Zum Gefängnisreformer berufen

Sein Blog ist für den Unangepassten ein Ventil. Hier gibt er unverblümt seine Meinung über das Leben in der Anstalt wieder. Für den Geschmack der Gefängnisverwaltung ging diese Enthüllung von Interna zu weit. Vergangenes Jahr stoppte sie zeitweise die ausgehenden Briefe mit den brisanten Knastnachrichten - bis der "Guardian" einen herausgeschmuggelten Gastbeitrag von Gunn abdruckte.

"Dieser Gefängnisblogger lässt sich nicht zum Schweigen bringen", stand dick über dem Zeitungsartikel. Er wolle bloggen, weil die öffentliche Debatte über Gefängnisse "steril" und voller Stereotypen geführt werde, schrieb Gunn. "Mein Blog ist (…) ein intellektueller Schlag ins Gesicht, ein Versuch, die Leute aus ihren bequemen Vorurteilen zu rütteln und sie zum Nachdenken einzuladen." Unterschrieben war der Appell mit "Ben Gunn (Prisoner Ben)".

Seither läuft der Blog wieder unzensiert.

Gunn, der außer dem Gefängnis nicht viel gesehen hat, sieht sich zum Gefängnisreformer berufen. "Wer wäre besser als ein geläuterter Mörder, um hervorzutreten und eine Debatte anzustoßen?", fragt er. Er ist bereits Generalsekretär der nationalen Häftlingsvereinigung und fordert die Gründung von Gewerkschaften, die die Rechte der Gefangenen vertreten.

Seinen zweiten Anlauf im offenen Strafvollzug will er nicht wieder vermasseln. Er wolle sich diesmal "flexibler" zeigen, vertraute er der "Times" per Schriftwechsel an. Doch er weiß, dass es schnell wieder schiefgehen kann. Er kennt sich selbst - und er kennt das System. Er sei in "extremer Gefahr", schrieb er in seinem Blog Mitte Dezember. "Ich könnte durch die Tore spazieren und von irgendeinem Psychologie-Trainee empfangen werden, der sagen könnte, dass ich ohne tiefere Einsicht in mein Verbrechen ein zu großes Risiko darstelle."

Diese Unsicherheit sei das Schicksal aller Lebenslänglichen, so Gunn. Sie lebten "im Wissen, dass - egal was wir tun - wir immer durch eine einzige Person verwundbar bleiben, die einen schlechten Bericht schreibt oder eine andere Position einnimmt".

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
wilde Socke 22.12.2010
1. Strafe
Puh, so ein Gefängnisaufenthalt scheint ja eine echte Strafe zu sein! Vielleicht ist das sogar genau so gedacht? Interessant, wieviel Mitleid es mit dem Kriminellen es gibt. Der Ermordete kann jetzt nicht mehr bloggen. Über den schreibt keiner. Schön, dass der Verbrecher weiter drin bleibt.
Rübezahl 22.12.2010
2. Unrecht !
Das man einen Menschen ,der zur Strafzeit noch ein Kind war, solange imn Knast läst ist UNRECHT , begangen von der britischen Justiz.
cc_zero 22.12.2010
3. .
Bleibt nur die Frage, ob es ihm das wert war, dafür 20 weitere Jahre im Gefängnis zu sitzen.
chagall1985 22.12.2010
4. Empfehle da mal folgenden Film
Scheint passend zu sein auch wenn die im Film dargestellte Figur in Wahrheit nicht ganz der Verkörperung durch Lancaster entsprach. Aber es zeigt gerade am Ende deutlich die Schwächen des Strafvollzugs. Der Gefangene von Alcatraz mit Burt Lancaster. Zitat aus dem Ende des Film: Sie wollen das die Gefangenen wie Automaten reagieren mit Ihrer (Gefängnisdirektor) Vorstellung von Moral Ihren Werten. Damit rauben Sie den Gefangenen Ihre Individualität. Nach dem Gefängnisaufenthalt sind sie dann Roboter die nur funktionieren anstatt zu leben und einem innerlichen Hass auf die Welt. Die Folge: Über die Hälfte kommt alsbald wieder in den Knast.
PeteLustig, 22.12.2010
5. .
Zitat von RübezahlDas man einen Menschen ,der zur Strafzeit noch ein Kind war, solange imn Knast läst ist UNRECHT , begangen von der britischen Justiz.
Stimmt - er hätte sein Opfer damals taktisch klug nach Deutschland einladen und hierzulande umbringen sollen - dann wäre er zu einer geringen Freiheitsstrafe (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,732432,00.html) oder gleich ausgesetzt zur Bewährung (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,735761,00.html) verurteilt worden.
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