Aus Accra berichtet Stephan Orth
Wie der Fahrer des Mannschaftsbusses auf die Idee kommt, ausgerechnet diese DVD einzulegen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Über den kleinen Röhrenbildschirm des 24-Sitzers flackert ein Hollywood-Kriegsfilm mit Denzel Washington.
Gerade wird ein Verwundeter in eine Hausruine getragen, sein Hemd ist hinten zerfetzt, im Rücken klafft eine blutende Wunde, aus dem Off sind Schüsse zu hören. "Der will jetzt nur noch sterben", erklärt Maxwell Fornah fachmännisch, sehr nüchtern sagt er das, ohne sichtbare Emotion. Mit dem Krieg kennt er sich aus. Mit den Wunden. Mit dem Tod.
Seit dem 6. Januar 1999, einem Mittwoch, hat Maxwell Fornah nur noch ein Bein. Das war der Tag, an dem Rebellen über Freetown herfielen. Sie zündeten das Haus seiner Familie im Norden der Hauptstadt Sierra Leones an. Er rannte hinaus, rannte zum letzten Mal in seinem jungen Leben, drei Wochen vorher war er 16 geworden. Eine Kugel traf sein linkes Bein, er fiel auf den staubigen Boden. Er heulte und schrie. Und sah, wie seine Mutter hinter ihm aus der Tür eilte, sie wollte ihm helfen.
Akrobatik mit Torfestival
Im Mannschaftsbus riecht es süßlich-herb nach Männerschweiß, der "Sierra Leone Amputee Football Club" kommt gerade zurück vom Spiel in Accra. 11:0 haben sie gegen Niger gewonnen, eine Demontage. Akrobatisch sah das aus, was die Spieler mit ihren silbern im Sonnenlicht glänzenden Krücken auf dem Rasen veranstalteten, sie hätten auch 20 Tore machen können. Nach dem Abpfiff umarmten sie die Gegner, spendeten Trost. Dann sangen sie mit rauen Stimmen Siegeslieder auf dem Grashügel, der neben dem Sportplatz einer Technikschule als Tribüne fungiert.
Aus den Fernsehlautsprechern krachen Schüsse, links und rechts an den Busfenstern ziehen die Wellblechdach-Baracken von Ghanas Hauptstadt vorbei. Nähereien. Motoröl- und Handy-Shops. Kneipen mit Kreidetafeln, die Übertragungen aus der englischen Fußballliga anpreisen, ein Cedi Eintritt für zwei Spiele, umgerechnet knapp ein Euro. Accra ist in diesem Jahr Ausrichter des Afrika-Cups der amputierten Fußballer, die 15 schwitzenden Spieler in den abendhimmelblauen Trikots aus Sierra Leone zählen zu den Titelfavoriten.
Maxwell, 28, Mittelfeld, rostrot gefärbtes krauses Haar, kahlrasierte Schläfen, ist der Kapitän der Mannschaft. Statt einer Binde hat er sich eine Sierra-Leone-Flagge um seinen linken Oberarm gewickelt. Eine weitere hängt über dem Kühler des Busses, bei Wind wirbelt sie manchmal hoch und verdeckt dem Fahrer grünweißblau die Sicht. Maxwells Spitzname ist Kallon, so heißt der bekannteste Fußballspieler seines Heimatlandes. Es gibt nicht viele bekannte Fußballspieler in dem Fünf-Millionen-Land an der Küste Westafrikas.
"Der will sich nicht ergeben"
Auf dem Bildschirm sitzt jetzt Denzel Washington an eine Wand gelehnt und hat ein Problem. Feinde haben die Hütte gestürmt, wollen ihn gefangen nehmen. "Siehst du, wie der die Waffe nach oben hält, nicht nach unten? Der will sich nicht ergeben, der wartet auf den richtigen Moment, um sich zu wehren", erklärt Maxwell. Nicht alle seine Mitspieler gehen so locker mit dem Unterhaltungsprogramm um. Einige wenden sich ab, starren aus dem Fenster, andere fixieren mit trübem Blick den Fernseher.
Jeder von ihnen hat ein Bein oder einen Arm im elfjährigen Bürgerkrieg verloren, der Sierra Leone von 1991 bis 2002 ins Chaos stürzte. Die Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) waren berüchtigt, mit Drogen aufgeputschte Kindersoldaten in die Schlacht zu schicken, die mit Macheten wehrlosen Zivilisten Arme oder Beine abhackten. Mehr als 50.000 wurden im Laufe der Jahre getötet.
Als Maxwells Mutter am 6. Januar 1999 aus dem Haus der Familie rannte, traf sie eine Kugel. Maxwell musste mit ansehen, wie sie starb, auch seine ältere Schwester überlebte den Tag nicht. "Das macht mich sehr traurig", hat er noch vor ein paar Stunden im Hotel mit krächzender Stimme erzählt. "Ich weine oft, manchmal kommt die Erinnerung ganz plötzlich."
Doch jetzt, im Bus, kann nichts seine Siegeslaune trüben. Er lässt auf seinem Handy einen Hiphop-Song von Tupac Shakur laufen, einen der Kopfhörer hat er wie ein Schmuckstück hinter sein Ohr geklemmt. Er dreht es auf laut, die Lautsprecher verzerren den Klang, seinen rechten Arm bewegt er im Rhythmus auf und ab. Tupac ist sein Lieblingssänger, "weil der sich von niemandem etwas sagen ließ und einfach sein Ding machte".
Ein Mitspieler winkt aus dem Fenster einer üppigen Frau zu. "Big ass!", jauchzt er, "habt ihr die gesehen?" Gereckte Hälse, Gelächter. Ein ganz normales Fußballteam auf dem Rückweg vom Spiel. Wie ein ganz normales Fußballteam sehen sie von draußen tatsächlich aus, weil man durch die Busfenster nur Köpfe und auffallend breite Schultern sieht. Nicht die Beine, nicht die Beinstümpfe, über die Socken gestülpt oder weiße Verbände gewickelt sind.
Messi im Mobiltelefon
In seinem Handy bewahrt Maxwell seine Träume auf. Er hat ein paar Videos gespeichert, ein Porno ist darunter und ein YouTube-Clip von Lionel Messi, wie er nach einem 50-Meter-Alleingang ein Jahrhunderttor schießt, danach noch zweimal in Zeitlupe.
Und ein Musikvideo des jamaikanischen Sängers Demarco, "I love my life". Darin wacht ein Schwerverletzter auf der Intensivstation auf, verlässt das Krankenhaus und merkt, dass plötzlich um ihn herum die Zeit rückwärts läuft. Er geht nach Hause, tritt durch die Eingangstür. Und sieht sich selber, sieht, wie die Überdosis Tabletten aus dem Mund zurück in seine Hand schwebt. Zoom auf eine Uhr, sie läuft jetzt wieder vorwärts, der Mann hat eine zweite Chance bekommen.
Maxwells zweite Chance ist der Fußball. Im Jahr 2001 war er Gründungsmitglied der Mannschaft, die er heute zärtlich "meine Jungs" nennt, flog zu Spielen nach England, Brasilien, Spanien, traf Weltstars wie Xavi oder Robin van Persie. "Die Leute zu Hause sagen: 'Hey Maxwell, du bist großartig, du reist um die ganze Welt'", erzählt er mit einem breiten Lächeln. "Obwohl ich amputiert bin, habe ich mehr erreicht als gesunde Menschen."
Bildung statt Betteln
An einer Schule in Freetown macht er eine IT-Ausbildung, lernt Excel und Powerpoint, in einem Jahr ist er fertig. Es gehört zum Programm der Mannschaft, dass Teambetreuer Weiterbildungen für die Spieler organisieren. Die meisten der vielen tausend Kriegsversehrten in Sierra Leone sind Bettler.
Wenn Maxwell zur Schule geht, trägt er eine Prothese, gespendet von einer Hilfsorganisation. Mit langer Hose wirkt er dann wie jemand, der ein wenig hinkt oder lässig schlendert. "Viele in dem Kurs wissen gar nicht, dass ich nur ein Bein habe." Doch jeden Samstag, wenn er das Team am Strand von Freetown zum Training trifft, legt er den Kunststoff-Unterschenkel ab und greift wieder zu Krücken. Das ist die Regel, Prothesen sind nicht erlaubt im Amputierten-Fußball.
Der Bus erreicht die Team-Unterkunft, das Hill Top Hotel. Holzgeruch, Wäscheleinen im engen Innenhof, in der Bar hängen Poster vom FC Chelsea und von Real Madrid. Bevor die Spieler aussteigen, nehmen sie sich im Sitzen an der Hand. Trainer Kamoh Sheriff, hauptberuflich Pastor, spricht ein Gebet, dankt Gott für den Sieg und für Sierra Leone.
Vorne am Bus weht der Wind noch einmal die Fahne hoch. "Das ist ein Zeichen, wir gewinnen das Turnier!", ruft Maxwell. Er lacht, viele Mitspieler stimmen ein, in einer Bar werden sie später mit Guinness und Whisky ihren Sieg feiern. "Du musst so viel lachen wie du kannst im Leben", sagt der Mannschaftskapitän.
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