Bundespräsident Köhler in Winnenden "Ganz Deutschland trauert"

Große Anteilnahme in Winnenden: Die Angehörigen und Tausende Gäste nehmen Abschied von den Opfern des Amoklaufs. Bundespräsident Horst Köhler sprach den Opfern sein Beileid aus - und forderte, gegen gewaltverherrlichende Filme und Computerspiele vorzugehen.


Winnenden - Tief bewegt hat sich Bundespräsident Horst Köhler bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs von Winnenden gezeigt. Die Stimme des Staatsoberhaupts zitterte, als er zu Beginn seiner Rede in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus die Namen der 15 Toten vorlas. Auch später stockte mehrfach seine Stimme.

"Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein", sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Rede in der Kirche. Es sei gut zu wissen, "dass unser Land in dieser Stunde der Trauer zusammensteht und dass Menschen überall auf der Welt Teil dieser Trauergemeinde sind".

Der Bundespräsident forderte Politik und Gesellschaft auf, gegen gewaltverherrlichende Computerspiele und Filme vorzugehen. In "ungezählten Filmen und Computerspielen" stünden extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen im Vordergrund. "Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet?", sagte Köhler. "Dieser Art von Marktentwicklung sollte Einhalt geboten werden", forderte der Bundespräsident.

Köhler dankte den Polizisten für ihr rasches Eingreifen während des Amoklaufs. "Wir haben großen Respekt vor der Tapferkeit der örtlichen Polizeibeamten, die hier in Winnenden mit hohem persönlichem Risiko noch Schlimmeres verhindert haben", sagte der Bundespräsident. Das rasche Eingreifen sei auch eine Konsequenz aus früheren Amoktaten gewesen.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) würdigte den Einsatz der Polizisten beim Amoklauf in Winnenden und Wendlingen. "Das schnelle Eintreffen und Eingreifen der Polizei zwang den Amokläufer zur Flucht", sagte er. "Es ist nicht auszudenken, wie viele Opfer wir sonst heute noch zu beklagen hätten."

Zahlreiche Gäste aus der Politik

An dem Gottesdienst und dem anschließenden Staatsakt in der Kirche nahmen neben mehreren hundert Angehörigen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie die gesamte baden-württembergische Landesregierung und zahlreiche weitere Spitzenpolitiker teil.

Vor der Trauerfeier, die von Tausenden Menschen auf Großbildleinwänden in der ganzen Stadt verfolgt wurde, hatten die Kirchenglocken in ganz Baden-Württemberg geläutet.

Der württembergische Evangelische Landesbischof Frank Otfried July rief die Gesellschaft dazu auf, Kinder vor "falschen Bildern und falschen Verhaltensweisen" zu schützen. "Wir haben in dieser Gesellschaft miteinander Verantwortung, welche Bilder öffentlich werden und prägen, welchen Bildern unsere Kinder und Jugendlichen begegnen und welchen Erfahrungen", sagte July in seiner Predigt.

"Kehrt um, wo falsche Bilder und falsche Verhaltensweisen unter uns sind", forderte der Bischof. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass Schüler mit ihren Lehrern und Eltern eines Tages wieder über Bilder des Lebens und der Hoffnung sprechen könnten. July rief zugleich dazu auf, auch den Amokläufer Tim Kretschmer nicht totzuschweigen: Abgeschieden von den Opfern werde auch dieses Bruchstück eines Lebens vor Gott gestellt.

"Trauer, Schreien und Klagen zulassen"

Der katholische Bischof Gebhard Fürst sagte, es sei jetzt noch nicht die Zeit, fertige Antworten zu geben oder gar Rezepte für künftiges Verhalten zu formulieren. "Jetzt ist die Zeit, Trauer, Schreien und Klagen zuzulassen und all dem Raum zu geben", sagte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jetzt sei aber auch Zeit, einander Zeichen der Verbundenheit und Nähe zu geben.

Direkt an die Trauernden gewandt sagte Fürst: "Besonders Sie, die Sie so leiden unter dem Schmerz des Verlustes, können hoffen: Ihre Kinder, Ihre Kolleginnen, Ihre Angehörigen sind jetzt schon in den offenen Armen Gottes aufgenommen, sie sind gehalten von seiner Liebe und sind bei ihm schon jetzt geborgen." Für viele sei es schwer, jetzt diesen Trost anzunehmen. Es handle sich aber nicht um eine billige Vertröstung: "Der Ernst der Gegenwart und die schrecklichen Taten werden nicht ausgeblendet und verdrängt."

In Winnenden versammelten sich Tausende Gäste, jedoch weniger als zunächst erwartet. Die Polizei sprach eine Stunde nach Auftakt des Gottesdienstes von rund 7500 Menschen, versammelt an elf Veranstaltungsorten in Winnenden und sieben in anderen direkt betroffenen Gemeinden, in denen Opfer zu beklagen waren. Die Stadt Winnenden hatte sich auf rund 30.000 Gäste eingerichtet. Ministerpräsident Oettinger hatte sogar von bis zu 100.000 erwarteten Trauernden gesprochen.

Nach Ansicht eines Geistlichen liegt der geringe Andrang auch in der enormen Pressepräsenz begründet. "Die Menschen fühlen sich ihrer Trauer beraubt", sagte der Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Böblingen, Hermann Grötzinger. Daher werde der Besuch von Bundespräsident Köhler und Bundeskanzlerin Merkel auch nicht nur positiv bewertet. Auf einer riesigen Trauerwand der Gemeinde hatten seit dem 11. März viele Schüler die Medien kritisiert.

Gedenken im Heimatort des Täters

Stille lag am Samstagmorgen über dem Heimatort des Amokläufers Tim Kretschmer, Leutenbach-Weiler zum Stein, wo sich rund 300 Menschen in der Gemeindehalle einfanden, um die zentrale Trauerfeier gemeinsam zu verfolgen. Begleitet wurden sie von der künftigen Pfarrerin des Ortes, Rosemarie Gimbel-Rueß.

Sie wünschte den Besuchern, dass die Trauerfeier ihnen Trost bringe. In dem Saal mit Videoleinwand standen Betreuer von Hilfsorganisationen bereit, um den Trauernden zur Seite zu stehen. Auf dem Friedhof von Weiler zum Stein liegen vier Opfer des Amoklaufs begraben.

Der 17 Jahre alte Amokläufer Tim Kretschmer hatte am 11. März an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und danach sich selbst getötet. Seine Leiche wurde zwei Tage nach dem Massaker freigegeben, aber bisher nach Polizeiangaben nicht beigesetzt. "Wann und wo dies geschieht, wird nicht bekanntgegeben", sagte eine Polizeisprecherin in Waiblingen. Die Opfer des Amokläufers wurden bereits zu Grabe getragen.

Vor dem Elternhaus von Tim Kretschmer in Leutenbach-Weiler zum Stein legten Unbekannte rund ein Dutzend Kerzen ab. Auf einem Zettel stand in einem Schreiben an Tim K.: "Egal was geschehen ist, Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben. Farewell and rest in peace. (Leb wohl und ruhe in Frieden)".

Die Hinterbliebenen der Opfer hatten in einem offenen Brief gefordert, Killerspiele zu verbieten und die Altersgrenze für den Besitz von Schusswaffen zu erhöhen. Das Schreiben, das die "Winnender Zeitung" am Samstag veröffentlichte, richtete sich an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU).

sto/AP/dpa/ddp/AFP



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