BVB-Fan vor dem Finale: Herr Rakowski und die schwarz-gelben Vögel

Von , Bochum

BVB-Fan und Vogelzüchter: Ein Ziegensittich namens Klopp Fotos
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Manfred Rakowski hat einen Großteil des Kaders von Borussia Dortmund bei sich zu Hause: Der Hobby-Vogelzüchter benennt seine Tiere nach BVB-Spielern. Für das Finale in London lässt er Klopp und Götze allein - er will den Club anfeuern, der seit Jahrzehnten sein Leben bestimmt.

Mario Götze kann froh sein: Auch nach dem Champions-League-Finale gegen die Bayern wird Manfred Rakowski ihn nicht umbenennen oder aussetzen. Trotz des Verrats, wie es ihm viele BVB-Fans vorwerfen, trotz des Wechsels nach München.

Rakowski, 59, züchtet in Bochum-Wattenscheid Ziervögel und benennt sie nach BVB-Größen. Götze beispielsweise ist ein hellgrüner Wellensittich und trägt seinen Ring am linken Bein. "Ein Durchschnittsvogel", sagt Rakowski.

Ein gelber Ziegensittich mit grünem Fleck heißt Jürgen Klopp, Geschäftsführer Aki Watzke ist ein bunter Prachtrosella, Lothar Emmerich ein weißer Nymphensittich. "Früher hieß der eine Vogel Mucki, der andere Pucki, der nächste Hansi. Wenn man so viele hat, gehen die Namen aus. Da habe ich die Spielernamen genommen", sagt Rakowski. Derzeit beläuft sich der Bestand auf 84 Tiere. Einige davon sind tatsächlich schwarz und gelb.

Am Samstagabend könnte Ziegensittich Klopp quasi der legitime Nachfolger einer hellbraunen Wachtel werden, benannt nach Ottmar Hitzfeld. Mit dem Trainer gewann der BVB zuletzt die Champions League. Nun geht es gegen den FC Bayern. Rakowski hat eine Karte, mit rund zehn Leuten aus seinem Bochumer Fanclub geht es mit Bus und Fähre nach London.

Rakowski, klein, gedrungen, grauer Vollbart und ebenso graue kurze Haare, sitzt am Freitag vor dem großen Spiel mit BVB-Schal, Mütze und einem schwarz-gelben T-Shirt in seiner Gartenhütte. Am Giebel ist ein Ortsschild angebracht, unten steht durchgestrichen "Wattenscheid", und oben: "Deutscher Meister 25 Kilometer". Gegenüber vom Tisch ist die Theke, links in der Ecke der Kühlschrank, Wände und Decke sind kaum noch zu sehen vor lauter Wimpeln und Schals.

Fanclub-Treffen immer um 19.09 Uhr

Die hat Rakowski von allen internationalen BVB-Auswärtsspielen mitgebracht, die er live gesehen hat. In seiner Garage hängt eine Liste, auf denen die Partien notiert sind. Das Finale in Wembley wird Nummer 139, der Weltpokalsieg am 2. Dezember 1997 gegen Belo Horizonte in Tokio war Nummer 63. Damals vergruben sie am Tag vor dem Spiel einen Pfennig im Stadion, als Glücksbringer.

In der Gartenhütte trifft sich der BVB-Fanclub Bochum, immer um 19.09 Uhr, weil Borussia Dortmund 1909 gegründet wurde. Irgendwann wurde die Laube für all die Wimpel und Schals zu klein, seither sind die Wände der Garage dran. In Rakowskis Treppenhaus findet sich schon jetzt vom Keller bis zum Dachboden kaum ein Quadratzentimeter, der nicht mit BVB-Erinnerungen gefüllt wäre. Eintrittskarten, Mannschaftsposter - und Fotos: Rakowski mit Jürgen Klopp, mit Stéphane Chapuisat, mit Meisterschale und Pokal.

Für Rakowski wäre ein Sieg im Finale von London mehr als nur eine persönliche Genugtuung als BVB-Fan. Es wäre auch ein Triumph des Ruhrgebiets über Bayern. Wer mit dem 59-Jährigen spricht, merkt schnell, dass er ein Kind des Ruhrpotts ist. Er sagt "dat" statt "das", "wat" statt "was", "Schämmpjens Lieg" statt "Champions League". Und er sagt: "Mein alter Volksschullehrer hat mich nach Borussia gebracht."

Anfang der sechziger Jahre kam der Lehrer zu Rakowskis Vater, um Fußball zu gucken. Der kleine Manfred stand hinter der Tür und lauschte. Irgendwann sagte der Lehrer: "Der Junge ist so begeistert, der kann doch mitgucken und morgen eine Stunde später in die Schule kommen." Es war 1963, Borussia Dortmund war erfolgreich - und hatte mit Rakowski einen Fan fürs Leben gefunden.

Ruhrgebiet, BVB und SPD sind weit entfernt von Bayern, FCB und CSU

Rakowskis Vater war Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Auch das sollte sich als prägend erweisen. Mit 18 Jahren trat Rakowski in die Partei ein, heute ist er Geschäftsführer im SPD-Unterbezirk Bochum. Seine Mutter ist seit mehr als 60 Jahren Parteimitglied. "Wenn ihr Pullover nicht ein bisschen rot ist, zieht sie den nicht an."

Manfred Rakowskis Leben spielt sich im Wesentlichen im Ruhrgebiet und zwischen BVB und SPD ab. Das ist ziemlich weit entfernt von Bayern, dem FCB und der CSU. Rakowski hofft auf einen 2:1-Sieg in London, ist aber eher pessimistisch. "Bayern ist der klare Favorit. Ich würde mich auch nicht ärgern, wenn die gewinnen. Bei einer BVB-Niederlage wäre die Arroganz der Bayern das einzige Problem."

Als Rakowski zum 50. Geburtstag vom Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland - sie kennen sich aus früheren Zeiten - ein Bayern-Trikot geschenkt bekam, "habe ich das nie an meine Haut gelassen". Genauso wenig würde er sich ein Trikot mit dem Namen eines Spielers kaufen. "Da kann kommen und gehen wer will, der Verein ist das Wichtigste."

Der BVB ist ein modern geführter Club, aber für Rakowski fühlt er sich an wie "ein altes Stück Ruhrgebiet". Eine Erinnerung an andere oder bessere Zeiten? Rakowski überlegt lange: "Bessere."

"Mein Enkel hat Gott sei Dank auch eine Dauerkarte"

Dauerkarten, Trikots, Andenken, Geld für Auswärtsfahrten - es ist teuer, den BVB so zu lieben wie Rakowski. In der Summe komme seine Treue so teuer "wie ein Kleinwagen". Und der BVB diktiert den Alltagsrhythmus. "Es ist schon heftig, wie der Verein das Leben bestimmt", sagt Rakowski. "Es gab Zeiten, da konnte mich nix halten, ganz egal, ob die Mutter im Krankenhaus lag oder ein Geburtstag war, Fußball ging immer vor." Das sei inzwischen anders. Jetzt ist die Familie mit dabei. Rakowskis Frau hat ebenso eine Dauerkarte wie sein Bruder Volker. "Mein Enkel hat Gott sei Dank auch eine, die Enkeltochter leider nicht, die steht auf der Warteliste."

Bei Heimspielen ist Rakowski immer im Stadion. Er nimmt dann stets denselben Eingang. Bei Niederlagen verlässt er die Tribüne über die Treppe links, bei Siegen über die Treppe rechts. Zu Bundesliga-Auswärtsspielen fährt er nur noch selten. Wenn er sich die Partien im Fernsehen anschaut, gibt es für jedes BVB-Tor einen Sambucca.

Im Wohnzimmer der Familie Rakowski sind mehrere Regalmeter mit Fotoalben belegt. Es ist das persönliche Archiv von Manfred Rakowski, die Chronik eines Fanlebens. Er schneidet fein säuberlich Zeitungsartikel aus, klebt Fotos dazu, Eintrittskarten und beschriftet alles. Das tut er seit den sechziger Jahren.

Das Album für die Champions-League-Saison 2012/2013 ist noch unvollständig. Manfred Rakowski weiß, wie sein Wunschmotiv aussähe - so wie im Album aus der Saison 1996/1997. Es zeigt ihn mit einem strahlenden Lächeln am 28. Mai 1997 im Münchner Olympiastadion. Dortmund hatte das Champions-League-Finale gegen Juventus Turin 3:1 gewonnen. Neben dem eingeklebten Foto steht im Album geschrieben: "Manfred weinte hemmungslos vor Freude."

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