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Callgirls zur Mitarbeitermotivation: "Firmensausen mit Anfassen"

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Eine Sex-Orgie bei der Betriebsfeier? Das ist keine Seltenheit, sagen zwei Berliner Prostituierte. Solche Partys laufen immer nach dem gleichen Schema: Erst machen die Herren auf schüchtern, dann werfen sie alle Hemmungen über Bord.

Eine Prostituierte posiert an einem FKK-Pool in Altenheim-Münster: "Time is money" Zur Großansicht
dapd

Eine Prostituierte posiert an einem FKK-Pool in Altenheim-Münster: "Time is money"

Monique kann die Aufregung nicht verstehen. Die Hamburg-Mannheimer hat ihre besten Versicherungsvertreter nach Budapest gekarrt und ihnen in der ehrwürdigen Gellert-Therme eine Orgie mit Prostituierten beschert. "Na und?", fragt Monique und drückt ihre Zigarette aus. "Wenn die Kohle zu Lasten der Versicherungskunden geht, ist das das Letzte. Aber kommen Sie mir bitte nicht mit Moral!"

Monique nennt solche Feiern "Firmensause mit Anfassen". Die 32-Jährige verdient ihr Geld als Prostituierte, ist "sehr lange im Geschäft" und war über einen Escort-Service mehrfach für solche Betriebsfeste engagiert, wie sie sagt.

Das Grundschema sei oft ähnlich: Erst zieren sich die Herren, manche tun überrascht, lachen verlegen, geben sich immun gegen die Anbandelversuche der Damen, zeigen entschuldigend auf ihre Eheringe. Doch nach ein paar Gläsern verschwindet der Ring in der Innentasche des Jacketts. Die Schüchternheit weicht der Enthemmung - und los geht's.

"Das anfängliche Getue könnte man sich sparen", sagt Monique geschäftstüchtig. Zeit ist Geld. "Später hängen sie einem immer am Rockzipfel, können gar nicht genug kriegen." Am Aufdringlichsten seien am Ende einer solchen Veranstaltung immer diejenigen, die am heftigsten auf den Ringfinger hingewiesen und sich geniert haben.

Monique ist nicht der einzige Künstlername, den die gebürtige Berlinerin verwendet. "Mal bin ich Isabel, mal Vivian - je nachdem ob ich auf elegant mache oder auf Pretty Woman", erklärt die 32-Jährige, eine aparte Erscheinung mit kräftigem, dunklem Haar und einem ansteckenden Lachen. Auf einem der oberen Zähne blinkt ein kleiner Brillant. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie der Natur an einigen Stellen nachgeholfen hat. Trotz modellierter Körbchengröße 80 C fällt sie in der Branche noch in die Kategorie "natürlich", worauf sie mächtig stolz ist.

Betriebsfeiern sind für die Callgirls lukrativ

Gerade im Escort-Business sind solche Kategorien wichtig. Prostitution ist eine Dienstleistung. Die Kunden haben klare Vorstellungen von der Frau, die diesen Dienst zu leisten hat, und stellen präzise Anforderungen: klein oder groß, zierlich oder üppig, blond oder braun - und natürlich oder künstlich. Hauptsache die Körbchengröße stimmt. "In neun von zehn Fällen wird die explizit erfragt", sagt Monique.

Nach Budapest hat es Monique noch nicht zu einer "Firmensause mit Anfassen" geschafft. Sie wurde nach Potsdam, in die Mecklenburgische Einöde und an die Ostsee chauffiert. In Hotels oder Ferienhäuser. Bisher begegnete sie immer "halbwegs gepflegten Männern", abgelehnt hat sie noch keinen. "Diese Jobs sind lukrativ, weil sie für die Organisatoren aufwendig sind, für uns Frauen aber eine Abwechslung mit wenig körperlichem Einsatz - also auf die Zeit gerechnet." Und Zeit ist Geld.

Die Ergo-Versicherungsgruppe, zu der die Hamburg-Mannheimer inzwischen gehört, hat bestätigt, dass auf der zweitägigen so genannten Incentive-Reise nach Budapest mindestens 20 Callgirls mitgefeiert haben. Laut Ergo hat der Betriebsausflug 300.000 Euro gekostet, die Teilnehmer versteuerten exakt 3046 Euro als geldwerten Vorteil. Das Unternehmen bemüht sich derzeit um Aufklärung.

In der Gellert-Therme aus dem 17. Jahrhundert, dem antiken und ältesten Bad der Stadt, gab es Champagner sowie andere Köstlichkeiten und extra angelieferte Himmelbetten, die einen Hauch Privatsphäre bieten sollten. Teilnehmer berichten, die Party sei bestens organisiert gewesen: Hostessen unterschieden sich von den Prostituierten durch die Farbe der Plastikbändchen, die sie am Handgelenk trugen.

Doch auch die Callgirls waren noch einmal unterteilt: Die für den normalen, fleißigen Handelsvertreter trugen rote Bänder, die für die Vorgesetzten weiße.

Eine Abwicklung, die selbst der abgebrühten Monique eine barsche Gefühlsregung entlockt: "Dieses Erste-Klasse- und Holz-Klasse-Fahren, ekelhaft! Das macht nur neidisch - und das kann man bei so einem Event nicht gebrauchen. Da kümmerste dich um einen Kunden, der die ganze Zeit zu einer anderen Frau glotzt. Wer will das schon?"

"Alle größeren Firmen haben eine Extra-Kasse"

Felicitas Schirow hat mehr Verständnis. Die 53-Jährige betreibt seit 1997 das "Café Pssst" in Berlin, das erste Bordell mit Konzession in Deutschland. "Diese Bändchen-Lösung ist total sexistisch", sagt sie. Als Unternehmerin könne sie sich jedoch vorstellen, dass es nicht darum ging, Frauen zu diffamieren, sondern vielmehr darum, führenden Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, sie seien etwas Besonderes. Der Nebeneffekt: "Das spornt die anderen an, das nächste Mal auch weiße Bändchen zu bekommen."

Eine Vorgehensweise, die Schirow für gewagt hält. "Aus knapp 40 Jahren Erfahrung weiß ich: Man darf sich nie anmaßen, zu beurteilen, auf welchen Typ Frau ein Mann abfährt." Nur zu gut erinnert sie sich an folgende Situation: "Ich wollte mich von einer Mitarbeiterin trennen, weil ich sie abgrundtief hässlich fand und sie so gar nicht in meinen Betrieb passte. Da betrat ein Kunde mein Geschäft. Ich dachte: 'Wow, der ist schick, der gehört mir!' Doch dieser Mann marschierte zielsicher auf jene Mitarbeiterin zu und ging mit der auf's Zimmer. Der wollte nur die, keine andere. Da war ich fast beleidigt!"

Das Phänomen der Betriebsfeier mit horizontaler Einlage ist auch für die erfahrene Geschäftsfrau nichts Neues. "Viele größeren Firmen haben eine Extra-Kasse, aus der solche Feiern bezahlt werden und die nicht über die offiziellen Bücher gehen", sagt Schirow. "Heutzutage muss man seine Mitarbeiter bei Laune halten." Wenn in der Extra-Kasse der Firma kein Geld sei für einen buchstäblichen Ausflug in ein anderes Land, dann werde eben ein Besuch im Bordell oder eine Runde im Nachtclub spendiert. Zeit ist Geld.

"Für mich ist dieser Vorfall der Hamburg-Mannheimer völlig normal. Gerade im Versicherungsgewerbe wird gern mit weiblicher Begleitung gefeiert und belohnt. Ich staune höchstens über den Umfang", so Schirow.

Was steckt außer Vergnügen hinter solchen Betriebsfesten? "Man teilt ein gemeinsames Geheimnis und ein gemeinsames Erlebnis, dazu noch ein verbotenes, das schweißt zusammen und macht erpressbar", sagt Monique.

Also kein Zufall, dass bei der Sause in Budapest eine regelrechte Personenkontrolle am Eingang der Therme stattgefunden haben soll und Handys, Fotoapparate, Videokameras streng verboten waren? "Och, oft schießen die Herren schon mal mit dem Handy ein Erinnerungsfoto", sagt Monique. "Aber das wird wohl spätestens im Bus auf der Heimfahrt gelöscht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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1. Sexorgie
realistano 24.05.2011
Zitat von sysopEine Sex-Orgie bei der Betriebsfeier? Das ist keine Seltenheit, sagen zwei Berliner Prostituierte. Solche Partys laufen immer nach dem gleichen Schema: Erst machen die Herren auf schüchtern, dann werfen sie alle Hemmungen über Bord. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,764524,00.html
mich würde sehr interessieren, was die Ehefrauen der Teilnehmer der Sexorgien dazu sagen, ob dieser Art Orgie mit einvernehmliche Einverständnis der Ehefrauen stattfindet oder wissen die überhaupt nicht, was ihre Männer dort treiben. eigentlich ein Scheidungsgrund.
2. In einer Welt, in der (ausgerechnet) Konservative...
olicrom 24.05.2011
... und (erwartbar) Liberale seit Jahrzehnten jede einzelen Faser des Daseins final kommerzialisieren, ist es ein geradezu zwingendes Resultat, dass sich die Wirtschaftskultur zunehmend der Mechanismen römischer Zirkusspiele, den Regeln der Mafia und der Wertewelt von Prostituierten und Zuhältern bedient. Wen überrascht das denn wirklich?
3. Monique hat Recht.
scharnhorst24 24.05.2011
Am besten ergänzt man die Liste um alle Unternehmen in Deutschland. Das ist übliche Praxis seit Jahrzehnten - ob in der Medienbranche, dem Stahlgeschäft, bei Banken (die Deutsche Bank hat erst im vergangenen Jahr ihren Mitarbeitern Puff-Besuche untersagt), Finanzdienstleistern, Zigarettenindustrie, Automobil inkl. Formel 1 und so weiter. Man(n) kann die Eindruck gewinnen, als demnächst Sex verboten werden soll. Lächerlich, diese Diskussion. Guter Sex ist gut fürs Geschäft.
4. Klassenkampf an der Bordelltür?
weltoffener_realist 24.05.2011
Zitat von olicrom... und (erwartbar) Liberale seit Jahrzehnten jede einzelen Faser des Daseins final kommerzialisieren, ist es ein geradezu zwingendes Resultat, dass sich die Wirtschaftskultur zunehmend der Mechanismen römischer Zirkusspiele, den Regeln der Mafia und der Wertewelt von Prostituierten und Zuhältern bedient. Wen überrascht das denn wirklich?
Ganz abgesehen davon, dass man käufliche Liebe nicht zwingend als unmoralisch brandmarken muss, scheinen Sie derartige Bedürfnisse nur Konservativen und Liberalen zuzutrauen. Ein gutes Beispiel für vereinfachende Schwarz-Weiß-Malerei - irgendwie lässt sich eben jedes Randthema zum politischen Klassenkampf missbrauchen.
5. interssant wie wenig kommentare hier auftauchen ...
freelucky123 24.05.2011
Und ich bin froh nicht in der "freien Wirtschaft" arbeiten zu müssen, wo solche Zustände ja normal zu sein scheinen ...
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