Karikaturenstreit in Kassel "Wäre Gott nicht groß, wäre er keinen Witz wert"

Eine Jesus-Karikatur am Eingang der Caricatura in Kassel sorgt für scharfe Kritik der Kirche. Martin Sonntag, der Geschäftsführer der Karikaturenausstellung verteidigt das Werbeplakat und erklärt im Interview, warum ihn die Diskussion über Gotteslästerung überrascht.

Werbeplakat für die Caricatura in Kassel: Die Karikatur von Mario Lars empört die Kirche
DPA

Werbeplakat für die Caricatura in Kassel: Die Karikatur von Mario Lars empört die Kirche


Der Witz ist simpel: Eine Stimme aus dem Himmel sagt zu Jesus am Kreuz: "Ey... du... Ich hab deine Mutter gefickt." Deutsche Kirchenvertreter finden das Plakat gar nicht lustig, mit dem die Caricatura in Kassel für ihre aktuelle Ausstellung wirbt. "Was ich schwierig finde, ist, wenn eine Karikatur das Zentrum des Glaubens verunglimpft", sagte die Stadtdekanin der Evangelischen Kirche, Barbara Heinrich. Auch die katholische und die orthodoxe Kirche sowie die Freikirchen kritisierten den Humor von Zeichner Mario Lars.

SPIEGEL ONLINE hat mit dem Geschäftsführer der Karikaturenausstellung, Martin Sonntag, darüber gesprochen, warum die Kirche über das Plakat lachen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sonntag, die Jesus-Karikatur hängt großformatig vor dem Eingang Ihrer Ausstellung. Warum haben Sie sich für dieses Bild entschieden?

Sonntag: Das war eine ganz banale, technische und formale Entscheidung. Um die Fläche zu bedecken musste es ein Plakat im Hochformat sein, von einer bestimmten Größe und einer nicht zu kleinteiligen Gestaltung. Am Ende ist von den Presseplakaten nur noch das Jesusbild übrig geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte meinen, Sie hätten einen banalen Witz bewusst als Provokation eingesetzt, um die Aufmerksamkeit für Ihre Ausstellung zu steigern.

Sonntag: Natürlich gab es bei uns die Überlegung: Ist der Witz zu deftig? Regen sich die Leute auf? Für uns war aber sehr schnell klar, dass es in Kassel kein Problem sein würde. Kassel hat seit über 50 Jahren die Documenta, seit 25 Jahren die Caricatura. Die Ausstellungen der letzten Jahre haben eigentlich genau das Gegenteil von dem bewiesen, was jetzt gerade passiert. Nämlich dass, auch bei Ausstellungen zum Thema Religion, eine gewisse Gelassenheit herrschte. Die Stadt ist also sehr erfahren, was Kunst und Satire angeht.

SPIEGEL ONLINE: Die evangelische, katholische und die orthodoxe Kirche finden, dass die Karikatur "das Zentrum des Glauben verunglimpft".

Sonntag: Es war keine gezielte Provokation gegen die Kirche um möglichst viel Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Die heftige Reaktion hat uns überrascht. Wir stellen uns aber der Diskussion und setzen uns in den nächsten Tagen mit Kirchenvertretern zusammen. Dann geht es darum, wie die Christenwelt und die Karikaturenwelt miteinander auskommen können. Der Satiriker Wiglaf Droste soll einmal gesagt haben: Wäre Gott nicht groß, wäre er es nicht wert, dass man Witze über ihn macht.

SPIEGEL ONLINE: Dann soll sich die Kirche über die Karikatur freuen?

Sonntag: So würde ich es nicht ausdrücken. Aber ich habe das Gefühl, wir waren eigentlich schon mal weiter im toleranten Umgang miteinander. Unser Ziel ist jetzt, diese überhitzte Diskussion ein bisschen runterzudampfen.

SPIEGEL ONLINE: Das Plakat abzuhängen, kommt nicht in Frage?

Sonntag: Das ist natürlich eine Problematik von Karikaturenausstellungen. Das betrifft nicht nur das Thema Religion. Wir ecken bei vielen Leuten an. Es gibt viele Leute, die Zeichnungen zu frauenfeindlich, rassistisch oder anderweitig diskriminierend finden. Wenn wir jedes Mal sagen würden: 'Oh, das findet jemand doof, das müssen wir abhängen', landen wir mit der komischen Kunst irgendwann bei diesem Schmunzel-Humor der fünfziger Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Die Alternative zu dem verklemmten Humor der Sechziger ist also: "Ey Jesus, ich hab deine Mutter gefickt"?

Sonntag: Es ist ein sehr einfacher, direkter Witz. Es gibt natürlich eine Vielfalt von Humorformen, die wir auch ausstellen. Ich glaube, das Problem liegt in dem Wort "gefickt". Das ist eine sehr derbe Sprache, die aber auch eine Jugendsprache ist. Dass man sich dagegen wehrt, weil es vielleicht etwas Obszönes hat, verwundert mich. Der Rapper Bushido hat für solche Aussprüche einen Bambi für gelungene Integration bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie selber an Gott?

Sonntag: Ich war als Jugendlicher in der katholischen Kirche, das ist aber schon lange her. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich ein Kirchen- oder Christenhasser bin. Wir sitzen ja auch nicht händereibend in unserem Büro und freuen uns über die verletzten Gefühle der Christen. Das ist wirklich nicht unsere Absicht.

Das Interview führte Fabienne Hurst

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.