Modelcasting für die Fashion Week Berlin: "Wir sind nur die Kleiderstangen"

Von Anna-Lena Roth

Model in Berlin: Stefan Pollmann und der Casting-Marathon Fotos
Tobias Kruse/ Ostkreuz

Kurz vor Beginn der Fashion Week Berlin suchen die Modedesigner die Models für ihre Schauen. Für Stefan Pollmann, 20, bedeutet das Stress pur: Er eilt von Casting zu Casting, läuft in Wohnungen auf und ab, lässt sich begutachten, eine Fleischbeschau. Ein Blick in das wenig glamouröse Berufsleben eines Models.

Stefan Pollmann steht aufrecht, konzentriert, die Arme entspannt. Wenige Minuten blieben ihm zu überzeugen, wenige Minuten entscheiden darüber, ob er einen Job kriegt. Er trägt ein dunkles, knappes T-Shirt und eine enge Jeans. Der Kunde soll sofort sehen, was er bekommt.

Am Dienstag startet in Berlin die Fashion Week und bis zum letzten Moment suchen die Designer nach Models, die ihre Kollektionen auf dem Laufsteg präsentieren. Der Designer Marc Stone hat in einer Wohnung in Kreuzberg gebeten, für Pollmann ist es das sechste Casting an diesem Sonntag, insgesamt besucht er an zwei Tagen 13 Termine. Am Abend wird der 20-Jährige nicht mehr genau wissen, wo er sich mittags eigentlich präsentiert hat.

"Hello", sagen die Modelscouts von Marc Stone, als Pollmann reinkommt, man spricht Englisch und geht mit Wörtern sparsam um. "Walk!" ist für Pollmann das Zeichen, sich umzudrehen und zum Ende des Raums zu laufen, wo schon die nächsten Kandidaten sitzen und auf ihre Chance warten. Knapp zehn Schritte sind es, sie sind sehr lang, sehr lässig. Eine Drehung, knapp zehn Schritte zurück, den Blick auf den Designer gerichtet.

"Change". Pollmann soll Stücke der neuen Kollektion anprobieren. Ein gutes Zeichen. Würde er dem Designer nicht gefallen, wäre er längst wieder draußen. Stattdessen: Hose runter, T-Shirt aus. Dann steht er da, halbnackt mitten im Raum, hat nur seine engen, schwarzen Shorts an - und die grauen Socken mit grinsendem Popeye-Gesicht.

Augen? Unwichtig

Die Mitarbeiter sehen sich Pollmanns Mappe an, zuppeln die Hose, das Hemd, das Jackett an seinem Körper zurecht. Sie sehen einander an, nicken sich zu, schütteln die Köpfe. Nesteln an Pollmanns Armen, am Hals, an den Füßen. Nur Pollmanns Augen, die vernachlässigen sie. Nicht wichtig.

Nach knapp zehn Minuten heißt es: "Okay, next!" Es lief alles wie immer, sagt er. Er hat sich längst an das Procedere gewöhnt, es stört ihn nicht mehr. Man stumpfe ab mit der Zeit. "Wir sind nur die Kleiderstangen."

Seit rund zwei Jahren ist Pollmann bei der Hamburger Agentur Modelwerk unter Vertrag. 2011 hat er Abi gemacht, inzwischen modelt er hauptberuflich. Er hat für Tommy Hilfiger und Marc Jacobs gearbeitet, er war für Jobs unter anderem in London, Paris, New York, Mailand und Tokio.

Die Fashion Week in Berlin ist da kein allzu großer Traum mehr. Für die Laufsteg-Jobs gibt es maximal ein paar hundert Euro, nur die großen Label können das bezahlen. Aber allzu viele davon präsentieren nicht in Berlin. Für Michael Michalsky zu laufen, das wäre ein prestigeträchtiger Job gewesen, sagt Pollmann. Bekommen hat er ihn nicht.

Pollmann geht viermal pro Woche ins Fitnessstudio, um seine Muskeln zu trainieren. Ab und zu spielt er noch Fußball, allerdings nicht mehr im Verein, dafür ist er zu selten an einem Ort, kann feste Termine kaum einhalten.

Auf Fastfood verzichtet er schon lange, er weiß nicht mal mehr, wann er seine letzte Pizza gegessen hat. Süßigkeiten sind tabu, er trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen. Er weiß, dass es manchmal sinnvoll wäre, mit den Model-Kollegen auf Partys zu gehen, Kontakte zu knüpfen. Aber er will am nächsten Morgen fit sein - und ein Partyhengst sei er noch nie gewesen. Sein Frühstück bestand am Sonntag aus 100 Gramm Haferflocken mit Sojamilch, 13 Mandeln, einem Apfel und Wasser. Mittags war er beim Asiaten: Reis, Kokosmilch, Gemüse, Fisch. Für unterwegs hat er Studentenfutter dabei.

"Wir sind austauschbar"

Die Kunden schätzen seine Durchschnittlichkeit, sagt Pollmann. Natürlich sieht er kein bisschen wie Durchschnitt aus. Er hat sehr volle, sehr weibliche Lippen, eine schmale Nase, hohe Wangenknochen. Wenn er die Kiefer aufeinanderpresst, entstehen in den Wangen tiefe Grübchen.

Als die Mädchen damals an seiner Schule Listen mit den hübschesten Jungs erstellt haben, stand Pollmann immer ganz oben. In seiner Abizeitung haben sie ihm eine Karriere als Model prophezeit. Als seine Cousine 2011 in Hamburg von einer Modelagentur entdeckt wurde, sagte seine Mutter daheim im ostfriesischen Hinte: "Das kannst du auch." Er bewarb sich mit zwei Fotos, wurde nach Hamburg eingeladen und bekam noch am selben Tag seinen Vertrag.

Er macht den Job vor allem, weil er gut damit verdient. Manchmal seien es mehrere tausend Euro im Monat. Manchmal aber auch gar nichts. Unsicherheit fühle er nicht, sagt er. Er habe inzwischen einen finanziellen Puffer. Und klar, der Job mache ihm auch viel Spaß: Er reist viel, lernt die unterschiedlichsten Leute auf der ganzen Welt kennen, darunter Promis. Schläft mal mit fünf Kollegen auf Feldbetten in einem kleinen Zimmer und ein andermal im Fünf-Sterne-Hotel.

Ein Blick in sein Modelbuch zeigt: Er kann der nette Junge von nebenan sein, der Business-Mann, der Verruchte, der Verrückte. Was er für Durchschnitt hält, schätzen Kunden als Wandlungsfähigkeit. Seine Maße: 99 - 78 - 93.

Er weiß um seine Wirkung. Und er weiß, dass vieles davon Glückssache ist. "Wir sind austauschbar", sagt er über Männermodels.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Und was soll uns das jetzt sagen?
tuttofatto 01.07.2013
Das die armen Männermodels genauso schlecht dastehen wie die weiblichen Models? Wer diesen Job will, weiss spätestens nach 6 Monaten was auf ihn/sie zukommt und auf was es ankommt. Natürlich sind das Kleidstangen! Alles andere wäre auch obsolet und an der Wirklichkeit vorbei gezielt. Solange er dabei Spass hat und Kohle macht, soll er. Und daneben soll er sich noch eine solide Ausbildung zumuten. Damit er nachher auch noch was hat um Geld zu verdienen.
2. optional
alpha.nerd 01.07.2013
hat er sich den job ausgesucht oder nicht? warum jammert der? viele niedriglohnjobber würden tauschen...
3. Erkannt...
BettyB. 01.07.2013
Wenn man um die (ich bitte um Verzeihung) "laufenden Kleiderständer" nicht so ein Buhei machen würde, wüsste man wohl, dass zei Beine reicen, um auf und ab zu laufen.
4. sehr traurig
PaulBeckenbauer 01.07.2013
Vielleicht sollte er es als Altenpfleger Arbeiten, das macht wenigstens Sinn. Die kids denken das es ein cooler Job ist, für mich ist das ein anspruchsloser Job den man ohne Gehirn und grössere Verantwortung ist und sollte eigentlich auch nicht besser als ein im Supermarkt Kassierer finanziell gestellt werdem. Aber wenn die Kids lieber als Kleiderstangen Arbeiten wollen, sollen sie doch aber ohne gejammer.
5.
saga1310 01.07.2013
Zitat von PaulBeckenbauerVielleicht sollte er es als Altenpfleger Arbeiten, das macht wenigstens Sinn. Die kids denken das es ein cooler Job ist, für mich ist das ein anspruchsloser Job den man ohne Gehirn und grössere Verantwortung ist und sollte eigentlich auch nicht besser als ein im Supermarkt Kassierer finanziell gestellt werdem. Aber wenn die Kids lieber als Kleiderstangen Arbeiten wollen, sollen sie doch aber ohne gejammer.
Wo/wann jammert er denn?
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