Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Jetzt mal gaaaaaanz langsam!

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Pause in Islamabad: Welche Rolle spielt Zeit?

Aus "sieben Stunden" werden 20, aus "drei Tagen" vier Wochen, und was "ganz schnell" gehen soll, dauert am Ende eine Ewigkeit: In Südasien ist Zeit ein relativer Begriff - wie SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim lernen musste. Ein Erfahrungsbericht über die Entdeckung der Langsamkeit.

Also jetzt mal langsam. Man muss nicht immer schnell zur Sache kommen, nur weil das in den Journalistenhandbüchern so steht: "Das Wesentliche zuerst." Pfff, von wegen. So eine Einstellung ist sehr unasiatisch. Als westlicher Journalist in östlichem Raum lebt man in einem andauernden Kulturkonflikt.

Jetzt lehnen Sie sich zurück, schlürfen Sie einen Schluck grünen Tee oder milchigsüßen Chai und lesen Sie geduldig weiter. Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Entschleunigung Ihres Lebens, und wenn Sie ihn gerade bei der Arbeit lesen, was soll's: Jeder Mensch braucht mal eine Pause. Trendfuzzis nennen das neuerdings "Slowness" und bieten teure Seminare dazu an. In Südasien kriegen Sie Slowness standardmäßig, und zwar kostenlos. Am Anfang kostet es nur ein paar Nerven.

Kürzlich rief mich meine Redaktion an, ich sah es auf dem Display und wusste, dass die wieder ganz dringend etwas von mir wollen. Redakteure rufen Korrespondenten grundsätzlich nur an, wenn sie ganz schnell eine Geschichte brauchen, sonst nie.

"Pass auf, es gibt Gerüchte, dass die pakistanischen Streitkräfte einen Deutschen festgenommen haben", vernahm ich durch den Telefonhörer. "Kannst du dich bitte mal umhören? Wäre super, wenn du mehr rausfinden kannst. Ruf sofort an, wenn du eine Bestätigung hast."

"Dann kommen Sie halt eine Stunde früher"

Ich versprach, mich schleunigst an die Arbeit zu machen. Nach zig Telefonaten stellte ich fest: Alle meine Informanten hatten leider nichts von der Verhaftung gehört. Ich beschloss also, einen für gewöhnlich sehr gut informierten General anzurufen.

"General Sahib, Salam Aleikum! Wie geht es Ihnen?"

"Ah, der Journalist Sahib aus Deutschland, Waleikum Salam! Schön, Sie mal wieder zu hören! Mir geht's bestens, aber erzählen Sie mal!"

"Ich habe heute eine Bitte: Es gibt Hinweise, dass Ihre Leute einen Deutschen verhaftet haben. Könnten Sie mir da bitte ein paar Informationen zukommen lassen, zum Beispiel wann und wo genau sich das zugetragen hat?"

"Kein Problem, ich helfe Ihnen gern", sagte der freundliche General. "Kommen Sie doch in einer Woche vorbei, am Montag um 15 Uhr."

"Ähm, General, wissen Sie, ich brauche die Information recht schnell, wir arbeiten ja sehr aktuell als Journalisten."

Schweigen in der Telefonleitung. Dann: "Na gut, dann kommen Sie halt eine Stunde früher."

Wie erklärt man so etwas seiner Redaktion?

Ich habe selbst lernen müssen, dass Zeit relativ ist. Dass man bei Treffen mit Informanten alles bekommt, Tee, Kekse, Geschichten aus der Familie und Vorträge über das Wetter, nur keine Informationen, jedenfalls nicht bei den ersten zwei, drei Treffen.

Dramatische Autofahrt zum Dalai Lama

Mein bisher schwierigstes Lehrstück in Sachen Zeit war eine Fahrt von Neu-Delhi ins nordindische Dharamsala. Es gab Unruhen in Tibet und ich sollte möglichst schnell zum Exil-Sitz des Dalai Lama reisen und von dort berichten. Ich nahm also einen Nachtflug von Hamburg über München nach Neu-Delhi. In Neu-Delhi um sieben Uhr morgens angekommen, erfuhr ich, dass es wegen schlechten Wetters bis auf weiteres keine Flüge nach Dharamsala gebe. "Kann sein, dass übermorgen was geht, kann aber auch sein, dass es noch eine Woche dauert", sagte mir eine Frau am Ticketschalter. "Am besten nehmen Sie ein Auto."

Vor dem Büro einer Autovermietung am Flughafen von Neu-Delhi, eher eine Art umgebaute Imbissbude, lächelte mich ein freundlicher Mann an: "Gar kein Problem, Sir, die Fahrt von hier nach Dharamsala dauert nur sieben Stunden! Wenn überhaupt!" Ich warf einen Blick auf die Indienkarte an der Wand hinter ihm: Neu-Delhi nach Dharamsala, macht etwa 400 Kilometer. Sollte zu schaffen sein, dachte ich.

"Ich bin gleich wieder da", sagte der Mann von der Autovermietung und verschwand. Etwa zehn Minuten später hielt er direkt vor meinen Füßen mit einem Auto: einem klapprigen Tata, einem Kleinwagen. "So, da wären wir!", sagte er, als er aus dem Wagen sprang und mein Gepäck in den Kofferraum hievte. "Ich bin Ihr Fahrer!"

"Sie meinen, dieses Auto ist geeignet für diese Tour?"

"Ja ja, es ist ein schönes Auto, nicht wahr? Nur sechs Jahre alt, wie neu, sogar mit Klimaanlage."

"Das meine ich nicht. Dharamsala liegt in den Bergen. Brauchen wir da nicht einen Geländewagen?"

"Geländewagen? Nein, Sir, sparen Sie bloß Ihr Geld, dieses Auto ist komfortabel und völlig ausreichend!"

Motorenqualm, Schotterpisten und bedrohliche Abgründe

Wir machten uns gegen neun Uhr auf den Weg, durch das Verkehrschaos von Neu-Delhi Richtung Norden. Mit jedem Kilometer wurde die Straße holpriger.

Nach sechs Stunden fing der Motor an zu qualmen. Alle zehn Minuten musste der Fahrer nun halten, um Wasser über den heißgelaufenen Motor zu kippen.

Nach acht Stunden gab das Auto den Geist auf. Wir standen auf einer staubigen Straße mitten in der Provinz. Glücklicherweise kam ein Mann mit einem Kleintransporter vorbei, er schleppte uns mit Hilfe zweier Fahrradschläuche zur nächsten Werkstatt.

"Wo sind wir eigentlich?", fragte ich vorsichtig. "Noch weit von Dharamsala?"

"Nein, ganz nah, dauert nicht mehr lange", sagte der Fahrer. "Nur eine klitzekleine Reparatur, dann geht es weiter."

Die Automechaniker nahmen den Motor in all seinen verdammten Einzelteilen auseinander. Eine halbe Stunde lang werkelten sie herum, dann sprachen sie im Flüsterton zu meinem Fahrer. Der kam etwas zerknirscht zu mir.

"Also, jetzt brauchen wir nur ein Ersatzteil. Gar kein Problem. Das kommt morgen an und dann fahren wir weiter."

"Morgen?"

"Ja, ganz früh morgens."

"Nein, auf gar keinen Fall! Beziehungsweise: Von mir aus kommt das Ersatzteil morgen, aber ich brauche jetzt sofort ein anderes Auto, damit ich weiter nach Dharamsala kann! Ich habe einen Termin dort, ich kann nicht zu spät kommen."

Mein Fahrer ging wieder zu den Mechanikern, während ich mich auf eine Holzbank am Straßenrand setzte. Nach einer Viertelstunde kam er zu mir und erklärte, man würde ein neues Auto für mich organisieren. "Ein sehr gutes Auto, besser als dieses", versprach er mir und zeigte auf den auseinandergenommenen Tata.

Explodierter Generator

Eine Stunde verging. Jemand brachte mir Tee. Eine weitere Stunde verstrich. Ein Auto bog auf den Hof der Werkstatt: wieder ein Kleinwagen, diesmal ein Suzuki - mein neues Auto, mit einem neuen Fahrer.

Ich fasse mich jetzt doch mal kurz: Wir hatten bisher etwa die Hälfte der Strecke geschafft, für die andere Hälfte, auf der wir uns nun auf Schotterpisten die Berge hoch- und herunterquälten, benötigten wir noch einmal etwa acht Stunden. Der Fahrer sang vor sich hin, irgendwann war die Nacht hereingebrochen und links von mir taten sich mehrere hundert Meter tiefe Abgründe auf.

Die Fahrt dauerte insgesamt also knapp 20 Stunden, statt, wie versprochen, nur sieben - und das unmittelbar nach einem Flug von Deutschland nach Indien. Der Termin mit dem Dalai Lama hat trotzdem geklappt und für die Rückfahrt bestand ich auf einen Geländewagen.

Man eignet sich irgendwann ein neues Zeitverständnis an. Im Juni ist der Stromgenerator vor unserem Haus in Islamabad explodiert. Ich bin dringend auf ihn angewiesen, weil hier ständig der Strom ausfällt. Der Mechaniker, der damals kam, versprach mir, das Gerät "ganz schnell" zu reparieren. "Spätestens in zwei, drei Tagen ist das erledigt." Die Reparatur hat am Ende länger gedauert. Sehr viel länger. Nämlich vier Wochen.

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21 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
SirRobin 09.09.2010
hackebeil20 09.09.2010
Niamey 09.09.2010
JohannesB.Kerner 09.09.2010
mbschmid 09.09.2010
critique 09.09.2010
relies 09.09.2010
mumrik2 09.09.2010
mbschmid 09.09.2010
critique 09.09.2010
soulamite72 09.09.2010
tetaro 09.09.2010
porhmeus 09.09.2010
mike.bullshit 09.09.2010
kehrseitenkehrseite 09.09.2010
EXFHSSZIGB 09.09.2010
hier_entlang 09.09.2010
Newspeak 10.09.2010
matze_charakato 12.12.2010
Haio Forler 31.03.2011
heilige kuh 07.10.2012
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Buchtipp

Hasnain Kazim:
Grünkohl und Curry.

DTV Deutscher Taschenbuch Verlag; 260 Seiten; gebunden; 14,90 Euro.

Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

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