Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Können wir Revolution?

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Hasnain Kazim

Pakistanischer Patriot (an der Grenze zu Indien): Generation Facebook ist ausgewandert

Gebannt verfolgen die Menschen in Südasien, wie Völker in der arabischen Welt verkrustete Machtstrukturen aufbrechen und selbstherrliche Herrscher stürzen. Ganz offensichtlich macht es Spaß, Regierende aus dem Amt zu jagen. Viele fragen sich jetzt: Können wir das auch?

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Kürzlich gab es in Pakistan mal wieder einen Aufstand. Es war eine Ein-Mann-Revolte: Ein wohlhabender Geschäftsmann hatte Freunde in seine Villa in Karatschi eingeladen, Samstagabend, Whiskyparty, wie man eben in der islamischen Republik seine Freizeit verbringt. Spät in der Nacht überkam die Männerrunde ein Heißhunger, man bestellte Pizza.

Eine Dreiviertelstunde später kam der Wachmann ins Haus und sagte, der Pizzalieferant sei da. Der Geschäftsmann ließ den Wachmann das Essen hereinholen. Die Rechnung belief sich auf umgerechnet 250 Euro. Der Geschäftsmann drückte seinem Wachmann ein Bündel Rupienscheine in die Hand und befahl ihm, den Pizzaservice zu bezahlen.

Der Wachmann ging in sein Wachhäuschen, holte seine Pistole, fesselte den Pizzamann, lief zurück in die Villa und schrie seinen Arbeitgeber an: "Du zahlst mir 6000 Rupien [etwa 50 Euro] Monatsgehalt, womit ich meine sechsköpfige Familie ernähren muss, und verfrisst das Fünffache an einem einzigen Abend?" Er ließ sich von allen Gästen die Geldbörsen geben - und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Die Episode endet damit, dass die Polizei den Fall zu den Akten nahm. Ermittlungen? Ach was, dazu war der Geschäftsmann nicht wichtig genug. Zeitungsberichte? Solche Vorfälle schaffen es nur selten in die Presse, dafür kommen sie in Ländern wie Pakistan, Indien, Bangladesch, Sri Lanka und Nepal zu häufig vor.

Hoffen auf Gott, ein gutes Karma oder einen starken Führer

Die Masse der Bevölkerung ist unfassbar arm, obwohl sie arbeitet, während wenige Menschen sagenhaft reich sind, obwohl sie (meist) nicht arbeiten. Und natürlich sieht man, dank Fernsehen und Internet, wie gut es den Menschen anderswo in der Welt geht und wie ungerecht es in Südasien zugeht.

Gründe, gegen die ungerechten Zustände zu protestieren, gäbe es genug: korrupte Machteliten, soziale Unterschiede zementierende Kastensysteme, Unterdrückung im Namen der Religion, Fanatismus, wirtschaftliche Ausbeutung, als Demokratien verkleidete Aristokratien und so weiter.

Gebannt blicken die Menschen in Südasien deshalb in die arabische Welt, wo Hunderttausende Menschen sich dagegen wehren und ihre Herrscher stürzen. Zeitungen, in denen das Ausland jenseits Südasiens normalerweise nur auf den hinteren Seiten stattfindet, zeigen plötzlich Bilder aus Tripolis, Tunis und Kairo auf der ersten Seite. Als Ägyptens Präsident Husni Mubarak am 11. Februar zurücktrat, stießen die Menschen darauf in Südasien an. Sie spürten: Es macht Spaß, Diktatoren aus dem Amt zu jagen. Die heiß debattierte Frage in Teehäusern und Cafés lautet seither: Können wir auch Revolution?

Kolumnisten und Politikwissenschaftler geben komplizierte Antworten, die sich so zusammenfassen lassen: Nein, können wir nicht. Denn Revolution hieße: Die Menschen tun sich zusammen, um gemeinsame Ziele (gerechte Bezahlung, ein funktionierendes Justizsystem, faire Polizei, ehrliche Politiker und so fort) zu erreichen. Revolution bedeute auch, dass man aufhören müsste, Lebensträume und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verschieben, auf Gott, ein gutes Karma oder einen starken Führer zu bauen, sondern stattdessen die Sache selbst in die Hand zu nehmen und dafür auf die Straße zu gehen.

Zu kleine, zu schwache Zivilgesellschaften

Jeder in Südasien weiß, dass das unmöglich ist. "Bei uns kämpfen Khans für Khans, Mirzas für Mirzas und Durranis für Durranis", sagt Taxifahrer Saleem in Islamabad und bringt damit auf den Punkt: Die Loyalität innerhalb der Familie und des Stammes ist unerschütterlich, darüber hinaus gibt es keine. "Bestenfalls setzen sich noch Ärzte für Ärzte ein und Anwälte für Anwälte", sagt er. Aber eine übergreifende Opposition gegen die herrschenden Zustände? Unvorstellbar!

Zwar existieren in den südasiatischen Staaten Zivilgesellschaften - aber sie sind zu klein, zu schwach, ohne vernehmbare Stimme. Die Massen sind ungebildet, arm und an politischer Aktivität desinteressiert. Und die Facebook-Generation, die in Nordafrika den Widerstand organisiert und damit den Weg zu einer besseren Zukunft für sich selbst bereitet, fehlt in Südasien. Sie ist nach Amerika, Europa oder Australien ausgewandert. Noch immer verlassen jeden Monat Hunderttausende Menschen Südasien und kehren nicht mehr zurück. Der Revolution fehlt das leitende Personal.

In Pakistan gibt es nicht einmal einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was eigentlich das Ziel ist. Eine Demokratie? Ein Gottesstaat? Oder doch wieder eine wohlwollende Militärdiktatur? Man kriegt es nicht einmal hin, das Gaddafi-Stadion in Lahore, Schauplatz von Kricketspielen, endlich umzubenennen.

Die Nepalesen haben immerhin schon eine Revolution durchgezogen, vor fünf Jahren, als sie den König vom Thron jagten und die Monarchie abschafften. Dabei ist es bislang geblieben, die Demokratie funktioniert noch nicht so richtig. Nach sieben Monaten ohne Regierungschef und nach 16 gescheiterten Wahlgängen hat Nepal Mitte Februar einen neuen Premierminister gewählt. Eine nepalesische Schriftstellerin bringt es auf den Punkt: "Wir haben gelernt, dass es einfacher ist, eine Revolution anzufangen, als sie zu einem Ende zu bringen."

Ein-Mann-Revolten sind für den Unzufriedenen leider erfolgversprechender.

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33 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
hier-und-dar 02.03.2011
e-ding 02.03.2011
andreasneumann2 02.03.2011
mavoe 02.03.2011
perspicientia1 02.03.2011
jaein 02.03.2011
Die_Sonne 02.03.2011
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thomas bode 02.03.2011
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Peter Sonntag 02.03.2011
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jaein 02.03.2011
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e-ding 02.03.2011
VPolitologeV 02.03.2011
VPolitologeV 02.03.2011
karmamarga 02.03.2011
aarged 29.07.2011
saytom 25.09.2011
gapun 19.10.2011
gapun 19.10.2011
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Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

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