Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Von Burka und Bleichcreme

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Burka-Trägerinnen in Pakistan: "Ich werde immer Kundinnen haben"

Burkas sieht man kaum in Pakistans Hauptstadt. Stattdessen zieht SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim die Blicke auf sich, wenn er sich mit seiner Frau - einer Weißen - auf Islamabads Straßen zeigt. Sie gilt aufgrund ihrer Hellhäutigkeit als sexy, er als toller Hecht. Oder ihr Lakai.

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Burkahändler ist ein ehrenwerter Kaufmannsberuf. Aber er ist, jedenfalls in Europa, akut bedroht. Autos zum Beispiel würde man, mit Verweis auf die Arbeitsplätze, nie verbieten, obwohl es durchaus nachvollziehbare Gründe dafür gibt. Die Autoindustrie hat wohl die umtriebigeren Lobbyisten als die Burkaindustrie.

Abdul Ghafur verkauft Burkas in Kabul, hellblaue gehen derzeit besser als die dunkelblauen. "Alle zwölf Monate kauft sich eine Frau im Durchschnitt eine neue Burka", sagt er. "Sollten die Frauen aufhören, Burka zu tragen, suche ich mir eben einen neuen Job. Aber ich werde immer Kundinnen haben, das ist eben der Islam", erklärt er. Er habe einen krisensicheren Job.

Gut, dass er keine Filiale in Brüssel oder Paris betreibt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag keine Burkas, ich finde nur, dass Abdul Ghafur ein netter Kerl ist. Meine Frau trägt nie Burka, auch kein Kopftuch. Wir leben in Pakistan, von diesem Land haben die meisten eine falsche Vorstellung. Hier werfen die Frauen sich vornehmlich in den ländlichen Gebieten eine Burka über, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan.

In Islamabad gilt die Burka als ziemlich uncool. Da meine Frau sich wie die meisten Frauen hier nicht verhüllt, fällt sie also als Weiße sofort auf - was in Ordnung ist für sie, aber es hat merkwürdige Konsequenzen, auch für mich. Denn südasiatische Männer haben eigene Vorstellungen, was weiße Frauen angeht. Sie gelten als begehrenswert, als zu allem bereit und im besten Sinne des Wortes als verrucht.

Wenn ich mit meiner Frau in der Stadt unterwegs bin, nicken mir manchmal wildfremde junge Männer zu, es gibt anerkennende Blicke, es fehlt nur, dass sie mir auf die Schulter klopfen. Ich musste mich erst daran gewöhnen, aber: Sie halten mich für einen echt geilen Macker. Der hat's geschafft, denken sie, und man sieht die Frage in ihren Gesichtern: Wie hat er das bloß gemacht?

Kürzlich waren wir in einem großen Buchgeschäft. Wir hatten zuvor ein paar Besorgungen erledigt, ich trug die Einkaufstaschen, während meine Frau durch die Regalgänge schlenderte. Ein junger Verkäufer kam auf mich zu. Er sprach mich mit leiser Stimme an.

"Entschuldigung, darf ich eine etwas persönliche Frage stellen?"

"Klar, was gibt's?"

"Was zahlt Ihnen diese Frau eigentlich?"

Die Frage nach dem Gehalt stellt man hier üblicherweise völlig ungeniert, aber ich war doch etwas irritiert. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, worauf er hinaus wollte: Er hielt mich für einen pakistanischen Bediensteten der Ausländerin, für denjenigen, der Madam fährt, sie begleitet und die Tüten trägt.

Ich antwortete: "Gehen Sie am besten zu ihr und fragen Sie sie selbst. Vielleicht können Sie ja eine Gehaltserhöhung für mich durchsetzen."

Jetzt war er es, der irritiert guckte.

"Mensch, das ist meine Frau!", half ich ihm. "Wofür soll die mich bezahlen?"

Es gibt Momente, in denen dunkelhäutige Menschen sich freuen, dass man ihnen nicht ansieht, wenn sie rot werden.

Seither sind wir gute Freunde. Jedes Mal, wenn ich in dem Buchladen bin, gibt es ein kleines Schwätzchen. Aber eine Sache nagte an dem Verkäufer, und er sprach mich irgendwann wieder vertrauensvoll an.

"Sagen Sie, ist Ihre Frau Muslimin?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Und Sie sind richtig verheiratet, mit Trauschein und so?"

Ich nickte.

"Aber das geht doch nicht! Wie ist das möglich?"

"Nun ja, wir haben einfach vor ein paar Jahren geheiratet, in Deutschland..."

"Ach, in Deutschland!", unterbrach er mich. "Dann ist mir alles klar! Hier in Pakistan ginge das ja nicht, Sie als Pakistaner und dann mit einer Ausländerin, die nicht einmal Muslimin ist."

Ich glaube, er redete Unsinn, denn natürlich geht das. Nur in seiner Vorstellung nicht. Aber ich hatte keine Lust auf eine längere Diskussion.

Es gibt viele Männer in Südasien, in Pakistan wie in Indien, die ständig hinter weißen Frauen her sind. Die sie einfach auf der Straße ansprechen, sie zu einer Cola einladen oder ihnen sonst etwas versprechen, in der Hoffnung, daraus könnte sich eine Amour fou ergeben. Man nennt diese Männer "Turkey", Truthähne. Ich weiß nicht, woher diese Bezeichnung kommt, aber ich finde, man tut diesen Tieren damit Unrecht.

Wohlmeinende Südasiaten erzählen mir, es sei gut, dass ich eine Deutsche geheiratet hätte, denn deutsche Ehefrauen seien "treu" und "loyal". In den vergangenen Monaten habe ich das bestimmt schon zwanzig Mal gehört. Diese Begriffe fallen immer, wenn es um deutsche Frauen geht. Genauso, wie die Begriffe "hochwertig" und "robust" immer in Zusammenhang mit deutschen Autos fallen.

Das nervt ähnlich wie die Gaffer. Neulich fuhren zwei langbärtige Männer im Schritttempo mit ihrem Kleinwagen an uns vorbei, wir gingen gerade zu Fuß durch die Stadt. Sowohl Fahrer als auch Beifahrer glotzten und glotzten und glotzten, und es war ein Glück, dass die Straße vor ihnen frei war.

Vielleicht sollte ich auch weiß werden, denn ich komme zu dem Schluss, dass ich offensichtlich viel zu dunkel bin, um eine weiße Frau haben zu können. Ein weißer Mann mit einer weißen Frau würde jedenfalls nicht für so viel Aufsehen sorgen. In den Drogerien und Apotheken ist die Auswahl an Bleichcremes und Bleichseifen gigantisch. Hellhäutig zu sein, ist in Südasien das Schönheitsideal schlechthin. Die Hamburger Firma Beiersdorf vertreibt unter der Marke "Nivea" sogar eine eigene Bleich-Pflegeserie für Männer.

Burka zu tragen kommt für mich natürlich nicht in Frage.

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43 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
brux 03.05.2010
cha cha 03.05.2010
marypastor 03.05.2010
arber-shputa 03.05.2010
absinthe 03.05.2010
SvenRichthoff 03.05.2010
munxx 04.05.2010
Earendil77 04.05.2010
DeGe_Richter 04.05.2010
jetset 04.05.2010
Earendil77 04.05.2010
albert schulz 04.05.2010
nurEinGast 04.05.2010
denverfakir 04.05.2010
steelrat 04.05.2010
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Majolica 04.05.2010
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ralphofffm 04.05.2010
multiplexer 04.05.2010
glücklichinnordhessen 04.05.2010
Ned Flanders 76 04.05.2010
multiplexer 04.05.2010
Majolica 04.05.2010
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Fitheach 02.03.2011
cupfer71 11.07.2011
eNc.orporation 26.07.2011
Sheherazade 26.07.2011
hierro 26.07.2011
udolein 08.04.2013
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Grünkohl und Curry.

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Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

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