Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time "Wie, Sie haben keine Kinder?!"

Kinder in Islamabad: Ständige Fragerei nach dem Nachwuchs Zur Großansicht
AP

Kinder in Islamabad: Ständige Fragerei nach dem Nachwuchs

Die Bevölkerung Südasiens wächst nicht - sie explodiert. Kein Wunder, hier herrscht eine wahre Kinderobsession, Paare ohne Nachwuchs müssen sich Fragen nach ihrer Fruchtbarkeit gefallen lassen. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim weiß es aus eigener leidvoller Erfahrung.

Eine der ersten Fragen in einem Taxi in Indien, Pakistan und Bangladesch lautet: "Sind Sie verheiratet?" Wenn ich alleine unterwegs bin, kommt die Frage des Fahrers meist in interessiertem Ton. Ist meine Frau dabei, hat das Ganze eine eher anzügliche Note. Die wahre Frage lautet dann nämlich: Ob bei dieser Partnerschaft wohl alles seine Richtigkeit hat? Zwinker, zwinker.

Man möchte in diesem Moment das Fenster herunterkurbeln und den unsagbaren Verkehrslärm ins Auto wehen lassen, um den Fortgang des Gesprächs unmöglich zu machen, aber leider sind die Kurbeln meistens defekt.

Es folgt also die unvermeidliche Frage Nummer zwei: "Wie lange sind Sie schon verheiratet?" Man grummelt genervt etwas dahin, was den Fahrer überhaupt nicht irritiert. Wie einem Drehbuch folgend, stellt er jetzt die Frage nach den Kindern. "Haben Sie Kinder?" Manche fragen auch gleich, davon ausgehend, dass es selbstverständlich Nachwuchs gibt: "Wie viele Kinder haben Sie?"

An dieser Stelle empfehle ich allen Kinderlosen, ungehemmt zu lügen. Rechnen Sie einfach ein Kind pro Jahr Verheiratetsein, maximal jedoch sechs, sonst wird's unglaubwürdig. Sagen Sie also ruhig voller Stolz: "Sechs!", strahlen Sie den Fahrer, dessen Augen Sie im Rückspiegel sehen, an, und bringen Sie ihn so zum neidvollen Verstummen. Sie ersparen sich mit dieser kleinen Notlüge mitleidige bis missbilligende Blicke sowie Erörterungen über Ihre Fruchtbarkeit.

Enormer Reproduktionsdruck nach der Hochzeit

Wenn Sie dagegen mit der Wahrheit rausrücken, bekommen Sie von Taxifahrern, Gemüsehändlern, Handwerkern, Wachleuten - von wildfremden Menschen also - an den Kopf geknallt: "Wie, Sie haben keine Kinder?!"

Südasiaten haben eine Kinderobsession, die in Zeugungszwang mündet: Wenn nicht neun Monate nach der Hochzeit das erste Kind da ist, geht das Geraune los. Wenig später schleppt die Familie die arme Frau und den armen Mann zum Arzt. "Mit ihr ist etwas nicht in Ordnung", heißt es schnell, oder: "Ist er etwa impotent?" Das ist keineswegs übertrieben, junge Paare in südasiatischen Ländern stehen unter gewaltigem Reproduktionsdruck. Ich bin ein Beweis, ich bin auf den Tag genau neun Monate nach der Hochzeit meiner Eltern geboren, kein Witz.

Erst wenn ein Kind da ist, geben die Verwandten Ruhe: mission accomplished.

Kürzlich las ich, dass das Elterngeld in Deutschland nichts gebracht hat. Im vergangenen Jahr kamen nur noch rund 650.000 Kinder in der Bundesrepublik zur Welt, während 840.000 Menschen starben - macht netto einen Bevölkerungsschwund von 190.000.

Nur mal so in den Raum geworfen: Indiens Bevölkerung wächst jedes Jahr um 15 Millionen Menschen. Glaubt man den Berechnungen der Vereinten Nationen, hat Indien spätestens bis zum Jahr 2050, wahrscheinlich schon 2025, China als das bevölkerungsreichste Land der Welt überholt (gerade ist man hier dabei, in einer aufwendigen Prozedur die Einwohner zu zählen). Pakistan wird dann, hinter China und den USA, auf Platz vier liegen. Und Bangladesch auf Platz sieben, direkt hinter Indonesien und Nigeria. Und das alles ohne finanziellen Anreiz zum Kinderkriegen.

Verwunderung über das deutsche Elterngeld

Als ich einem pakistanischen Bekannten vom Elterngeld in Deutschland erzählte, guckte er mich an, als sei ich nicht ganz zurechnungsfähig.

"Du meinst, die Regierung bezahlt den Leuten Geld, damit sie Sex haben?"

"Nicht exakt. Es geht darum, dass sie Kinder kriegen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein wachsendes Problem, da ein Einkommen alleine heute oft nicht mehr ausreicht, um über die Runden zu kommen. Um also den Ausfall einer Einnahmequelle nach der Geburt eines Kindes zu kompensieren, springt der Staat ein", versuchte ich ihm diese familienfreundliche Politik zu erklären.

Er schien erschüttert und sagte nichts. Ich glaube, das war wieder so ein Fall von Zusammenprall der Kulturen.

Mit Kinderliebe allein hat das Bevölkerungswachstum in Südasien nicht zu tun. Jedenfalls glaube ich das nicht, wenn ich die vielen Kleinen sehe, die auf den Straßen von Karatschi, Mumbai und Dhaka zum Betteln geschickt werden, damit sie ihren Beitrag zum Familieneinkommen leisten.

Das ist natürlich nicht der Normalfall, man kann in Südasien eine durchaus erfreuliche Kindheit haben. Fakt ist aber, dass Kinder hier auch eine Altersvorsorge sind. Im Prinzip funktioniert das Rentensystem wie in Deutschland: Jung zahlt für Alt, aber eben nicht über einen allgemeinen Topf, sondern ganz individuell - die Kinder sorgen für ihre Eltern.

Offensichtlich führt das dazu, dass wirklich jeder Kinder haben will. Vielleicht ist sozialer Druck das effektivere familienpolitische Mittel als Elterngeld.

Wie, Sie haben noch keine Kinder? Dann aber hopp, hopp!

Diesen Artikel...
80 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
country_yokel 03.06.2010
lumba-lumba 03.06.2010
indosolar 03.06.2010
Wade Wilson 03.06.2010
buzzi 03.06.2010
Peter Sonntag 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
heitzig-j 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
annalüse 03.06.2010
wilde Socke 03.06.2010
chrome_koran 03.06.2010
SalvadorDali 03.06.2010
SalvadorDali 03.06.2010
Ylex 03.06.2010
Dodol 03.06.2010
fakeaccount 03.06.2010
user56 03.06.2010
Arne11 03.06.2010
worldwatch 03.06.2010
Koda 03.06.2010
ludna 03.06.2010
user56 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
sitiwati 03.06.2010
teldg 03.06.2010
gerthans 03.06.2010
cucco 03.06.2010
frubi 03.06.2010
gerthans 03.06.2010
Mathias Roeder 03.06.2010
lamirabelle 03.06.2010
join3 03.06.2010
benpeshawar 03.06.2010
toledo 03.06.2010
curaitis 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
schnurz123 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
f.k 03.06.2010
carranza 03.06.2010
sitiwati 03.06.2010
SalzstreuerIn 03.06.2010
Transminator 03.06.2010
country_yokel 03.06.2010
laosichuan 03.06.2010
mavoe 03.06.2010
maipiu 03.06.2010
jubelbube 03.06.2010
Mayia 03.06.2010
sitiwati 03.06.2010
annalüse 03.06.2010
SalzstreuerIn 03.06.2010
SalzstreuerIn 03.06.2010
sitiwati 03.06.2010
SalzstreuerIn 03.06.2010
testthewest 03.06.2010
testthewest 03.06.2010
sitiwati 03.06.2010
chrome_koran 03.06.2010
camemberta 03.06.2010
Celestine 03.06.2010
jubelbube 03.06.2010
Celestine 03.06.2010
cucco 03.06.2010
Olaf 03.06.2010
Sheherazade 03.06.2010
SalzstreuerIn 05.06.2010
SalzstreuerIn 05.06.2010
Izmir.Übül 05.06.2010
country_yokel 05.06.2010
Sheherazade 05.06.2010
SalzstreuerIn 05.06.2010
SalzstreuerIn 05.06.2010
Leroy77 12.11.2010
nadaniemand 23.11.2010
Zanilla 23.11.2010
Kurt G 23.11.2010
Kurt G 23.11.2010
leserin_45 10.04.2013
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Chai Time
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

Hasnain Kazim:
Grünkohl und Curry.

DTV Deutscher Taschenbuch Verlag; 260 Seiten; gebunden; 14,90 Euro.

Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

Einfach und bequem: Bestellen Sie das eBook direkt im SPIEGEL-Shop.