Ein Polizist hält mich an einem Kontrollposten in Islamabad an. An allen Ecken der pakistanischen Hauptstadt ist so ein Checkpoint, man muss da um drei, vier Betonklötze im Slalom fahren, am Ende hockt ein Uniformierter mit Maschinenpistole. Es soll eine Maßnahme gegen Terroristen sein.
Ausgerechnet jetzt verlangt der Polizist nach den Autopapieren. Es ist 23 Uhr, mich hat eine Lust auf Schokolade überkommen, und ich bin deshalb auf dem Weg zur Tankstelle, die 24 Stunden geöffnet hat. Entsprechend wenig Geld habe ich dabei: 500 Rupien, nicht einmal vier Euro. Ansonsten nichts, keine Autopapiere, keinen Ausweis, kein Mobiltelefon.
Als ich dem Polizisten das sage, erwidert er: "Soooo! Dann steigen Sie mal aus." Er führt mich zu einem anderen Polizisten, offensichtlich ranghöher als er, er hat jedenfalls mehr Blech auf der Schulter. "Tja, was machen wir da?", sagt der. "Vielleicht finden wir ja eine Lösung?" Er zwinkert mir zu.
Es ist klar, was er will: Geld. Ich soll Schmiergeld zahlen. Die 500 Rupien würden vermutlich genügen. Der Mann verdient wahrscheinlich nur 10.000 Rupien im Monat, also 80 Euro. Ein Staat, der seine Bediensteten so niedrig bezahlt, sollte sich über Korruption nicht wundern.
Nicht zu bestechen kostet Zeit und Nerven
Aber es geht ums Prinzip, also tue ich so, als wüsste ich nicht, worauf er hinaus will. Er wendet sich ab und beginnt ein leises Gespräch mit seinem Kollegen. Er will mich warten lassen, bis ich irgendwann aufgebe und ihm das Geld gebe. Aber ich denke mir: Ich habe alle Zeit der Welt.
Nach fünf Minuten kommt er wieder. "Also, was sagen Sie?" - "Ich wohne gleich um die Ecke, kommen Sie mit, ich zeige Ihnen meine Papiere." Er mustert mich, dann schüttelt er den Kopf. "Wir müssen Sie wohl mit aufs Revier nehmen."
Eine Stunde verbringe ich dort, in einem Büro mit flackernder Neonröhre. Polizisten laufen herum, einer sitzt mir gelangweilt gegenüber an seinem Schreibtisch und starrt auf ein leeres Blatt Papier. Ich denke: Mal sehen, wer zuerst die Geduld verliert. Irgendwann sagt er: "Nehmen Sie immer ihre Papiere mit!" Ich antworte: "Versprochen." Dann fahre ich nach Hause. Ohne Schokolade.
Nicht zu bestechen kostet Zeit und Nerven. Ohne Geldschein wartet man eine Ewigkeit auf eine Genehmigung, auf ein Dokument, auf eine ordentliche Behandlung, darauf, dass die Dinge einfach laufen. Man kann beim Richter milde Urteile (auch Freisprüche) kaufen, beim Zoll die Erlaubnis, Alkohol einzuführen (was in Pakistan grundsätzlich illegal ist), und bei der Baubehörde die Erlaubnis, in geschütztem Gebiet zu bauen. Alle klagen über diese Käuflichkeitskultur, aber alle schmieren mit.
Nato schmiert ihre eigenen Feinde
In Rawalpindi wurde ich einmal erwischt, als ich bei Rot über eine Ampel fuhr. Ein Polizist stoppte mich ein paar Meter hinter der Kreuzung. Das Missachten von Rot kostet hier 400 Rupien, also etwa drei Euro. Er wäre wohl auch mit weniger zufrieden gewesen, wenn ich auf eine Quittung verzichtet hätte. Ich sagte: "Nein, nein, 400 Rupien sind schon in Ordnung, aber geben Sie mir bitte einen ordentlichen Strafzettel." Er schaute mich an, als wäre ich nicht mehr ganz bei Sinnen.
In Indien hat Aktivist Anna Hazare mit seinem 15-tägigen Hungerstreik ein neues Anti-Korruptionsgesetz durchgesetzt. Eigentlich müsste ganz Südasien in Hungerstreik treten. Indien liegt auf der aktuellen Liste der korruptesten Länder auf Platz 87 und damit noch hinter China (78), Sri Lanka belegt Platz 91, Bangladesch 134, Pakistan sogar 143. Am korruptesten sind laut "Transparency International" übrigens Somalia, Burma und Afghanistan, am wenigsten bestechlich Dänemark, Neuseeland und das autoritär regierte Singapur. Deutschland landet auf Platz 15.
Selbst die Nato schmiert, und zwar ihre eigenen Feinde: Ein Großteil des Nachschubs für die Truppen der Alliierten in Afghanistan kommt per Schiff im pakistanischen Karatschi an und wird dann per Lastwagen ans Ziel gebracht. Die Fahrer haben immer einen Batzen Geld dabei, denn die Extremisten verlangen für einen sicheren Weg pro Container etwa 1500 Dollar. Bei mehr als 300 Containern täglich ist das big business. Korrupte Beamte verlangen ebenfalls die eine oder andere "Gebühr". Wenn die Nato vergisst zu zahlen, werden die Transporter angegriffen, geplündert oder gehen in Flammen auf.
Kürzlich gab es auf einem Markt an der Grenze zu Afghanistan wieder gigantische Käseräder aus Holland zu kaufen - Käse, der eigentlich für die Nato-Soldaten in Afghanistan bestimmt war. In Pakistan ist Käse selten und teuer, jetzt gab es ihn preiswert und in großen Mengen.
Wenn die Nato-Soldaten in Afghanistan den Käse essen, müssen sie davon ausgehen, dass jemand bestochen wurde, damit er bei ihnen ankommt. Wenn Zivilisten in Pakistan in den Genuss kommen, wissen sie, dass er gestohlen ist. Fazit: Diesen Käse kann man nur mit schlechtem Gewissen essen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Chai Time | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH