Chaos in Haiti Uno will 3500 Blauhelme und Soldaten schicken

Der Weltsicherheitsrat hat Haiti weitere "schnelle Hilfe" zugesagt. Uno-Generalsekretär Ban will 3500 zusätzliche Blauhelme und Uno-Polizisten schicken. Gewalt und Plünderungen nehmen zu, Ärzte berichten von ersten Opfern mit Schusswunden.


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Einsatz in Haiti: Helfer in der Hölle
Port-au-Prince - Die Vereinten Nationen wollen Haiti so zügig wie möglich mit internationalen Truppen helfen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon schlug am Montag vor, zur Stabilisierung des Landes 3500 zusätzliche Blauhelm-Soldaten und Uno-Polizisten zu entsenden. Der amtierende Ratspräsident Zhang Yesui (China) sprach der Regierung und der Bevölkerung in dem Karibikstaat im Namen der Ratsmitglieder tiefstes Mitgefühl aus und versprach: "Der Sicherheitsrat arbeitet hart an einer schnellen Antwort auf das Gesuch, die Truppenzahl zu erhöhen."

Ban hatte den Sicherheitsrat zuvor über seine persönlichen Eindrücke von der Situation nach dem verheerenden Beben unterrichtet. Er war erst am Sonntagabend von einem eintägigen Besuch in Haiti zurückgekehrt. Derzeit sind im Zuge der Uno-Mission MINUSTAH rund 11.000 Soldaten und Polizisten in Haiti stationiert. Mindestens 46 Mitarbeiter der Vereinten Nationen wurden nach Uno-Angaben bei dem Beben getötet, der Verbleib von über 500 weiteren war demnach weiter unklar.

Unter zunächst noch ungeklärten Umständen ist bei den Rettungsarbeiten am Montag ein US-Bürger gestorben. Wie der Sprecher des US-Generalstabs, John Kirby, mitteilte, wurden drei weitere US-Bürger leicht verletzt. Nach Angaben eines US-Vertreters gehörten sie einer Gruppe von sechs bis zehn US-Zivilisten an, die wegen Hitzeschlags oder Dehydrierung evakuiert werden sollten.

Unterdessen traf der frühere US-Präsident Bill Clinton in seiner Funktion als UN-Sonderbeauftragter für Haiti in dem Karibikstaat ein. Clinton, der von seiner Tochter Chelsea begleitet wird, will seinem Spendenaufruf für den verwüsteten Karibikstaat Nachdruck verleihen.

In Haiti warten knapp eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben Hunderttausende zunehmend verzweifelt auf Hilfe. Experten gehen inzwischen von bis zu 200.000 Toten aus, nach Angaben der haitianischen Regierung wurden bislang 70.000 Opfer geborgen und beigesetzt. Mindestens eine Viertelmillion Menschen wurden Schätzungen zufolge bei dem Beben der Stärke 7,0 verletzt, 1,5 Millionen obdachlos. In Schulen und öffentlichen Gebäuden sollten rund 280 Notfallzentren errichtet werden, um die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen und ihnen Notunterkünfte anzubieten. Die Regierung rief den Notstand aus und setzte eine einmonatige Staatstrauer an.

Die EU wird dem verwüsteten Land mit rund 400 Millionen Euro unmittelbar und langfristig helfen. Zudem sollen 150 europäische Polizisten nach Haiti entsandt werden. Brüssel fordert allerdings eine bessere Koordination der Rettungsmaßnahmen. Am 25. Januar wollen die Geberländer in einer internationalen Konferenz im kanadischen Montréal über weitere Hilfsmaßnahmen für Haiti beraten.

"Die Nerven liegen blank"

In dem Karibikstaat greifen Gewalt und Plünderungen um sich - meist aus Verzweiflung. Die Bevölkerung in Port-au-Prince kämpfe ums pure Überleben, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK): "Die Nerven liegen blank, während den hungrigen und durstigen Überlebenden langsam bewusst wird, was sie verloren haben", sagte der Leiter der IKRK-Delegation in Haiti, Ricardo Conti. Nur wenige Menschen hätten Zugang zu sanitären Anlagen, Wasser, Essen, ärztlicher Hilfe und Unterkünften,

Die Polizei setzte Tränengas ein und fuhr mit Lastwagen in eine Menschenmenge, um Plünderer auseinanderzutreiben. Neben Lebensmitteln war auch Zahnpasta heiß begehrt. Die Haitianer schmieren sie sich unter die Nase, um den Gestank der auf den Straßen verwesenden Leichen zu übertünchen.

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Haiti: Kampf ums Überleben und die Vorherrschaft
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtete von Menschen mit Schuss- und Stichverletzungen. "Die Situation ist absolut dramatisch", sagte Projektkoordinator Loris de Filippi. In allen Notkrankenhäusern werde in Doppelschichten gearbeitet, Tausende Menschen warteten auf Behandlung. Problematisch sei auch, dass nur ganz wenige Haitianer gegen die tödlich verlaufende Infektionskrankheit Tetanus geimpft seien.

Ärzte ohne Grenzen hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 3000 Menschen nach dem Erdbeben behandelt, rund 500 wurden operiert. Als frustrierend für die Mitarbeiter vor Ort bezeichnete die Organisation die logistischen Probleme. Zwei Flugzeuge mit dringend benötigtem medizinischen Material hätten jüngst wegen Überfüllung des Flughafens nicht landen können. Die US-Truppen, die den Flughafen kontrollieren, hatten nach Darstellung von Hilfsorganisationen zunächst Maschinen mit Rettungskräften und Soldaten Priorität eingeräumt.

Handynetz ist weitgehend wieder hergestellt

Nach scharfer Kritik an der schleppenden Verteilung der Hilfsgüter erklärte das Welternährungsprogramm (WFP), Flugzeuge mit Medikamenten oder Nahrungsmitteln hätten bei der Landung am überlasteten Flughafen von Port-au-Prince ab sofort Vorrang. Das WFP hoffte, am Montag rund 97.000 Haitianer mit Mahlzeiten versorgen zu können. Eigentlich benötigen nach Einschätzung der UN aber zwei Millionen Menschen in dem Karibikstaat Lebensmittelhilfen.

Bis der durch das Erdbeben schwer beschädigte Hafen in Port-au-Prince wieder genutzt werden könne, werde es vermutlich noch zwei bis drei Tage dauern, sagte US-General Michael Dana. Dort sollen Containerschiffe mit Hilfslieferungen einlaufen. Das Handynetz in Port-au-Prince ist inzwischen zu rund 70 Prozent wieder funktionsfähig, teilte der größte Netzwerkbetreiber in dem Karibikstaat, der irische Konzern Digicel, mit. Anrufe mit im Ausland registrierten Handys, das sogenannte Roaming, sei sogar in vollem Umfang möglich.

"Abendzeitung" berichtet von zweitem deutschen Opfer

Die Hoffnung, in den Ruinen der zerstörten haitianischen Städte noch Überlebende zu finden, schwindet knapp eine Woche nach dem Beben. Der Uno zufolge wurden seit der Katastrophe vom vergangenen Dienstag rund 70 Verschüttete gerettet.

16 Deutsche wurden am Montag noch im Katastrophengebiet vermisst. Bislang wurde ein deutsches Todesopfer bestätigt. Einen Bericht der Münchner "Abendzeitung" zufolge wurde außerdem eine 26-jährige Münchnerin tot geborgen worden. Ihr Vater sei nach Haiti gereist, um den Leichnam zu identifizieren. Das Auswärtige Amt konnte den Bericht zunächst nicht bestätigen.

Haitis Präsident René Préval bat die internationale Gemeinschaft um ein auf mehrere Jahre ausgerichtetes Engagement. "Wir dürfen nicht nur die Wunden heilen, die durch das Erdbeben entstanden sind. Wir müssen die Wirtschaft, die Landwirtschaft, das Bildungs- und Gesundheitswesen entwickeln und die demokratischen Institutionen stärken", sagte Préval auf einer internationalen Geberkonferenz in der benachbarten Dominikanischen Republik und bedankte sich für die bisher geleistete schnelle und präzise Hilfe.

siu/dpa/AFP/apn/Reuters/dpa

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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