Todkrankes Baby Eltern geben Kampf um Charlie Gard auf

Seit Monaten streiten die Eltern des todkranken Charlie vor Gericht um das Leben ihres Babys. Jetzt geben sie den Kampf auf: Es sei zu spät, den Jungen zu behandeln.

Connie Yates und Chris Gard (Archiv)
Getty Images

Connie Yates und Chris Gard (Archiv)


Die Eltern des schwer kranken britischen Säuglings Charlie Gard haben den juristischen Streit um das Schicksal ihres Kindes aufgegeben. Das sagte ein Anwalt des Paares. Die schlimmsten Befürchtungen der Eltern bezüglich des Gesundheitszustands des Kindes hätten sich bestätigt, sagte der Jurist Grant Armstrong: "Es ist jetzt zu spät, Charlie zu behandeln."

Er verwies auf Charlies jüngste Gehirn-Scans und sagte, eine Weiterbehandlung sei nicht mehr zu "seinem Besten". Ein weiterer Kampf würde Charlie nur Schmerzen verursachen. "Dunkle Tagen liegen hinter den Eltern", sagte der Anwalt von Connie Yates und Chris Gard.

Zuvor hatten Gerichte durch alle Instanzen hindurch entschieden, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen für den elf Monate alten Jungen eingestellt werden sollen. Nun sollte ein Richter am Londoner High Court entscheiden, ob ein US-Experte das Baby behandeln darf.

"Wir wollten ihm doch nur eine Chance auf Leben geben"

"Unser Sohn musste monatelang im Krankenhaus ohne Behandlung liegen", sagt der Vater schluchzend nach dem Termin im High Court. Nun sei es an der Zeit, Charlie gehen zu lassen. Etwa fünf Monate lang hatte er gemeinsam mit seiner Frau um das Schicksal des Babys gekämpft.

"Wir wollten ihm doch nur eine Chance auf Leben geben", sagte die Mutter. "Es tut uns so leid, dass wir dich nicht retten konnten." Nun werde man nie erfahren, was passiert wäre, wenn er eine Therapie bekommen hätte.

Charlies behandelnde Ärzte im Londoner Great-Ormond-Street-Krankenhaus glauben nicht, dass dem Jungen noch geholfen werden kann. Sie wollen ihm Leid ersparen und fordern, dass er in Würde sterben soll. Er habe bereits irreparable Schäden am Hirn erlitten, argumentierten sie. Charlies Eltern wollten ihn dagegen für eine experimentelle Therapie in die USA bringen, die allerdings bei Charlies Erkrankung noch nie ausprobiert worden war - nur bei milderen Verläufen.

Der elf Monate alte Junge leidet an einer seltenen genetischen Erkrankung, dem mitochondrialen DNA-Depletionssyndrom (MDDS), bei dem insbesondere das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wird. Charlie muss künstlich beatmet und ernährt werden. Er kann sich nicht bewegen, ist gehörlos und hat epileptische Störungen.

Anwalt Armstrong kündigte an, nun man wolle man mit dem Krankenhaus darüber sprechen, wie Charlie sterben solle. Seine Frau und er wollten nun die "letzten wertvollen Momente" mit dem Sohn verbringen, der "seinen ersten Geburtstag in knapp zwei Wochen leider nicht mehr erleben" werde, sagte Vater Chris Gard.

Charlie Gard (undatierte Aufnahme)
Family of Charlie Gard/DPA

Charlie Gard (undatierte Aufnahme)

Bereits Ende Juni sollte Charlies Beatmung eingestellt werden, doch die Eltern baten um Aufschub, damit sie sich von ihrem Sohn verabschieden können. Sie reichten Anfang Juli eine Petition mit 350.000 Unterschriften in der Klinik ein, mit der sie eine Behandlung ihres schwer kranken Sohns im Ausland erreichen wollten. Sie sammelten rund 1,5 Millionen Euro an Spenden, um den Krankentransport und die Behandlung bezahlen zu können.

Anfang Juli kündigte das Great-Ormond-Street-Hospital an, den Fall nochmals gerichtlich überprüfen zu lassen. Anlass waren die Zuschriften mehrerer Experten, die angaben, neue Erkenntnisse über die Chancen einer experimentellen Therapie vorlegen zu können.

Der Fall des todkranken Charlie hatte international Aufsehen erregt. Auch Papst Franziskus und US-Präsident Donald Trump hatten sich geäußert. Krankenhäuser in den USA und Italien hatten angeboten, Charlie weiter zu behandeln.

Das Great-Ormond-Street-Krankenhaus klagte zuletzt über Belästigungen und sogar Morddrohungen durch Unterstützer der Eltern gegen Ärzte und Krankenschwestern.

wit/dpa/Reuters

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