Chat mit ehemaligen Heimkindern Die echten Oliver Twists

Lange Zeit haben sie über das, was sie erlebt haben, geschwiegen, nun wollen sie darüber sprechen: Heimkinder, die nach dem Krieg hinter den Mauern kirchlicher und staatlicher Heime verschwanden und dort misshandelt wurden. Zwei von ihnen stellen sich im SPIEGEL-ONLINE-Chat den Fragen der Leser.


Hamburg - In den fünfziger und sechziger Jahren wurden Hunderttausende Kinder und Jugendliche in den Heimen einem oft gnadenlosen Erziehungssystem von Zucht und Ordnung ausgeliefert. Darunter waren auch Regina Eppert, die die "besten" Jahre ihrer Jugend im Dortmunder Vincenzheim bei den "Barmherzigen Schwestern" verbrachte, und Michael Peter Schiltsky, der in einem evangelischen Knabenheim in Westuffeln/Westfalen aufwuchs.

Ihr Schicksal teilten in der jungen Bundesrepublik bis in die siebziger Jahre hinein mehr als eine halbe Million Menschen in über 3000 Erziehungsheimen. Eppert und Schiltsky erlebten ein Stück Zeitgeschichte, dass in Vergessenheit geraten ist. Sie sagen: "Wir wurden gedemütigt, entrechtet, seelisch wie körperlich misshandelt und manche von uns als jugendliche Zwangsarbeiter benutzt."

Sie wollen die Scham, ein Heimkind gewesen zu sein, das Stigma ihrer Kindheit endgültig überwinden. "Es war immer ein Makel", sagt Regina Eppert: "Es schien besser, darüber niemals zu sprechen. Wir haben es nicht einmal unseren Partnern erzählt. Bloß nicht daran denken. Als ob man die hohe Mauer, die um unser Heim gewesen ist, sein Leben lang behalten hätte."

Viele geben sich noch heute nicht freiwillig als Heimkind zu erkennen. Regina war 1960 im Alter von 18 Jahren mit ihrer Schwester Elke ins Vincenzheim eingewiesen worden. Sie musste zusammen mit ihrer knapp einjährigen Tochter ins Heim. Sie war zwar mit einem 20-Jährigen verheiratet, doch das Jugendamt beanstandete die fehlende gemeinsame Wohnung, und hielt sie für eine ordentliche Ehe noch für zu unreif. Deshalb sollten die Nonnen für die nötige Reife bei der jungen Frau sorgen.

Ihr eigenes Kind durfte sie jedoch nur einmal in der Woche, am Sonntag, für ein paar Stunden sehen. Obwohl Regina für die Nonnen täglich in einem Saal der Kinderabteilung des Vincenzhauses andere Säuglinge pflegen musste, hatten die Schwestern es dem Fürsorgezögling untersagt, im direkt angrenzenden Raum sich um ihre eigene Tochter zu sorgen. An den Wochentagen konnte sie den Kontakt zu ihrem Kind nur heimlich bewerkstelligen. Das ging stets dann, wenn ihre Kollegin Lissy an der Eingangstür Schmiere stand.

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Für Michael-Peter Schiltsky ist die Konfrontation mit seiner Heim-Vergangenheit ein Weg, den eigenen Erinnerungen glauben zu können, die andere, denen er davon erzählte, so unglaublich erschienen, dass sie zu ihm sagten: "Was erzählst du uns für Oliver-Twist-Geschichten?"

Schiltsky war von 1957 bis 1962 im Knabenheim und bei seiner Einweisung gerade zehn Jahre alt, hatte sogar eine Gymnasialempfehlung. Doch im Heim gab es nur acht Volksschuljahre, 50 Kinder in einer Klasse. Später gelang ihm ein erfolgreicher Abschluss im Aufbaugymnasium. Als wohl einziges Kind aus der Klasse studierte er später sogar: Bildhauerei und Germanistik.

Heute ist er 58 und blickt auf eine äußerlich erfolgreiche Vita zurück. Er nahm Lehraufträge an, hatte zwei Gastprofessuren. Seine Werke als freischaffender Bildhauer stehen in Museen in der ganzen Bundesrepublik, er hatte unter anderem eine Einzelausstellung in der renommierten Mannheimer Kunsthalle. Vor einiger Zeit, bei einem Besuch seines ehemaligen Hausvaters, sagte der Diakon zu ihm: "Es kann doch nicht so schlimm bei uns gewesen sein, denn sogar aus dir ist doch noch etwas geworden!"

Schiltsky sieht das anders: "Immer gibt es diese Flashbacks, ganz plötzliche, intensive Erinnerungen, ausgelöst durch Gerüche oder Bilder. Sie bringen mich sofort zurück in diese unselige Zeit meiner Kindheit, zurück in den Kartoffelkeller, den Heizungsraum, die Schuhkammer, den Speisesaal, in dieses Bett in dieser Kammer über dem Balkon."

Mit dem Verstand sagt er sich dann: "Mensch, ich hab doch was erreicht." Aber es nützt nichts. "Es bleibt immer das Gefühl, als Mensch nichts wert zu sein. Dieses Gefühl sagt mir immer: Versteck dich, verkriech dich in eine Ecke, wo dich niemand sieht."

Peter Wensierski

SPIEGEL-ONLINE-Leser haben in einem Chat die Gelegenheit, die beiden ehemaligen Heimkinder über ihre Erfahrungen hinter den Heimmauern und ihre Verarbeitung der Erlebnisse zu befragen.

Der Chat findet morgen (Dienstag, 21. Februar) von 13 bis 14 Uhr statt.



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